Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXXVI): Die Angstverschiebung

16 10 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Säbelzahnziege war nicht gut gelitten bei Ugas Sippe, hatte sie doch im Laufe eines einzigen Sommers drei vollgültige Jäger und ein Dutzend adoleszenter Gehilfen aus reiner Selbstverteidigung gerissen. Als Proteinlieferant taugte sie ohnedies kaum, geschmacklich war das Fleisch auch nicht der Rede wert, doch ihr Prestige war hoch: wer die Ziege erlegt, war hoch angesehen und musste sie nicht auch noch selbst verspeisen. So fasste sich der Älteste ein Herz und gab Order, künftig nur noch in ausreichender Schutzbekleidung diese Beute zu jagen, mit entsprechender Mannstärke und Waffen. Hatte sich die Zahl der schweren Unfälle, bei denen ein Ernährer buchstäblich auf der Strecke blieb, durch die Vorsichtsmaßnahmen messbar verringert, so war doch die Säbelzahnziege noch immer als der Hauptfeind das größte Risiko. Man hätte die Jagd auf sie einfach einstellen können; da die schwersten Jagdunfälle noch immer mit Beinschienen und Brustpanzer geschahen, wurden diese weggelassen.

Freilich wird man von frühen Gesellschaften nicht erwarten können, dass sie wissenschaftliche Erkenntnisse reflektieren und zum Maßstab eines vernünftigen Handelns erheben, erst recht nicht bei naturwissenschaftlichen. Kulturen, die Jahreszeiten oder Wetterphänomene von rituellen Handlungen einer privilegierten Priesterkaste abhängig machen, sind nicht per se wissenschaftsfeindlich, sie haben nur die Trennung von Wissen und Glauben noch nicht vollzogen. Beiden geht ein Erkenntnisprozess voran, der sich erst in der Wahl der überprüfenden Mittel unterscheidet. Wasser auf eine Brandstelle zu schütten sorgt für ein Verlöschen des Feuers; zwar wird es nicht durch das Wasser, sondern durch den entstehenden Dampf erstickt, der den Flammen den notwendigen Sauerstoff entzieht, aber das Ergebnis ist beliebig oft wiederholbar, lässt sich in Bezug auf die Stellgrößen verändern und überprüfen, was zur verlässlichen physikalischen Vorhersage führt. Das Experiment, durch einmaligen Verzicht auf jährlich wiederkehrende Opfergaben die Existenz von Vegetationsgeistern zu überprüfen, hätte in einer nicht hinreichend funktional ausdifferenzierten Gesellschaft fatale Folgen.

Einfach zu erklären wäre die Verschiebung der Gefahr, wirksamer ist die Verschiebung der Angst. Erst mit der aktivierenden Aversion, die erfolgreich die logischen Verbindungen zwischen Ursache und Wirkung kappt, lässt sich vernünftiges Verhalten effizient umgehen. Als die Pflicht zum Tragen des Anschnallgurtes im Auto millionenfachen Protest hervorrief, obwohl die Maßnahme signifikant zum Selbstschutz der Fahrzeuginsassen beiträgt, war es zunächst abstrakte Rechtsgefahr, die den rasenden Bürgern dräute. Wer andere zu Sicherheit drängt, so kotzte die meist aus Springers braunen Tümpeln gespeiste Gasfußlobby, beschneidet die Freiheit des Volkes. Allerlei wirr zusammengeschwiemelter Müll drängelte dumpf zwischen den Synapsen der Mehrheitsknalltüten, die befürchteten, schon ein Auffahrunfall bei Schrittgeschwindigkeit würde den Lenker nun hinter dem Steuer einklemmen, wo doch ein Kfz jeden Augenblick explodieren könnte. Zur Panik schließlich führten es alte Männer, die vermutlich dank ihrer eigenen Erfahrungen mit dem Büstenhalter wussten, dass der Gurt Tausende neue Fälle von Brustkrebs auslösen würde. All das wurde nie untersucht, da Autos, die im Wasser versinken, und Fahrerinnen, die gurtartige Tumore ausbilden, statistisch nie erfasst wurden, mangels Masse. Und doch, die Mär hält sich, wobei sie hin und wieder die Vorzeichen kulturell bedingten Aberglaubens etwas anpasst. Dass etwa Kinder unter normalem Mund-Nasen-Schutz, den sie beim Wintersport im Freien selbstverständlich ungefährdet tragen, aus Sauerstoffmangel zu unerwartetem Spontanableben neigen, hat eher Ähnlichkeit mit dem in Südkorea verbreiteten Aberglauben, ein Ventilator entziehe an bestimmten Stellen dem Raum die Luft und lasse eins im Schlaf in einem Vakuum versterben. Da dies Krankheitsbild offenbar nur mit Südkoreanern in Südkorea unter Anwendung südkoreanischer Elektrogeräte replizierbar war, müssen wir uns vor derartigen Gefahren nicht mehr schützen.

Lässt sich also eine Sorge nicht mehr rational begegnen, indem das Evidente zur Grundlage des Diskurses wird, projiziert der durchschnittliche Dummklumpen in ein apokalyptisches Szenario, da er damit mehr Gewicht hat. Wo auch immer sich das sogenannte Volk zusammenrottet, imaginäre Grundrechte zu verteidigen – verfassungskonform gestalteter Alkoholkonsum bis zur Leberzirrhose, gurtfreies Fahren über die Kaimauer – Bekloppte sehen selten über die eigene Person hinaus und sind schon gar nicht in der Lage, die Konsequenzen ihrer Kurzsichtigkeit vom Ende zu begreifen. Lieber lebt das geistige Prekariat in einer bleibenden Angst, die imaginär anschwillt und dabei die reale an den Rand der Wahrnehmung quetscht. Da ist nichts mehr zu holen, schon gar nicht beweisführend. Denn passen die Argumente nicht mehr zur Wirklichkeit, so wird die Wirklichkeit verändert; die Wirklichkeit, nicht die Theorie, denn das wäre ja Wissenschaft.


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