Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXVII): Heimwerker

14 08 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Anfänge waren existenziell. Kaum hatte der Hominide das Konzept der Sesshaftigkeit für sich entdeckt, da wurde er auch schon mit den Zwängen der Materie konfrontiert. Eine Sippenhöhle bot den besten Schutz für die gesamte Nachkommenschaft, war aber wesentlich schwerer zu finden als ein Bauplatz für eine Blätterhütte. Eine Erdhöhle war in wenigen Stunden ausgehoben und mit Astwerk lose bedeckt, bot aber nur Deckung bis zum nächsten Wolkenbruch. Immerhin musste der Frühmensch noch nicht täglich Geschirr spülen – wo hätte er nur das Handtuch zum Trocknen aufhängen sollen. Bis zum Pfahlbau blieben noch ein paar geschmeidige Jahrtausende, in denen er seine Fertigkeiten in die Entwicklung des Handwerks stecken konnte, in den Bau von Werkzeugen, mit denen er dann sein erstes Eigenheim errichten sollte. Mit dem letzten Schlag des Hammers aber begann die Katastrophe, die bis heute anhält: wer es nicht bis ins Handwerk schafft, der wird Heimwerker.

Die Verkleidung aus gehobelter Fichte in Beize Nummer 34 ist noch nicht lotrecht an der tragenden Außenwand der Nasszelle angeschwiemelt, da geht der Werkstoff auch schon in organisch anmutende Wellenbewegung über – hätte man imprägnieren oder zumindest einmal matt überlackieren können, aber schließlich stand davon nichts in der für den Freizeitmaestro gedachten Zeitschrift, nach deren Erwerb man alles, in Worten: alles selbst machen kann, was andere während ihrer Arbeitszeit tun müssen. Der Hobbyinnenarchitekt überlegt kurz, kleistert den Lack in rudimentärer Kenntnisnahme der Schwerkraft mehrlagig auf die Balken, feudelt die Reste vom gefliesten Boden auf, während der dazu verwendete Lappen bereits niedermolekular mit dem Alkydharz sowie der Trittfläche eine feste Einheit zu bilden beginnt, und freut sich über die am Fliesengrund entstehende Raumkunst, die auch seine Arbeitshandschuhe dauerhaft zur Geltung bringt. Doch der Tag ist noch jung; es bleibt noch Zeit, das Versagen an der Kreuzschlitzkopfschraube zu zelebrieren, die zwei auseinandergesägte Stühle zu einer formunschönen Garderobe vereinen und die Summe der einzelnen Teile an die Vertikale montieren sollten. Immerhin löst sich das bizarre Ensemble am Stück von der Tapete, von der es die geschmackvoll unregelmäßigen Risse gleich mit in die Tiefe nimmt, und zerlegt sich erst am frisch versiegelten Parkett aus dem Do-it-yourself-Markt wieder in seine Vorprodukte. Die sichtbar wellig an die Mauer gedengelte Spiegelfliesenfront, die durch mangelnde Ausrichtung ein Bild zurückwirft, wie es die gemeine Stubenfliege nicht besser könnte, ist nicht in Mitleidenschaft gezogen. Die fachgerecht aus mehreren zu kurz und splittrig abgeschnittenen Fußleistenstücke lösen sich unter der Vibration von der Wand, doch das tun sie auch bei zu heftiger Atmung im Nebenzimmer. Wozu also dies alles?

Wie die Zubereitung industriell vorgefertigter Tierprodukte über offenen Feuer, als wäre der durchschnittliche Bescheuerte keine Bürokraft, sondern Holzfäller im Sondereinsatz, scheint die Heimwerkerei als triebbedingte Ersatzhandlung, die atavistische Neigungen sozialverträglich ausleben lässt. Man fühlt sich enthemmt und befreit von den Zwängen der Zivilisation, die übliche Methode von Versuch und Irrtum muss auch auf größere Verluste keine Rücksicht mehr nehmen, und da es dennoch im gesellschaftlich geschützten Raum stattfindet, ist auch das Schamgefühl der Kandare entflohen. Wer das handwerkliche Talent einer Seegurke mit sich durchs Leben trägt, aber mit dem absturzsicheren Selbstbewusstsein eines nordrheinwestfälischen FDP-Führers gesegnet ist, möllert schlankerhand den Lotto-Jackpot für eine Bandsägensammlung raus, mit der die grillenden Steakfresser sonst die kahl gehauene Sahara zu Fertigparkett, Fußleisten und Pressspan verarbeitet hätten, und pflanzt sich ein Monument in den Vorgarten, bei dem Horaz sich grinsend den Lorbeer zurechtrückt.

Empirisch betrachtet ist Handwerken lediglich die ergebnisbezogene Ewigkeitsvorstellung derer, bei denen es – vom Handwerksberuf abgesehen – nicht zur großen Kunst nicht gereicht hat, die bis zum klimabedingten Tsunami in der musealen Stille und Erhabenheit austrocknen, während das Gebein des Schöpfers den Weg des Recyclings geht, wie es auch anderen in der Kohlenstoffwelt droht. Sie wollen sich erzgleich dauerhaft ins Bild der jeweils betroffenen Region prägen, ob mit gemauertem Kamin aus Feldstein oder komplett verschindelter Fassade: sieht scheiße aus, hält aber ewig. Sollte intelligentes Leben in einem Moment der Schwäche diese Galaxie einmal nicht weiträumig umkreisen, sie werden den Schmodder finden, da er sämtlichen kosmischen Grundkräften standhalten wird.

Vielleicht aber ist es auch nur der Drang, Nachbarn und Kollegen neidisch zu machen, indem man die Bude minimal über das Niveau des total Unbehausten hinaus hievt und mangels wirklichem Kontakt den Beweis für einen selbst gegossenen Estrich schuldig bleibt, der nicht als Buckelpiste die Weltmeisterschaft einstreichen würde, fielen nicht die Dachbalken donnernd nach Vollendung darüber zusammen. So verkehrt war die Blätterhütte nicht.