Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXX): Die konformistische Revolte

4 09 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Üblicherweise erkennt man sie an nicht mehr akzeptablen Haartrachten, Kleidern außerhalb des gesellschaftlich tolerierbaren Geschmacks oder den falschen Drogen. Sie heben sich demonstrativ ab von dem, was sie Mainstream nennen und was innerhalb dieses Mainstream normal heißt. Ihr jugendliches Alter verleiht ihnen neben einer gewissen Rücksichtslosigkeit gegenüber den Alten, die ihnen diese ganze Scheiße eingebrockt haben, auch ein hoffnungsvolles Zeitfenster, um die ganze Scheiße zu beseitigen. Die Revolte widersetzt sich dem Zustand, je nach Standpunkt wird aus einem Aufwiegler im mählich schwindenden Licht der Geschichte ein Freiheitsheld, der als Anker im gesellschaftlich zementierten Zeitgeist für die Beharrung steht, gegen die spätere Generationen von Halbstarken trefflich randalieren können. Was aber, wenn die Krawalleros den Krieg für noch mehr Scheiße anzetteln?

Gegen jedes Problem, sei es wirtschaftlicher, politischer oder sozialer Natur, in letzter Zeit auch als geballte Konsequenz der spätkapitalistischen Zerstörung des planetaren Lebensraums, haben die Aluhütchenspieler am rechten Rand die Antwort parat: finde eine Minderheit, der man die Schuld in die Schuhe schieben kann, ignorier das Problem in allen seinen Voraussetzungen und Folgen, und wenn es damit komplett in die Grütze geht, dann kommt nach dem großen Knall und ein paar Toten mehr als geplant sicher wieder eine Jugend, die sich nicht mit dem Narzissmus der konformistischen Revolte zufrieden gibt. Vorerst aber jodeln die autoritär gepolten Schlümpfe nach der Regression, weil sie gegen ihr demoliertes Ego treten, um sich danach in der typischen Opferhaltung der infantilen Omnipotenz zu suhlen. Sie wollen Teil der Macht sein, am liebsten der Allmacht, noch lieber aber sich ihr bedingungslos unterwerfen. Wir überaus praktisch, dass die verklemmten Parallelexistenzen mit ihren blutiggebissenen Fingernägeln als feiges Streberpack noch gesellschaftlich integriert werden, da analfixierte Schwachmaten für den Mittelbau der Diktatur unersetzliches Schleimbeutelmaterial sind.

Regelmäßig fällt dieses Gebaren zurück auf geistige Gehhilfen wie nationale Identität und rassistische Feindbilder (ohne die populistisch-identitäre Politik niemals überlebensfähig wäre), damit sich die Waschlappenkaste Allmacht und Potenzgefühl zusammenfantasieren kann. Sie sind nicht handlungsfähig als Subjekte der sozialen Ordnung, als deren Opfer sie sich begreifen, da ihr gesellschaftlicher Platz nach eigener Einschätzung nur am Ende der Nahrungskette sein dürfte – wo sie sich in einer zunehmend komplexeren Welt nicht aus Gnade an der Autorität berauschen dürfen, die ihnen vollkommene Befehlsgewalt verleiht, erleben sie ihre narzisstische Kränkung täglich neu, indem sie andere als gleichgestellt erleben, als nicht mehr per se unterworfen und minderwertig, und flugs leiten sie daraus das Bestehen einer tiefen und bösen Ungerechtigkeit ab, die nur mit Hilfe von struktureller Gewalt und radikaler Vereinfachung beseitigt werden kann.

Damit der angeblich revolutionäre Impetus noch ein bisschen aus der Urne stauben kann, schwiemelt sich der ideologische Bodensatz aus den üblichen Versatzstücken traditionell bestehender Gruppen, Rassen oder Völker eine erneuernde Wirkung zusammen, großdeutsch oder panslawisch, bei mangelnder Impulskontrolle gerne auch christlich-abendländisch, damit keiner riecht, welch ein Aufstand der Gartenzwerge hier von Aposteln der Unterkomplexität verkündigt wird. Noch in der Verniedlichungsstufe einer geistig-moralischen Wende, mit der die Kamarilla um den oggersheimer Gesäßtaschenspieler die soziale Segregation, das Familienbild katholischer Klemmschwestervereine und die Tiefenzerstörung aller ethischen Wert der europäischen Aufklärung zum Staatsauftrag werden ließ, zeigte sich die manische Wut der Versager, dass sie das Rad der Geschichte nicht einfach anhalten, besser: demontieren können, damit keiner das Scheitern der Entsolidarisierung auch nur als unausweichlich bemerken würde.

Die Flachdachscheitelbübchen mit den scharfen Bügelfalten, die ihre ersten Masturbationsübungen unter einem Kanzlerstarschnitt absolviert haben, sind nie in Konflikt geraten mit den Herrschern, die sie doch am liebsten mit dem Schlagring vom Thron befördert hätten – sie haben abgewartet, sich in der Zwischenzeit radikalisiert und nie ihre Idole in Frage gestellt. Sie haben geschossen, aber nur nach unten, um ihre Reputation in der Bourgeoisie nicht durch Lackschäden zu gefährden. Ab und zu haben sie zugebissen, wenn eine der Mächtigen nicht mehr zu halten war; dann mussten sie zu den Siegern gehören, denn keiner mag die, die einen Gestrauchelten im Zweifel verteidigen. So sauber gewaschen und adrett frisiert dieser Aushub sich dem sogenannten Volk andienert, er will nicht als eine amorphe Masse, die ihn wählt, bis es nichts mehr zu wählen gibt. Sie wählen ihn und sie geben ihm die Macht, es zur Schlachtbank zu führen. Sie versprechen uns Scheiße, und keiner kann sagen, sie hätten ihr Versprechen je gebrochen.


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