Cancel Culture

19 08 2020

„Es muss ein klares Feindbild geben!“ „Ganz meine Meinung.“ „Entschuldigen Sie, aber wozu?“ „Da fragen Sie noch?“ „Da fragt er noch!“ „Wie wollen Sie denn eine Wahl gewinnen ohne Feindbild?“ „Mit Inhalten.“ „Sagen Sie mal, sind Sie so doof oder tun Sie nur so?“

„Die bürgerliche Gesellschaft würde sich gerade anbieten.“ „Alles linksversifft!“ „Sozialismus!“ „Sie reden hier wie die AfD, fällt Ihnen das nicht selbst auf?“ „Doch, warum?“ „Es ist ja auch nicht alles schlecht.“ „Ganz meine Meinung.“ „Und wir grenzen uns schon ab.“ „Zumindest inhaltlich.“ „Für das Verhalten unserer Mitglieder können wir natürlich nicht immer etwas, aber auch das sollte man dann doch eher locker sehen.“ „Und deshalb brauchen Sie die bürgerliche Gesellschaft als Feindbild.“ „Sie hören auch nur, was Sie hören wollen.“ „Sie haben doch eben gerade selbst…“ „Weil das alles ein linksversiffter Mainstream ist.“ „Und warum wollen Sie dann die bürgerliche Gesellschaft angreifen, der Sie angeblich auch angehören?“ „Selbstkritik. Im Wahlkampf kann man das noch ganz gut verkaufen.“

„Aber warum dann nicht Inhalte?“ „Merken Sie überhaupt noch irgendwas?“ „Der merkt gar nichts mehr.“ „Ihrer Partei fehlt schlicht die Idee, und das führt dann zwangsläufig zu einer inhaltlichen…“ „Wenn Sie der Meinung sind, Sie seien der bessere Vorsitzende, warum kandidieren Sie dann nicht?“ „Würde der Vorsitzende denn zurücktreten, wenn er die Wahl verliert?“ „Jetzt werden Sie mal nicht komisch, Freundchen!“ „Das ist mal wieder so typisch für diese linken Spinner!“ „Keine Ahnung, worum es geht, aber erst mal persönlich werden!“ „Ganz meine Meinung.“ „Und welche Idee hat Ihr Vorsitzender?“ „Es kommt doch nicht auf den Vorsitzenden an, der kann doch auch nur auf die Krise reagieren.“ „Welche Krise meinen Sie denn, die Wirtschaftskrise, die Pandemie oder die…“ „Meine Güte, unsere Partei halt.“ „Ach so, Ihre Partei ist eine Krise. Das hatte ich nicht gewusst.“

„Wir brauchen halt mehr Freiheit und nicht diese ständigen Verbote.“ „Wo wird denn etwas verboten?“ „Überall, und jetzt tun Sie nicht so, als ob Sie das nicht genau wüssten.“ „Und wie wollen Sie das bewältigen?“ „Was?“ „Naja, die Krise. Sie sehen doch eine Krise, die Sie mit mehr Freiheit bewältigen wollen.“ „Das habe ich so nicht gesagt, das legen Sie mir wieder in den Mund!“ „Und wie genau würde mehr Freiheit sich auswirken?“ „Das habe ich so nicht gesagt!“ „Aber doch bestimmt der Vorsitzende.“ „Der weiß ja auch, was er sagt, und plappert nicht immer das nach, was der bürgerliche Mainstream sagt.“ „Deshalb hat er ja Sie.“ „Wie soll ich das denn jetzt verstehen?“ „Also zum Nachplappern natürlich.“ „Ganz meine…“ „Sie dreckige Linkszwecke werden mich nicht dazu bringen, mich auf Ihr Niveau begeben!“ „Das wäre auch etwas schwierig.“ „Sie nicht!“

„Und Ihre einzige Antwort ist es jetzt also, eine bürgerliche Gesellschaft wegen ihrer moralischen Überzeugungen zu hassen.“ „Wieso denn Moral?“ „Wovon hat der eigentlich Ahnung?“ „Ahnung hat er jedenfalls keine.“ „Wovon auch.“ „Ganz meine Meinung.“ „Weil Sie Meinung haben, aber auch keine Ahnung?“ „Was hat das denn mit Moral zu tun?“ „Da Sie offenbar die bürgerliche Gesellschaft für freiheitsfeindlich halten, wollen Sie ihr moralisches Grundgerüst zerstören, damit Sie den Begriff der Freiheit endlich umdrehen können in eine Freiheit für privilegierte Versager.“ „Wie reden Sie mit mir!?“ „So gut sollten Sie Ihren Vorsitzenden doch kennen.“ „Was erlauben Sie sich!“ „Ein Vorsitzender, der ein überflüssiges Unternehmen mit einer hirnrissigen Geschäftsidee in die Scheiße geritten und jede Menge Steuergelder verpulvert hat, erzählt etwas von Wirtschaftskompetenz?“ „Sie sind also einer dieser Linksnazis, die uns am liebsten verbieten würden, unserem Vorsitzenden zu folgen?“ „Aber selbstverständlich dürfen Sie Ihrem Führer folgen.“ „Das will ich aber auch gemeint haben!“

„Und jetzt erklären Sie mir doch noch bitte, was genau Sie unter Freiheit verstehen.“ „Naja, keine linksextremistische Verbotskultur.“ „Damit alle, die sich als rechts der Mitte verstehen, tun und lassen können, was sie wollen, ohne sich um etwaige Konsequenzen kümmern zu müssen?“ „Das ist doch nicht verkehrt?“ „Naja, wenn Sie das sagen?“ „In einer Krise hilft es nicht, wenn man ständig diese stalinistischen Hassgesänge hört, dass der Morgenthau-Plan mit Biorübenzucht die einzig legitime Wirtschaftsordnung ist, um das Land für immer zu zerstören.“ „Das wusste ich noch nicht, aber für ein Feindbild wird’s wohl reichen.“ „Also ich meine, wir brauchen weniger Regeln, weniger Kontrolle, mehr Chancen und…“ „Mit anderen Worten, Sie wollen die Steuerfahndung abschaffen, bevor der Rest Ihrer Bande sich in der Knastdusche nach der Seife bückt.“ „Jetzt würde ich fast sagen, er hat irgendwo auch recht.“ „Ganz…“ „Schnauze!“ „Das kann man so und so sehen.“ „Also unter den rechtsstaatlichen Voraussetzungen, und wir müssen das insbesondere verfassungsrechtlich…“ „Sie sind ein linkes Dreckschwein!“ „… aber auch unter dem Gesichtspunkt der Zumutbarkeit, die bei den Kritikern des völkischen…“ „Scheißnazis wie Sie gehören sowieso ins Arbeitslager!“ „Ah, jetzt habe ich die Lösung!“ „Welche Lösung?“ „Na, für Ihr Feindbild.“ „Ach so, ja.“ „Ist ja bald wieder Wahl.“ „Wiederwahl?“ „Halten Sie doch mal den…“ „Und? was empfehlen Sie?“ „Ja, was sollen wir denn abschaffen wollen.“ „Den Liberalismus. Das glaubt Ihnen jeder.“