Wirtschaftswunder

5 01 2021

„Schetelig! Der Auszug muss einen Fehler haben, da fehlen doch dreißig Prozent! Wenn ich’s Ihnen doch sage, da fehlt fast… – Rechnen Sie das doch selbst nach, Achthundert, und letzten Monat waren das… – Natürlich habe ich das abgezeichnet, ist das hier mein Laden, oder ist das nicht mein Laden!?

Manko, Manko, das kann ja jeder sagen – das ist hier ein Fehlbetrag von mindestens einem Drittel! Dreißig Prozent, sage ich ja. Habe ich das denen gestundet, nur weil Hagen & Co. jetzt seit fünfzig Jahren ihre Büros bei uns… – Als der alte Hagen meinem Vater das Haus verkauft hat, da war unsere Verwaltung schon hier! Die mussten ja unbedingt in Fetten machen, das rächt sich. Der Mann hat dann ja auch einen Herzanfall gekriegt, da sehen Sie mal – soll er in Aktien machen, da lebt man gesünder. Schetelig, wofür haben Sie überhaupt Prokura, das ist doch eine Aufgabe für die Buchhaltung. Müssen Sie sich immer in die Finanzen einmischen? seit wann? Sechs Monate!? Das wären ja, also im Prinzip zu wenig! Wie können Sie denen die Miete stunden! Schetelig, sind wir denn die Heilsarmee?

Natürlich sind das gute Zulieferer, und ich weiß auch, mit Kossmann & Söhne hätten wir Berlin nie beliefern können. Schon gar nicht zu dem Preis. Muss man ja auch nutzen, wenn ein langjähriger Freund plötzlich in die Bredouille gerät, hähähä! Aber deshalb stunden Sie denen doch nicht gleich die Miete! Unsereins muss doch in diesen Zeiten auch sehen, wie man seine Kröten zusammenhält. Mildtätigkeit ist das eine, aber man ruiniert sich doch den Ruf an der Börse, wenn man kulant ist!

Ich sehe das kommen, am Ende haben wir so eine sozialistische Regierung, die erlässt dann ein Gesetz, dass man die Miete so lange stunden muss, bis man selbst auf der Straße sitzt. Sie brauchen mir das jetzt gar nicht vorzurechnen, Schetelig, ich habe meine Zahlen im Kopf! Wenn wir jetzt auf die Dreihundertvierzig, warten Sie mal: das sind ja über Zweitausend! Haben Sie das steuerlich geltend gemacht? Natürlich, ja. Wusste ich doch, ich wollte Sie nur mal auf die Probe stellen. Man kann nichts versteuern, was man nicht eingenommen hat, es sei denn, man hat es gut versteckt. Ein paar Sachen hat man mir damals auch noch beigebracht, hähähä! Die holen Sie mir aber gefälligst wieder rein.

Was haben Sie denn da, Schetelig? Papiere? die wollen ihre Papiere? Ich kann doch auch nichts dafür, dass wir Kurzarbeit anordnen müssen. Das ist nun mal so, die können froh sein, dass wir von den Lieferanten überhaupt noch etwas kriegen. Da lobe ich mir Hagen & Co., antworten auf dem kleinen Dienstweg und schicken die Ware freitags bis eins. Beide Linien laufen, Westphal hat mit Großauftrag gedroht. Wir könnten sogar noch einstellen. Lassen Sie die Herren doch gerne kündigen, wir haben uns diese politische Großwetterlage nicht ausgesucht, und wenn ich Überstunden anordne, dann mache ich das nicht für mich, sondern für die Wirtschaft. Wir können doch nicht tatenlos zusehen, wie die Wirtschaft stagniert!

Hallo? Ja, am Apparat. Natürlich sind wir noch im Geschäft. Kommt immer auf die Menge an, die bestimmt schließlich den Preis. Fünfhundert? Das kann knapp werden, da brauchen wir bis… – Ja, Sie mich auch! Schneiden Sie sich doch das Personal aus den Rippen, wenn Sie nichts zu tun haben!

Jetzt noch eine linksradikale Regierung, Söder oder Röttgen, dann kriegen die Leute mehr Geld, wenn sie gar nicht erst zur Arbeit gehen. Das kann man doch nicht unterstützen! Wir müssen doch die Mittelschicht stützen, Schetelig, auch wenn wir als Stützen der Gesellschaft noch nicht dazugehören. Wir sind gerade so durchgekommen, die Firma ist stabil, wir sind ja gewissermaßen systemrelevant. Zwar nicht systemrelevant wie Krankenhäuser, wo alle jammern, wenn sie mal kein Bett kriegen, aber ohne uns geht es auch nicht. Und dann fragen Sie sich, ob es ohne uns geht oder ohne Krankenhäuser. Krank werden die Leute schließlich freiwillig.

Bitte jetzt nicht stören, Puschke. Wir sind in einer Besprechung. Natürlich weiß ich das, aber ich bin da halt altmodisch. Man möchte seine Leute unter Kontrolle haben. Wenn die den ganzen Tag zu Hause sitzen, dann weiß man nie, wer von denen krank feiert. Das muss man als Unternehmer strikt unterbinden. Aber wem sage ich das, unsereins ist da ja sowieso von gestern.

Na geben Sie her, wir haben keinen schlechten Schnitt gemacht, es ist nur die Umstellung. Man muss eben irgendwann mal wissen, ob das mit der Kriegswirtschaft nun dauerhaft ist oder nur für ein Jahr, und dann kalkuliert es sich auch leichter. Wenn die jetzt anfangen mit den Impfungen, dann sind unsere Einkaufspreise schnell wieder hin, aber auf der anderen Seite haben die Arbeiter auch keine Entschuldigung mehr für eine Krankschreibung. Es ist irgendwo ja auch schwierig für uns, und es ist doch ein Skandal, dass man den Leuten mit diesen verbilligten Mehrwertsteuern Geld zukommen lässt, das wir als Fabrikanten nicht… –

Dass wir Hagen & Co. um fast zehn Prozent im Einkauf gedrückt haben, das war unternehmerische, ach was: nationale Notwehr! Schetelig, Ihre Zahlen können Sie sich an den Hut stecken! Wir hätten uns diese zwei Lieferwagen und ich mir das Coupé für Fräulein Buntsch niemals… – Das tut doch jetzt gar nichts zur Sache, Schetelig!

Heiliger Bimbam, das ist doch… – Hilde? In der Post? Die Miete nicht erstattet? Und Mutti hat das Einschreiben einfach so… – Das ganze Land liegt wirtschaftlich am Boden, und dieser Halunke will weiter von seinen Mieten leben? Ruf den Anwalt an, dem Schmarotzer blasen wir den Marsch!“