Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXVIII): Spruchweisheiten

21 08 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es muss an einem klimatisch suboptimalen Tag im Winter gewesen sein, als Rrts Sippe nach der Suppe noch um die Feuerstelle saß, um sich zu wärmen. Einer der jungen Jäger wusste nicht, wie er seine eisigen Pfoten wieder beweglich kriegen sollte, und so hielt er sie gefährlich nah an die Flammen, näher und immer näher, bis er nach dem kurzen Moment des gerade noch Erträglichen mit einem markerschütternden Schrei aufsprang, denn er hatte sich, der geneigte Leser der Gegenwart ahnt es wohl, die Finger verbrannt. Die Gefährten halfen schnell, doch der Alte, der seinerzeit persönlich die Säbelzahnziege am Hang beim kleinen Flüsschen erlegt hatte, fasste das Geschehene für alle anderen noch einmal didaktisch aufbereitet zusammen in moralisch wirksamen, leicht zu memorierenden Grunzlauten, wie sie bis zur Entwicklung der ersten Grammatik üblich waren: Wer die Hand zu nah ans Feuer hält, verbrennt sich die Finger. Damit nahm das Verhängnis seinen Lauf, die Spruchweisheit als Nerven schmirgelnde einfache Form ward geboren und ist bis heute lebendig ohne Hoffnung auf ein nachhaltiges Ende.

Noch heute leiden wir unter den Ereignissen in jener Behausung; von Mesopotamien bis Peru ist der altkluge Verbalbauschaum aus der Hüfte locker verschießbar und trifft jeden in Kopfhöhe, der sich nicht rechtzeitig in Deckung begibt. Auch wenn im Landkreis Bad Gnirbtzschen noch vereinzelt die Kinder mit Rot – heiß – aua erzogen worden sind – auf mittelalterliche Streubelege hin wurde die Erfindung der Mischbatterie hier verortet – so hielt sich doch die drohende Nachricht von der Gefahr exothermer Reaktionen hartnäckig und gab damit den Subtext weiter, auf den es immer ankam: die Altvorderen haben grundsätzlich recht, es gibt keine Möglichkeit, sich ihrem moralinsauren Urteil gewaltfrei zu entziehen, und das nicht reflektierte Nachschwatzen von derlei Intellektglutamat war der erste Schritt zur Aufnahme in die Gruppe der Alten. Dass Bildung oder Wissen bei dieser Gelegenheit weder gefordert noch gefördert wurden: geschenkt. Der Gruppendruck zählt, der das gemeinsame Bewusstsein verankert, und sei es lauter Unsinn.

In den Niederungen des Volksmundes wurde der aphoristischen Form freilich fleißig gedacht, aber was blieb, war größtenteils Abortwandpoesie des Herzens. Dass, wer nicht sein eigenes Feld bestellt, auch nicht ernten wird, hielt sich erst recht nach der protestantischen Entwertung von Arbeit als ‚Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen‘ – die Arbeitsteilung hatte schon stattgefunden, die soziale Verantwortung trug aber weiterhin der Leibeigene für den Arbeitgeber, und wer nicht bis heute im Wachkoma gelegen hat, weiß auch, dass es bis heute so ist. Als würde die Obrigkeitsgesellschaft ihre Premiumdämlichkeiten nicht schmerzhaft in die Alltagskultur hämmern, damit sich keiner beim Denken erwischt.

Merklich abgesackt erwischt die formunschöne Sprachverschwiemelung auch den Sinnspruch, das gummierte Spuckbildchen für Poesieabladestation und WhatsApp-Status. ‚Hab Sonne im Herzen‘, quarrt der Sprechdurchfall, ‚sonst wird Dich der Jäger holen‘. Ganze Industrien haben sich um diese klinisch verseifte Absonderung gebildet. Manche sticken den Schmodder auf Paradekissen, um am Sonntag einen Karatekniff reinzusemmeln, manche drucken den Rotz auf Bilder, rahmen ihn, hängen das Zeug in unschuldige Privaträume und sehen den Bewohnern bei Aufzucht und Hege einer passiv-aggressiven Psychose zu. Manche verteilen alles auf Postkarten, die sich infektiös vermehren durch soziale Missverständnisse der Kommunikation in Bezug auf deren rechtlichen Rahmen und das nicht zu unterschätzende Verständnis, jemandem das Licht auszupusten, wenn er mit derlei Botschaften die Schmerzgrenze austestet.

Dabei passt der Inhalt weder zur heutigen Form noch zu den Inhalten der Kommunikation. Würde man die ursprünglichen Botschaften ohne jede Änderung unter das geplagte Volk jubeln, wir sagten heutzutage wohl ‚Wenn sonntags die Tomatenfanfare rechts überholt, wird es ein gutes Jahr für Großtanten an der Heißmangel‘ oder ‚Je fleckiger der Vollmond, desto lauter kegelt der Buckelwal‘. Angepasster an die Gegenwart hätte die Spruchweisheit viel mehr Chancen, sich den Respekt der Kulturgemeinschaft zu verschaffen. ‚Wenn die Kuh jodelt, ist die Hormondosis aus dem Ruder gelaufen‘ und ‚Ausländer, Linke oder Personen mit dunkler Hautfarbe brauchen in der Kleinstadt ihre Adresse nicht extra der Polizei zu verraten‘ sollten in der rezenten Volkskunde nicht fehlen, schon gar nicht da, wo sie gesellschaftliche Verhältnisse nicht nur widerspiegeln, sondern auch dialektisch verändern können. Ordnung ist ja das halbe Leben, nachts sind alle Katzen grau und jeder ist seines Glückes Schmied, wie ja auch jeder sein Feld bestellt hat, um danach von der Ernte alleine zu leben, ohne irgendeinen Herrscher über sich zu dulden, der nur durch seine sozialen Stellung essen durfte, ohne je in die Nähe von Arbeit gekommen zu sein. Er hätte sich dabei vermutlich auch die Finger verbrannt.