Freiheit, die wir meinen

7 01 2021

„Also auch keine Leber, Lunge, Knochenmark – Hirn kann man bei Ihnen ausschließen, aber das will eh keiner haben. Das ist Ihr völlig freier Entschluss, und damit es im Falle eines Falles nicht zu Verwechslungen kommt, sind Sie auch absolut sicher in der Nichtspenderdatenbank gespeichert.

Das hat für Sie überhaupt keine negativen Konsequenzen, Sie dürfen weiterhin alle Geschäfte betreten, Kinos – gut, Museen kommen für Ihre Bildungsschicht eh nicht in Frage, aber wenn Sie im Urlaub mal irgendwo ins Museum wollen, dann steht Ihnen das jederzeit frei. Es gibt da keinen Pass, den Sie am Eingang vorzeigen müssen, weil wir in den deutschen Museen nur Organspendern Zutritt gewähren. Das hat die Bundesregierung jetzt noch einmal ganz klar zum Ausdruck gebracht, dass wir das auf jeden Fall vermeiden wollen, weil das nur zu sozialen Verwerfungen führen würde. Und mit sozialem Verhalten haben Sie’s nicht so, oder?

Sie haben es verstanden. Schön, dann muss ich Ihnen die Hintergründe auch nicht mehr erklären, Sie sind ja als Epidemiologe auch gleichzeitig Jurist und Politiker und alles zusammen, da verstehen Sie ja alles besser als die anderen. Sie haben in Ihrem neuen datenbankgestützten Dokument hinterlegt, dass Sie auf Transplantationen verzichten. Das ist der Deal. Und Sie haben deutlich zu verstehen gegeben, dass Sie eine Impfung gegen das Virus ablehnen. Ich frage Sie jetzt nicht, ob das so war, wir haben es schriftlich in dreifacher Ausfertigung. Was wollen Sie da sagen? Dass Sie das Prinzip nicht verstanden haben? Ja, so geht es offenbar ein paar mehr Menschen in dieser Gesellschaft.

Sie bekommen keinen Pass, in dem drinsteht, wann und wo Sie geimpft worden sind, damit Sie damit ins Museum gehen oder eine Flugreise unternehmen können. Das wäre höchst ungerecht. Also nicht Ihnen gegenüber. Nur den Zwanzig- oder Dreißigjährigen, die sich bisher immer solidarisch verhalten haben in der Pandemie. Die werden nicht geimpft, weil sie noch nicht dran sind. Und die sind im Nachteil gegenüber Ihnen, die sich nicht impfen lassen wollen? Unsinn. Bei denen steht, dass sie die Impfung nicht ablehnen, deshalb dürfen sie unter Einhaltung der notwendigen Sicherheitsvorschriften in den Flieger oder ins Museum. Falls die Museen mal wieder öffnen. Es gibt keine Verbote. Es gibt auch keine Sonderbehandlungen, auch wenn Sie das herbeifantasieren. Es gibt nur Regelungen, die für die gesamte Bevölkerung gelten. Man nennt das übrigens Privatautonomie.

Privatautonomie, das ist, wenn jeder ganz legal machen darf, was er will. Das entspricht ja im Wesentlichen Ihren Überzeugungen, nur eben mit dem Unterschied, dass sich die anderen dabei an Gesetze halten. Wenn Sie in der Kommentarspalte eines Onlinemediums herumpöbeln und Ihr Unfug gelöscht wird, ist das ja auch keine Zensur, oder ist die Bundesregierung Betreiber der Zeitung? Ach Gott, ich wusste, dass das jetzt kommt.

Privatautonomie ist Busfahren. Sie dürfen in jeden Bus einsteigen, solange noch Platz ist. Es gibt keine Zugangsvoraussetzungen, Sie müssen keine Monatskarte kaufen, Sie müssen nicht nachweisen, woher Sie das Geld für den Fahrschein haben. Aber wenn Sie betrunken sind, weist Sie der Busfahrer auf die Beförderungsbestimmungen hin und fährt ohne Sie weiter. Sie können dagegen natürlich auch demonstrieren. Nur Klagen wäre noch sinnloser.

Sie wollen klagen? Aber gerne. Die gerichtliche Aufarbeitung eines solcher Ausschlusses – für Sie noch mal: es handelt sich hier nicht um eine Zugangsbeschränkung, oder braucht man hier in Deutschland jetzt ein Fahrgastdiplom? – die gerichtliche Aufarbeitung dürfte Jahre dauern, und sie hat leider keinerlei aufschiebende Wirkung. Sie haben sich ja für das Primat der ungehemmten Wirtschaft entschieden, jedenfalls steht das im Programm der Partei, die Sie wählen – Lesen kann man von Ihnen nicht verlangen, ich weiß – und da zählen halt Menschen nicht. Gewöhnen Sie sich daran, dass alles, was Sie tun, Folgen hat. Man nennt das Freiheit. Die Freiheit, die wir meinen.

Jede private Krankenversicherung wird sich überlegen, ob sie Sie mit Diabetes, Asthma und einem Bandscheibenschaden aufnimmt. Wenn Sie eine Wohnung brauchen und kein Vermieter Ihnen eine vermieten will, haben Sie Pech gehabt. Wenn Sie für Ihr Auto keine Kaskoversicherung kriegen, weil Sie ein wirtschaftliches Risiko darstellen, ist das Ihr Problem. Der Staat hat damit nichts zu tun.

Sie sind doch ein großer Freund des russischen Systems, oder? Schauen Sie, die Rentner in Moskau nutzen die Metro, die Straßenbahn und die Busse normalerweise kostenfrei. Man hat ihnen die Karten gesperrt, damit sie nicht ständig in der Stadt herumgondeln. Wer sich zweimal impfen lässt, der darf wieder fahren. Ist das nicht ungerecht? Sehen Sie, und wie lustig, dass es sogar Ihnen auffällt. Sie müssen jetzt auch nicht herumjammern, weil es so viele gibt, die sich gar nicht impfen lassen dürfen. Abgesehen davon, dass Sie die bisher nur für Ihre wirren Verschwörungsmythen benutzt haben, sind Ihnen unschuldige Menschen doch sowieso egal.

Natürlich können Sie Ihre Meinung jederzeit ändern. Sie müssen keinen Widerspruch einlegen. Sie werden auch nicht dazu gezwungen. Ändern Sie einfach Ihre Ansichten und tun Sie dies kund, am besten verbunden mit der Einsicht, dass die auf dem Grundgesetz fußende Selbstbestimmung sämtlicher Bürger nicht nur für Sie gilt. Was Sie beispielsweise bei der Meinungsfreiheit auch noch vor sich haben. Und noch werden Sie ja nicht erschossen, wenn Sie mal eine Blutspende brauchen. Noch nicht.“