Inklusionshilfe

25 11 2020

„So richtig logisch ist das mit Weihnachten jetzt aber auch nicht.“ „Ich bitte Sie, irgendeine Art von Kontaktbeschränkung mussten wir auferlegen.“ „Die Frage ist doch, wem.“ „Das kann man nur für die Allgemeinheit machen, in der Pandemie sind wir alle gleich.“ „Und warum dann nicht auch zu Weihnachten?“ „Sagen Sie’s mir.“

„Um es noch mal zu verstehen: wir haben diese Verhaltensregeln gerade noch einmal verlängert, um die weiterhin exponentiell ansteigenden Infektionen einzudämmen, und in den Weihnachtstagen reißen wir dann alle Erfolge wieder ein.“ „Denken Sie doch mal an die Kinder.“ „Mache ich ja, es ändert nur nichts am Ergebnis.“ „Deshalb hat man Kinder unter vierzehn ja auch gar nicht in den Regelungen berücksichtigt.“ „Weil die sich nicht infizieren?“ „Doch schon, aber nur in der Schule.“ „Wenn ich es richtig verstanden habe, dann wurde bisher immer erklärt, die Kinder würden sich nur zu Hause und nicht in der Schule anstecken.“ „Das ist ja auch richtig, aber das gilt nicht während der Schulferien. Die Gefahr ist während der Weihnachtstage genau andersherum.“ „Muss man das verstehen?“ „Die Deutschen haben jedenfalls ein Recht auf ein fröhliches Weihnachtsfest, das werden Sie doch nicht auch noch in Frage stellen?“

„Warum hatten wir dann keine Sonderregelung für den Ramadan?“ „Nun, dies ist ein Land mit jüdisch-christlicher Leitkultur, da können Sie nicht jede beliebige Religion zum Maßstab machen, wie Sie lustig sind.“ „Mit anderen Worten: der Islam gehört nicht zu Deutschland.“ „Das hat doch mit der Pandemie jetzt nichts zu tun.“ „Dann hätte man den Ramadan im vergangenen Frühjahr auch durch eine Ausnahmegenehmigung erleichtern können.“ „Weihnachten ist nun einmal das wichtigste Fest in Deutschland.“ „Ungefähr die Hälfte der Deutschen sind keine Christen.“ „Ungefähr die Hälfte der Deutschen sind aber welche.“ „Und wie viele davon auf dem Papier?“ „Das ist eine theoretische Frage, und Sie unterschlagen Tausende von orthodoxen Christen, die…“ „… erst im Januar Weihnachten feiern.“ „Trotzdem gehören die irgendwie zu uns.“

„Dann wüsste ich auch gerne, warum man Chanukka…“ „Hören Sie doch mal zu, es heißt: jüdisch-christliche Leitkultur, Sie Ignorant.“ „… in Deutschland nicht feiern darf.“ „Darf man nicht? gut, sind eh nu ein paar Tausend.“ „Darf man schon, aber eben nicht mit der ganzen Familie.“ „Sie sind ja hervorragend informiert über diese Religion, aber Sie wissen nicht einmal, dass Juden hierzulande sehr zurückgezogen leben.“ „Was Sie nicht sagen.“ „Die meisten würden nicht mal ihren Nachbarn oder jemandem auf der Straße erzählen, dass sie Juden sind.“ „Vermutlich würde sonst jeder mit ihnen Chanukka feiern wollen.“ „Nehme ich mal sehr stark an.“ „Weil das so ein beliebtes Fest für die Familie ist.“ „Sagt man, ja.“ „Und für Kinder.“ „Ich möchte das nicht generell ausschließen.“ „Warum kann man dann nicht auch für so ein Fest eine Ausnahmegenehmigung schaffen?“ „Das wäre ziemlich kompliziert, und in der Pandemie könnte man keinem erklären, warum man Tausende, die sich wegen eines Festtages nicht an die allgemeinen Vorschriften halten, weil sie in Ruhe mit der ganzen Familie feiern wollen, ausnehmen wollte.“ „Aha, ich verstehe.“ „Das kann man wirklich keinem erklären! Religion ist doch kein Freibrief für so ein hirnrissiges Verhalten!“ „Oh ja.“ „Vor allem nicht eine, die gar nicht die Bevölkerungsmehrheit in, sagen wir mal, ideologischer Hinsicht vertritt.“ „Was Sie nicht sagen.“ „Das wäre ja politisches Judentum! Sind wir hier etwa im Westjordanland!?“

„Könnte man nicht die religiösen Vorstellungen der Bevölkerung ein bisschen besser vereinen?“ „Sie meinen als Inklusionshilfe für Personen aus fremden Kulturen?“ „Wenn Sie das so nennen wollen?“ „Okay, man könnte die Juden auffordern, dass sie ihr Zeugs da auch zu Weihnachten feiern.“ „Meinen Sie das ernst?“ „Das wäre aus Gründen des Infektionsschutzes großes Entgegenkommen von Seiten der richtigen Deutschen.“ „Meinen Sie, das deutsch-jüdische Verhältnis würde sich von einem derart emotionalen Gnadenakt erholen?“ „Die müssten einfach mal über ihren Schatten springen.“ „Ach, das klingt ja machbar.“ „Sehen Sie? Man kann auch aus einer Krise eine Chance machen.“ „Und die Infektionen?“ „Da müssten wir allerdings einen Weg finden, dass sich nicht auch noch die Deutschen an denen anstecken.“ „Zum Beispiel durch Verbot synagogaler Feiern?“ „Das klingt schon mal vielversprechend, aber wir müssen schauen, ob das ausreicht.“ „Und ansonsten könnte man die Feiertagsregelungen einfach übernehmen?“ „Naja, ich habe von diesen Festen keine Ahnung, man muss einfach mal sehen, ob sie eine wirkliche Gefahr für die Mehrheitsbevölkerung darstellen.“ „Die meisten dürften einfach nur im Kreise ihrer Familien zusammensitzen.“ „Das ist jetzt nicht unbedingt eine Bedrohung für das Gemeinwesen.“ „Ab und zu scheint es zum erhöhten Verbrauch von Zuckerzeug zu kommen.“ „Also quasi wie bei uns zu Weihnachten?“ „So ähnlich.“ „Einmal im Jahr ist das normal, man möchte sich ja auch mal von den Richtlinien einer streng monotheistischen Religion erholen, nicht wahr?“ „Das sehe ich auch so.“ „Und danach können wir dann den Lockdown aber mit voller Härte wieder durchziehen, weil wir von den Minderheiten hier im Stich gelassen werden.“ „Von denen rede ich ja gerade.“ „Was!?“ „Und danach ist sowieso wieder Ramadan.“ „Typisch, wir schränken uns ein, und die profitieren dann davon!“ „Das ist ja auch erst im April.“ „Sie haben ja keine Ahnung!“ „Kann es sein, dass es hier ausnahmsweise mal gar nicht um die Wirtschaft geht?“ „Warum wohl sind die Gaststätten zu und die Schulen offen?“