Ach, du fröhliche

26 10 2020

„Also nicht wegen der Kinder. Das wird doch bei jeder sich bietenden Gelegenheit erzählt, Umwelt, Klima, Straßenverkehr – nennen Sie mir etwas, das mir in dem Zusammenhang auch nur annähernd so egal ist wie Kinder. Die Kirche vielleicht, die kann sich ihre ganzen Feiertage auch in den Hintern schieben, weil da nicht gearbeitet wird. Aber was ist mit der Wirtschaft? Die Wirtschaft braucht nichts so sehr wie Weihnachten!

Wir müssen dabei an die Menschen denken, das wird ja zu oft einfach übersehen. Die Wirtschaft, das sind Menschen wie Sie und ich – wie Sie jetzt nicht gerade, als kleiner Angestellter fehlt Ihnen ein bisschen der Durchblick, um an der Börse mit ungedeckten Leerverkäufen ein Vermögen aufzubauen und sich davon einen Finanzminister zu kaufen, der Ihnen die Steuern von Hals hält. Aber letztlich profitieren Sie ja auch davon, denn Sie bekommen einen Bundeskanzler, der viel zu wenig Zeit hat, um sich mit Politik bei den unteren 99% unbeliebt zu machen.

Weihnachten, das ist doch das Fest der Liebe! Ich zum Beispiel liebe Geld, das ist ein gar nicht mal so seltene Neigung, und wenn Sie sich alle ein bisschen mehr anstrengen würden, könnten Sie der auch irgendwann mal nachgehen. Weihnachten ist doch auch ein Fest der Geschenke – ein bisschen unkreativ ist es ja schon, Geld zu verschenken, weil man davon auch schöne Gegenstände kaufen kann, die nicht so schnell an Wert verlieren. Wenn Sie erst einmal begriffen haben, dass es gar nicht so schlimm ist, sich selbst wertzuschätzen und sich auch selbst etwas zu schenken, dann werden Sie verstehen, dass man sich selbst auch Geld schenken kann. Das muss jetzt nicht zwingend in Form von Bargeld sein, es sei denn, Sie haben Summen von wenigen Tausend im Auge – da kann man das noch machen. Oder wenn’s mal ein paar Millionen sind, von guten Freuden, bei denen Sie sich sicher sein können, dass die keine Fingerabdrücke auf dem Koffer hinterlassen.

Wir brauchen Weihnachten, glauben Sie mir! Nein, nicht die Weihnachtsmärkte – das ist doch nicht Ihr Ernst? Billigen Glühwein saufen und sich gruseln, wo der Verfassungsschutz dieses Jahr sein islamistisches Attentat veranstaltet? Holzspielzeug aus dem Erzgebirge, das Sie schon ab wenigen tausend Einheiten viel billiger aus Bangladesch kriegen? Und das kann ich Ihnen versprechen, das ist kindgerecht, die waren sogar maßgeblich am Produktionsprozess beteiligt. Fairer geht’s ja nicht.

Wir müssen für Weihnachten produzieren, damit wir der Welt etwas auf den Gabentisch legen können. In den USA werden wir bald noch mehr Waffen absetzen, der Präsident ist da total egal, und was meinen Sie, wer da ordentlich im Export die Finger am Abzug, im Spiel, wollte ich sagen, mit im Spiel hat. Diesel, SUV, deutsche Autos. Noch ist das Kleinflugzeug nicht in der Mitte der deutschen Gesellschaft angekommen, und ich frage mich, ob das an der Sparsamkeit der Bevölkerung liegt, an der Bescheidenheit des unteren Mittelstandes oder an der beschissenen Infrastruktur, dass man immer noch mit dem Mercedes über die Autobahn fahren muss wie Zahnärzte oder dieses ganze Pack, das nichts gelernt hat und jetzt dem Staat auf der Tasche liegt. Wir müssen den Absatz ankurbeln, sonst ist das Land bald am Ende.

Als flankierende Maßnahme könnte ich mir den Verzicht auf Weihnachtsgeld vorstellen, vor allem in den systemrelevanten Bereichen. Wir haben den ganzen Sommer über geklatscht, gut, jeder war ein paar Mal auf dem Balkon, ich eher nicht, weil mein Haus nur eine Terrasse hat, aber wenn jemand jetzt einen Grund hätte, sich mit ein bisschen Solidarität für so viel Anerkennung zu bedanken, dann ist das die Pflege. Und der Einzelhandel. Erzieher sowieso, die hatten es zwischenzeitlich gar nicht mehr nötig, ihren Lebensunterhalt mit Arbeit zu finanzieren wie jeder andere anständige Mensch. Da erwarte ich eine klare Botschaft, dann könnten wir vielleicht über diese Unverschämtheit hinwegsehen, in der Krise auch noch zu streiken. Wir sind ja keine Unmenschen. Das würde den Menschen letztlich ihre Arbeitsplätze retten, und wenn wir schon bei langfristigen Überlegungen sind, dann sollten wir das Weihnachtsgeld gleich ganz abschaffen. Wenn Sie jedes Jahr wieder bangen müssen, ob Sie nicht gekündigt werden, kaufen Sie sich erst recht keinen Weihnachtsbaum, so sieht’s doch mal aus!

Quarantäneboxen könnte ich mir vorstellen. Dar können Sie dann zu Anfang der Adventszeit Oma und Opa reinstecken, jeden Tag gibt es eine Dose Suppe und ein paar Kekse – es ist ja Weihnachten, wir wollen das nicht ganz vergessen – dann guckt einmal in der Woche einer nach, ob sie noch ansprechbar sind, und zum Fest kommt dann die Familie infektionssicher vorbei und winkt durch die Scheibe. Natürlich müssten wir an den Kosten die Versicherten beteiligen, denn das ist schon eine Ausnahmeleistung. Jeden Tag muss das auch nicht sein. Aber wenn es sich bewährt, könnte man auch über stationäre Pflege in den Dingern nachdenken, das käme der Volksgesundheit sehr zugute, weil die Krankenhausbetten dann proportional wieder mehr für Schönheitsoperationen frei wären und für meine Herzbeschwerden. Gönnen Sie sich doch dieses Jahr mal eine ganz besondere Freude und geben Sie ein bisschen Geld für die deutsche Wirtschaft aus. Irgendwann profitieren Sie davon, Sie müssen nur lange genug warten. Und wenn nicht, ich bin ja auch noch da.“


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