Heimwärtsspiel

17 08 2020

„In erster Linie tun wir etwas für die Sicherheit der Anhänger. Wenn Sie alleine an die infektiologische Komponente des Stadionsports denken, das ist mit ein paar Schutzmasken ja nicht getan. Da muss der Profifußball als gesellschaftlich relevante Kraft auch den Mut haben, neue Wege zu gehen und die Menschen mitzunehmen. Oder auch eben nicht, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Wir müssen Fußball neu denken. Das bedeutet, wir müssen uns auch darüber Gedanken machen, wie wir die Sicherheit der Fußballfans noch mehr als jetzt gewährleisten. Wir können auch nicht als verantwortungsvolle Organisation die Öffnung der Schulen für unsere Kinder fordern oder noch mehr Lockerungen für Hotels und Gaststätten, wenn wir als einer der großen Sportverbände selbst nicht mit gutem Beispiel vorangehen. Stellen Sie sich doch mal vor, was das für eine entsetzliche Entwicklung wäre, wenn Woche für Woche die Neuinfektionen durch den Stadionbesuch in die Höhe gingen. Das kann man nicht verantworten, zumindest wir als Funktionäre haben uns entschieden, dass wir die Gesundheit unserer Anhänger höher bewerten als die sprichwörtliche Stadionatmosphäre.

Den Klimaaspekt darf man hier aber auch nicht unterschlagen, denn wenn Sie mal nachrechnen, was alleine der Personentransport für die ganzen Auswärtsspiele für die Umweltbilanz tut – mal ehrlich, Sie fahren nicht fünfhundert Kilometer mit dem Rad durch Deutschland, um dann in der Kurve zu stehen, das ist doch unrealistisch. Die ganzen verstopften Züge, das Polizeiaufgebot, wenn da ein paar gewaltbereite Fans unter den Sportsfreunden sind, das kommt alles noch obendrauf. Deshalb haben wir uns entschlossen, diese ganze Einteilung, dieses: Auswärtsspiel, Heimspiel, das wollen wir abschaffen. Es gibt nur noch Heimwärtsspiele.

Ja, Sie haben das richtig verstanden. Wir wollen keine Fans mehr im Stadion. Das ist eine so nicht mehr tolerierbare Form von Sportveranstaltung, die wir abschaffen werden, wenn uns die technischen Möglichkeiten eines Neuanfangs klar sind. Die Infektionsgefahr auf dem heimischen Sofa ist doch sehr viel geringer, und selbst wenn Sie tatsächlich in Quarantäne sein sollten, dann können Sie Ihre Mannschaft immer noch anfeuern. Die meisten sind inzwischen mit diesen Spielkonsolen so vertraut, dass wir ein echtes Fußballmatch mit vielen frei wählbaren Kameraperspektiven so perfekt streamen können, als wäre es eine Simulation. An den Bezahlmodellen müssten wir noch ein bisschen arbeiten, das ist mit einer Dauerkarte nicht getan, aber eine Flatrate und In-App-Käufe für diverse Extras, das sollte sich doch machen lassen.

Der Fan als solcher ist für uns nämlich auch ein Risiko, das müssen Sie bedenken. Die Unfallgefahr ist zu Hause nämlich auch erheblich geringer, und selbst wenn dort etwas passieren sollte, dann haben wir das versicherungstechnisch nicht an der Backe. Wir müssen das Gestühl nicht ständig warten und die Sicherheitsvorschriften nicht umsetzen, es gibt keine Probleme mit Pyrotechnik, und wir tun sogar etwas für die Volksgesundheit. Ehrlich, diese absolut üblen Bratwürste – selbst mal probiert, das ist doch nicht normal, dass man so etwas isst! – und dazu noch Unmengen an Bier, das ist doch keine Ernährung, die man mit Sport assoziiert. Gut, Sie können zu Hause auf der Couch auch Chips in sich reinstopfen und doppelt so viel Bier trinken, aber das liegt dann nicht mehr in unserer Verantwortung und stellt deshalb für uns auch kein Problem mehr dar. Da beginnt dann das Umdenken auf der Seite der Fans, die ein Teil unseres Sports bleiben sollen.

Die Stadionkulisse wird man dann eben aus dem Computer holen. Wenn man das in einem Spiel schon perfekt simulieren kann, warum soll das dann nicht auch umgekehrt funktionieren? Wir wollen auf die Spieler Rücksicht nehmen, die sind das so gewohnt, und es ist für die auch schon schöner, wenn sie Fahnen haben und Fangesänge und Jubel, aber man muss da eine Abwägung treffen, und in Bezug auf die Umstellung des Geschäftsmodells ist das dann eine Kostenfrage, die sich uns bald nicht mehr stellt. Mit etwas mehr Rechenleistung ist dann auch individualisierte Bandenwerbung möglich.

Ein paar Funktionäre werden sich das trotzdem live angucken. Ab und zu lassen die sich mal im Stadion blicken, beispielsweise zu Fototerminen oder zu besonderen Meetings, das ist dann immer eine sehr angenehme Atmosphäre, weil man ja in der Position nicht mehr so viel mit Sport zu tun hat. Vielleicht könnte man das mittelfristig für Gäste öffnen, die sich das leisten wollen, da ein gewisser Service auch nicht kostenlos sein kann. Immerhin stehen wir in dieser doch sehr besonderen Situation für die Sicherheit der Besucher gerade, das darf man nicht vergessen. Das kann schon schwierig werden, wenn es ja gleichzeitig um die Spieler geht, die die Auflagen des Infektionsschutzes einhalten müssen, obwohl das auch eine ganze Menge Geld kostet. Das trifft uns als Wirtschaftsbetriebe sehr hart, und da müsste man eigentlich Konsequenzen ziehen wie in jeder anderen Branche. Wir machen ja auch viel Umsatz mit Fanartikeln, als guter Club muss man heute auch eine starke Markenbotschaft haben, ein Image, mit dem man sich kommerziell nachhaltig aufstellen kann. Und mal ehrlich, wenn ich da an der Seitenlinie stehe und mir in diesem überakustischen Stadion anhören muss, was so ein Innenverteidiger alles auf dem Platz brüllt… –

Sagen Sie mal, was würden Sie eigentlich davon halten, wenn wir auch noch die Spieler abschaffen?“