Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXXIV): Das Weinfest

2 10 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die ersten Spuren des Anbaus sind schon in der Jungsteinzeit nachweisbar, die frühe Meisterschaft des Kelterns entstand an den Gestaden des Schwarzen Meers. Während im Zweistromland die Angestellten der Gottkönige noch am Dünnbier nuckelten, quetschte man am Kaukasus Trauben, um sich mit Hilfe von Biochemie vor einem Tag mit Kopfschmerzen aus der Hölle wenigstens noch einen lustigen Abend zu machen. Bis heute hält sich hartnäckig die Ansicht, der Konsum von Wein sei eine einigermaßen kultivierte Angelegenheit, zu der bereits ein durchschnittlicher Supermarkt das erforderliche Zubehör liefere. Zwar schädeln Bordeaux & Co. nicht so schlimm wie der gute alte Schnaps, vor allem lässt sich die gewünschte Blutalkoholkonzentration leichter und über einen längeren Zeitraum hochpegeln, aber der Nachschub ist mit einer größeren Menge an Altglas verbunden, die aus mehreren Besuchen beim Dealer resultiert. Immerhin ist die Kombination von Roggenkorn und Seezunge oder Wodka zum gemischten Salat in der bürgerlichen Gesellschaft nicht ganz so populär geworden – in Ausnahmefällen darf man zu rotem Fleisch auch klaren Fusel reichen – und wurde nie ganz durch die Konventionen ersetzt, die man für gewöhnlich mit der besseren Gesellschaft assoziiert oder zumindest noch vage in Erinnerung hat. Unangenehm nur, dass Gesellschaft stets irgendwas mit Menschen zu tun hat, mit denen man sich trifft. Zum Beispiel auf dem Weinfest.

Diese unangenehme Jahreszeit, in der es inzwischen nicht mehr so heiß ist, dass man unter dem Vorwand gesundheitlicher Vorsorge ganztags in der eigenen Wohnung bleiben darf, ebendieser Spätsommer bis Frühherbst ist überliefert als Zeit der Lese, was in dieser industriell geprägten Epoche auch nichts anderes heißt, als dass Erntehelfer aus wirtschaftlich abgeschlagenen Halbdiktaturen für ein paar Wochen in verwarzten Baracken ihre aus der Heimat eingeschleppten Infektionen auffrischen und nebenbei durch die auf Ertrag optimierten Steilhänge kriechen, um tonnenweise Trauben in die Vergärungsmaschinerie zu pfropfen. Doch das alles will der mittelmäßige Gelegenheitssäufer nicht wissen, in seiner Vorstellung sind’s noch immer die ländlich-sittlich gekleideten Winzer, wie man sie aus der Klischeefabrik des Tourismus kennt, die die Frucht wacker in den Bottich schlenzen und mit eigener Mauke zusammenstampfen. Dann also lockt auf jeder verfügbaren Freifläche, die vom Stadtmarketing nicht rechtzeitig für anderweitige Allotria reserviert werden konnte, ein gar lustiges Durcheinander aus billigen Bänken, erzeugerseitig zusammengeschwiemelten Buden regionaler Art und Anmutung sowie das nackte Grauen an Deko, wie sie nur im rieslinggeschwängerten Halbschlaf der Vernunft ersonnen wird. Als kulinarisches Angebot fungiert ein Ensemble vorgetrockneter Käsereste, ergänzt von Flammkuchen, wie man sie aus dem Discounter kennt und schätzt, wenngleich sie dort etwa 280% weniger teuer sind. Es soll ja, man kennt dies von Oktoberfest und Adventsmarkt, am Ende etwas rauskommen.

Nachdem die gründliche Fehlannahme sich in der Bevölkerung festgefressen hatte, alles mit zwei Fingerbreiten Abstand vom Mindestlohn sei bereits Mittelschicht, setzt sich diese Klientel auf morsches Gebälk und schunkelt unter Druckbetankung, oft in sensorischer Unkenntnis der jeweiligen Produkte, die gerade ausgeschenkt werden. Nicht eben selten prangen auf den Plastekanistern Klebeschildchen wie Silvaner, Rivaner, Grauburgunder oder Bitte erst durchspülen, am Morgen eines neuen Tages vom Patron lotteriemäßig aus der Schürzentasche gekramt. Kein Sommelier könnte im Halbdunkel und unter schwerem Einfluss von Kölnisch Wasser aus der Transpiration vorgerückter Alterskohorten die Flüssigkeiten an der Konsistenz erkennen, an der Farbe schon gleich gar nicht. Da zeitgemäße Events auch dieser Art inzwischen unter ballernden Beats aus der Elektrokonserve stattfinden, hat sich die genießerische Qualitätseinschätzung der Ware mit einem abrupten Nachmöpseln verabschiedet.

Zugleich ist das Weinfest die harmlose kleine Schwester der Bierveranstaltungen, mit denen zwischen Ende und Anfang des Bodenfrostes unter freiem Himmel drogeninduzierter Kontrollverlust als traditionelles Brauchtum verkleidet gefeiert werden dürfen. Sich gepflegt einen hinter die Binde zu bembeln und dabei wildfremden Personen in die Epidermis zu rutschen, das macht den speziellen Reiz der Leberrallye aus. Drei Tage, zwei Wochen oder irgendwas dazwischen treffen sich ganze Soziotope zum Synchronlallen. Es schweißt alles zusammen, was unter normaler Betrachtung noch nie zusammengehören wollte. Immerhin fügt sich dieser Veranstaltungstyp bestens in die Mentalität der Teutonen ein, die aus historischer Perspektive sonst nur Geplärr im Hopfenkoma als Ruhestörung an die Polizei melden und dafür die Prügelstrafe fordern. Und eines muss man dem Weinfest zugutehalten: es gab und gibt nirgends, nicht und nie eine einzige Blaskapelle bei diesem Bums. Keine. Mehr Kultur kriegen Deutsche nicht hin.


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