Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXXIII): Podcasts

25 09 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die größte Herausforderung an menschlicher Kommunikation ist ihre Gegenseitigkeit. Getreu dem pragmatischen Axiom, man könne nicht nicht kommunizieren, schwafelt nun eins den anderen an, und wie Menschen nun einmal miteinander reden – aneinander vorbei nämlich – ist ihnen jeder Inhalt gleichgültig, Hauptsache: ein mäßig moduliertes Grundgeräusch verlässt das Gehege der Zähne, fernab von Verstand, Verständigung und Verständlichkeit. Wer aus reiner Gewohnheit zur Fröhlichkeit neigt, wird sich auf einer Cocktailparty dem verbalen Sperrfeuer des Nuscheltierzoos aussetzen, um Alkohol in die Birne zu kriegen, während masochistisch Veranlagte sich auf der Familienfeier bei Torte und Schnaps die amorphen Tiraden zwanghafter Laberer antun. Nach dem dritten Durchgang von Opa, der wieder vom Krieg erzählt, einer endlästigen Erbtante, deren einziges Interesse scheint, ob die jüngeren Clanmitglieder schon im Reproduktionsmodus sind, sowie einer frustrierten Hausmeistergestalt, die nach drei Scheidungen und Bewährungsstrafen im niedrigen zweistelligen Bereich argumentativ in die Ecke gedübelt noch lauthals verkündet, dass die arbeitslosen Ausländer uns die Frauen wegnehmen, irgendwann dann schalten sich die Synapsen auf Null und löschen, was auch immer vorher darin festgeklebt war. Ähnlich spannend ist nur noch die Bedienungsanleitung ältlicher Haushaltskleingeräte, vorgetragen mit der Anmut einer nordkoreanischen Nachrichtensprecherin. Oder eben ein Podcast.

Brecht hatte recht, als er seine Radiotheorie der leidenden Hörerschaft vortrug: schlimm ist, wenn einer etwas zu sagen hat und keinen hat, der ihm zuhört, und schlimmer, wenn einer zuhören will und nur solche findet, die nichts zu sagen haben. Der Konservenfunk geht stolpernd eine kleine Stufe weiter, da auch hier irgendjemand nichts sagt, meist mehrere Stunden lang und gerne mehrmals, und es ist ihm von Herzen wumpe, wer alles weghört. Im Gegensatz zum Hörspiel, das neben literarischem Anspruch öfter durch Inhalte auffällt, quillt die Hörsuppe unstrukturiert aus dem Netz, das als Ort des unbefleckten Empfangs heute jedem technisch unbedarften Freizeittalent die Möglichkeiten bietet, beliebigen Schmodder zu speichern und bis zum endgültigen Abschmelzen der Polkappen kostenfrei bereitzuhalten. So weit, so hübsch.

Wie der digitale Druck jede Menge Schmodder auf den Markt geschwiemelt hat, weil plötzlich jede Fußhupe meint, die Kunst des Erzählens zu beherrschen, so schwadroniert auch eine Heerschar intellektabstinenter Erklärbären plötzlich Mengen an schwer verdaulichem Schall auf die Festplatten dieser Kohlenstoffwelt, für die sich das Anwerfen einer Schreibmaschine meist nicht gelohnt hätte. Die thematische Vielfalt übersteigt nur selten den Radius des eigenen Nabels; wozu auch, wird das Elaborat doch meist nur von kleinem Klüngel konsumiert, der sich für den Inhalt – Backen, Weltpolitik, irgendwas mit Medien – sowieso nicht interessiert, aber irgendetwas zum Einschlafen braucht. Wie auf dem weiten Feld der Printprodukte übersteigt die Zahl der angebotenen Titel längst die verfügbaren Verbraucher, die statistisch 25 Stunden am Tag die Lauscher gestopft bekommen müssten, um den ganzen Krempel zu Lebzeiten wegzuhören. Aber wer will das schon.

Zumal es kaum möglich wäre, weil an anderen Fronten ähnlich geballert wird. Videodienste und Streamingplattformen buhlen mit dem Rundfunk um ungeteilte Aufmerksamkeit, während sich das lineare Fernsehen vor der finalen Grätsche rettet. So verlockend die emanzipatorische Funktionalität der digitalen Kanäle auch ist, sie wird auch hier nur als Einbahnstraße genutzt. Einer redet, den anderen fallen die Augen zu. Wer Schule lustig fand, wird Podcasts lieben. Und macht vermutlich selbst einen.

Inzwischen haben sogenannte Prominente das Medium für sich entdeckt – mäßig begabte Knalltüten, die gestern noch keiner kannte und jeder morgen vergessen haben wird – und casten fleißig pod, dass es seine Bewandtnis hat. Wer nicht bedeutend genug ist, seinen Nachnamen auf eine Zeitschrift tackern zu lassen, muss halt regelmäßig vor einem Mikrofon sitzen und Belanglosigkeiten in die Umgebungsluft plappern. Ab und zu peppt sich einer der Profilneurotiker durch Gäste auf, die auch nur Nebensächliches quasseln und das Zeug nicht besser machen. Mangels messbarer Kompetenz wird so jedes Format von bröselndem Smalltalk verschüttet, einem Verbalglutamat, das bereits im Ansatz sinnvolle Strukturen verpappt und verpopelt, ob im astrophysikalischen Kontext oder in Spiel, Sport, Mord. Vielleicht taugt es ja, um die drei Stunden Stau auf dem Weg zum Arbeitsplatz angenehm zu gestalten, vielleicht es aber gerade an der sittlichen Verrohung im Straßenverkehr schuld: wer ständig Schrott hört, will ihn irgendwann auch sehen. Die Hoffnung bleibt, dass sich das Klangbad irgendwann als akustische Meditationskulisse zur endgültigen Aushöhlung der Kalotte etabliert, und dann folgen Erleuchtung, Liebe und Frieden. Aber das wollte Opa sicher auch, und dann hat er wieder nur vom Krieg erzählt. Bis zum bitteren Ende.


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