Kostenfaktor

9 12 2020

„Aufgehängt!?“ „Sie haben ihn auf dem Dachboden gefunden.“ „Aber gestern hat der Chef doch noch gelebt!“ „Da hatte er ja noch keine Quartalszahlen.“

„Absturz um wie viel?“ „Schauen Sie sich das mal an.“ „Die Kurve?“ „Nein, die andere.“ „Das sind ja fast…“ „Eben.“ „Wir haben die Umsätze von 2019 nicht getoppt.“ „Das ist für die Märkte schlimmer als eine Insolvenz.“ „Stimmt, da kommt irgendwann der Staat.“ „Der Chef wollte schon das Personal halbieren, damit er ein paar Milliarden als Entschädigung kriegt.“ „Aber wir sind doch bloß zehn Leute?“ „Naja, mich hätte er schon nicht vor die Tür gesetzt, und Sie bestimmt auch nicht.“ „Und, hat er die Kündigungen schon geschrieben?“ „Offensichtlich hat der Staat ihm gesagt, dass das so nicht funktioniert.“ „Schlimm!“ „Und die Bank hat gemeint, sie würde uns das Geld nicht schenken können.“ „Schlimm, schlimm!“ „Dabei hat der Chef letztens noch gesagt, es würde irgendwann bestimmt wieder besser werden.“ „Ja, weil doch die meisten in der Krise noch viel reicher werden.“ „Das Problem ist nur, das betrifft lediglich ein paar Reiche.“ „Und wir sind reich?“ „Eher nicht.“

„Ich verstehe das nicht, wir machen doch alles richtig.“ „Das hat ja auch dreißig Jahre lang gut geklappt.“ „Billig eingekauft, schlechte Löhne…“ „Gut, bei Ihnen vielleicht.“ „… und dann teuer wieder verkaufen.“ „Wenn man es wirtschaftlich betrachtet, dann haben wir alles richtig gemacht.“ „Aber sonst nicht?“ „Der Markt hat eigentlich auch alles richtig gemacht, aber eben nicht für uns.“ „Und woran lagen diese Quartalszahlen?“ „Keiner hat etwas von uns gekauft.“ „Dann hätten wir doch noch viel reicher werden müssen.“ „Nein, das haben Sie jetzt nicht ganz verstanden.“ „Wieso? entweder man ist reich, oder man kriegt Geld vom Staat, oder beides.“ „Eben nicht, wir hatten halt nur richtig miese Umsätze.“ „Vielleicht hätten wir uns Flugzeuge kaufen sollen, oder einen Flughafen.“ „Das ist ganz schön teuer.“ „Also sind das diese Reichen, die haben so viel Geld für Flugzeuge, dass sie hinterher noch Geld draufkriegen, wenn sie die nicht fliegen lassen können.“ „So ähnlich, ja.“ „Und die Leute haben dann eben… – Ich weiß es doch auch nicht!“ „Die Kunden haben nichts gekauft.“ „Aber die Kunden haben immer irgendwas von uns gekauft!“ „Das mag ja sein, nur halt nicht in der Krise.“ „Das hat jetzt dreißig Jahre lang geklappt, warum soll damit denn jetzt auf einmal Schluss sein?“ „Weil die Leute in der Krise…“ „Ich habe die doch in den Geschäften gesehen, die waren überall unterwegs.“ „… nur das gekauft haben, was sie unbedingt brauchten.“ „Mehr nicht?“ „Mehr nicht.“ „Und die wussten auch, dass sie damit der Wirtschaft schaden? und Deutschland?“ „Ja, das kann man wohl annehmen.“ „Diese verdammten Vaterlandsverräter!“

„Wir könnten ja auf der Ausgabenseite einiges sparen, aber leicht wird das nicht.“ „Noch billiger einkaufen? Geht das überhaupt?“ „Ich dachte da eher an Gehaltskürzungen.“ „Mit Kurzarbeit wäre dann aber nicht mehr so viel Ware da und wir würden noch viel weniger verkaufen.“ „Ich rede aber gar nicht von Kurzarbeit.“ „Sondern?“ „Man könnte die Entlohnung ja ein bisschen anders gestalten als nach dem alten Muster. Zum Beispiel weniger materialistisch.“ „Wollen Sie die Firma in Aktien umwandeln und der Belegschaft schenken?“ „Nein, ich dachte eher an Spekulatius. Oder ein Lavendelsträußchen?“ „Bitte!?“ „Oder zur Not auch mal Applaus vom Balkon. Es gibt so viele Firmen, die ihre Mitarbeiter nur mit Geld bezahlen, da kann man sich doch wirklich mal abheben und für ein anderes System eintreten, das die Arbeitnehmer nicht nur als reinen Kostenfaktor betrachtet.“ „Und das funktioniert?“ „Schauen Sie sich die Pflege an, die da ging’s einwandfrei.“ „Echt?“ „Das ist eine kleine, aber sehr engagierte Minderheit in diesem Land, die für ihre Jobs wirklich alles gibt.“ „Und das würden wir auch hinkriegen?“ „Wenn man den Angestellten deutlich macht, dass sie jederzeit an die frische Luft gesetzt werden können, dann werden sie dafür sicher Verständnis haben.“

„Aber mal ernsthaft, es muss doch jetzt irgendwie weitergehen.“ „Reicht Ihnen Spekulatius nicht aus? Ich meine, uns geht’s doch gerade sehr gut, weil unsere Arbeitsplätze nicht in Gefahr sind.“ „Sie haben doch eben noch gesagt, dass die Firma kurz vor dem Ruin steht?“ „Ja, das sagt man so, wenn man gerade Finanzhilfen haben möchte, die einem streitig gemacht werden.“ „Streitig gemacht? von wem denn?“ „Zum Beispiel von Künstlern, und die haben im Gegensatz zu uns überhaupt keine Umsätze gemacht, was ja wohl deutlich zeigt, dass wir als Konsumgüterindustrie durchaus mehr Nachfrage erzeugen und deshalb auch früher an staatliche Hilfen kommen müssten, wenn es denn gerecht zuginge.“ „Ja, das klingt jetzt irgendwie logisch.“ „Und wenn wir selbst merken, dass die Gesellschaft sich in der Krise auf Konsumverzicht eingestellt hat, dann ist es doch nur konsequent, wenn wir auch andere damit konfrontieren und sie mal zum Umdenken bringen, indem wir ihnen das Konzept mal als Ausweg aus der aktuellen Lage vor Augen führen, meinen Sie nicht?“ „Da ist etwas dran.“ „Sehen Sie, ich wusste, dass ich mit Ihrem Verständnis rechnen konnte.“ „Wir müssen ja alle irgendwie unseren Teil dazu beitragen, dass die Gesellschaft aus der Krise rauskommt.“ „Und das Unternehmen natürlich auch.“ „Selbstverständlich.“ „Gut. Ich wusste doch, dass sich meine Firma auf Sie verlassen kann.“


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