Gernulf Olzheimer kommentiert (DXLIII): Der Banause

4 12 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Seitenlinie von Ugas Sippe war tatsächlich speziell. Auch andere trugen Bärenfell mit kleinen Erdmännchenapplikationen, dekorierten den Eingang ihrer Wohnhöhle mit Ensembles aus Schneckenhäusern und Biberzähnen oder hängten apart geflochtene Bastmatten über die Feuerstelle, die interessante Schatten an die Höhlenwände warfen, zu denen es sich nach der warmen Mahlzeit trefflich philosophieren ließ. Nur der ästhetisch äußerst wertvolle Versuch, vermittels Erdfarben ein figürliches Fresko an die Felswand zu pappen, gab der Heimstatt ein geradezu luxuriöses Ambiente. Manche überlegten, ob sie auch ihren zackigen Granit mit Ocker aufpimpen sollten. Andere boten dem Künstler Teile von Jagdbeute, abkömmliche Nebenfrauen oder allerlei praktisches Werkzeug an. Die Raumausstattung wurde zum festen Bestandteil der eleganten Troglodytengesellschaft, wer etwas auf sich hielt, dinierte, schlief und lauste sich unter geometrisch-abstrakten Mammutskizzen. Nur nicht Uga. Der Alte fand es einfach albern, und wenn er Tiere sehen wollte, dann ging er in die Steppe. Wie Banausen eben so sind.

Für diese Klasse findet die Bedürfnispyramide vor allem im unteren Teil statt, bei einer Handvoll Buntbeeren statt in der Selbstverwirklichung. Nicht ohne Spott benutzt es der Bildungshuber, der mit Kultur im weiteren Sinne aufwuchs und sie als das äußere Zeichen jeglicher Zivilisation begreift, die ja etwas hinterlassen muss, materiell oder ideell, wenn von ihr nach dem Zusammensinken der an sich auf Dauer gedachten Reiche und Fürstentümer noch irgendetwas übrigbleiben soll. Paradoxerweise ist diese Kultur das, was von einer Generation zur nächsten weitergegeben und schließlich Tradition genannt wird, während sich der chronische Ignorant ohne derlei Gedöns durchs Dasein ödet, indem er alles so macht, wie er es immer schon gemacht hat. Der Widerspruch fällt nicht auf, aber mit dem Denken hat er’s eh nicht.

Der Banause ist dem Wort folgend eigentlich der am eigenen Herd arbeitende Handwerker, der die Außenwelt nicht freiwillig wahrnimmt oder sie gar nicht bemerkt, da er das Gehäuse ja nie verlässt. Aus der Unkenntnis des Geistigen, die zunächst nur mit dem stark beengten Lebenswandel einhergeht, schrumpft allmählich der intellektuelle Horizont zu einem Punkt zusammen, der feststeht, aber kaum noch eine Welt bewegt. Als Subjekt der Kulturpolitik ist er schnell verloren, da er selbst den ganzen Betrieb meidet und ihn daher gleich für vollkommen überflüssig hält. Was er nicht kennt, ist auch nichts für andere.

Mit leiser Ironie könnte man behaupten, dass der Banause seine unreflektierte Ablehnung aller Künste selbst noch kultiviert, um wenigstens eine Kokarde an den Hut stecken zu können, die ihn kenntlich macht. Unklar ist, ob die Schmollecke ihm als heimliches Verbannung oder tatsächliche Heimat gilt, denn wo immer er über die Schwelle tritt, tönt’s ihm entgegen: Kulturnation! Land der dichten Denker! Hier nix Banause! Wer da sein inneres Exil finden will, der muss entweder dicke Wände mauern oder tief graben. Beides führt in die Geschichte hinab, die den Kern der Zivilisation freilegt. Es ist ein Kreuz.

Doch tut man dem Banausen auch Unrecht. Er ist mehr als andere eine Stütze der Gesellschaft, da er sich nicht allein mit den banalen Dingen des Lebens beschäftigt, sondern auch zu bürgerlichen Sekundärtugenden wie Fleiß und Zuverlässigkeit neigt, die dem Kulturbold den Rücken freihalten, wenn dieser sich in dünner Höhenluft Hirngespinste zusammenschwiemelt. Seine Kleingeist erzeugt den Kaufmannssinn, der mit Beharrlichkeit und grober Verachtung jeder Gaukelei Werte schafft, mit denen er Städte errichtet, die er mit Domen und Palästen zupflastern kann. Im Gegensatz zum Blendwerk der Berufsirren braucht er keinen Applaus von den Tumben, arbeitet nicht auf Zuruf und wird nicht aus einer Laune heraus verjagt. Er zieht seinen Stolz aus der eigenen Tätigkeit, und in den großen Gestalten der Kunst sogar, Mozart etwa, findet sich der Banause, der vom Erwerb abhängig blieb, um die Gunst naiver Besserwisser an den Fürstenhöfen nicht zu erdulden.

Wenn sich der Banause ein eigenes kulturelles Konglomerat erschaffen hat, dann in Eiche gebeizt mit Gartenzwerg hinterm Jägerzaun, Filzpantoffeln, Einlasskontrolle und Ersatzkaffee. Der ansonsten stabile Bürger steht leise zweifelnd davor und hat keine Ahnung, wie man das über ein ganzes Leben hinweg normal finden, ja noch gegen alles andere verteidigen kann, was im Rest der Welt passiert. Es scheint mehrere objektive Wirklichkeiten zu geben, die einander ausschließen, sich aber in wesentlichen Bestandteilen überschneiden, ohne dass wir, Banausen oder nicht, es bemerken würden. Möglich immerhin, dass man in einer fernen Zeit Artefakte an unseren Wänden findet und unsere gesamte Zivilisation für eine Horde durchgeknallter Deppen hält, die Filzpantoffeln hasste, sie in erheblicher Menge jedoch gleichzeitig produzierte und trug. Es ist ein Rätsel. Man müsste das eigene Haus, die eigene Welt dafür verlassen. Wer will das schon.


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