Schutzzone

18 01 2021

„Die Polizei!? nee, auf die ist doch hier schon lange kein Verlass mehr. Oder würden Sie bei einer Bande von Autoknackern anrufen, wenn Sie nachts auf der Landstraße liegen bleiben?

Man muss den Behörden das nur klar genug machen, dann spielen die auch mit. Wir haben uns jetzt organisiert und auf eigene Kosten ausgerüstet, wir haben alle Waffenschein, Waffenbesitzkarte und ordnungsgemäß aufbewahrte Waffen samt Munition in gesicherten Schränken außerhalb der Wohnung, und nichts aus Bundeswehrbeständen. Und jetzt sichern wir unseren Ort eigenständig mit unserer Bürgerwehr. Der nächste Querdenker, der sich hier blicken lässt, kriegt ordentlich aufs Maul.

Das dürfen Sie im Antrag natürlich nicht so formulieren, sonst haben Sie keine Chance. Da drin muss stehen, dass Sie für die Einhaltung von Recht und Ordnung einschließlich der auf kommunaler und Landesebene erlassener Verordnungen sind und diese mit legalen Mitteln durchsetzen wollen, um die Einsatzkräfte der Polizei zu unterstützen und sie vor allem nachts sowie an Sonn- und Feiertagen zu entlasten. Also immer dann, wenn diese verstrahlten Bumsköppe hier durch die Gemeinde ziehen und ihre Nazifahnen schwenken, weil die Regierung uns ihrer Meinung nach die ganze Pandemie vorspielt, um das deutsche Reich in den Grenzen von 1937 zu zerstören. Ich würde den Leuten ja sonst Tabletten geben, aber das wollen sie nicht. Vermutlich waren beim letzten Mal die Nebenwirkungen nicht korrekt dosiert. Da muss man eben zur Selbsthilfe greifen, sagt ja die Politik auch. In der Corona-Krise muss die Bevölkerung sich solidarisch zeigen, damit die Gefahr eingedämmt werden kann.

Wir haben hier schon eine fürchterlich hohe Inzidenzzahl, da kommt es auf die Reduktion von Kontakten an. Die Ausgangssperre ist eine Form der Maßnahmen, die wir gerne unterstützen, und die Einhaltung des 15-Kilometer-Radius kommt hinzu. Wenn wir beispielsweise sehen, dass sich zu den Kundegebungen auch Einwohner aus anderen Bundesländern einfinden, manche auch mit dem Bus angereist, dann sorgen wir natürlich für einen seuchentauglichen Empfang. Unsere Freiwillige Feuerwehr hat im letzten Jahr ein neues B-Rohr angeschafft. Wir verzichten auf den Stützkrümmer, damit der Druck nicht verloren geht, und unsere Kameraden kriegen das zu dritt ganz gut hin. Mit etwas Glück überlebt man so einen Einsatz ohne bleibende Schäden. Also als Demonstrant.

Offiziell haben wir das natürlich als hygienische Maßnahme begründet, und was soll ich sagen, die Verwaltung hat sich nicht damit beschäftigt, weil sie die Vorschriften nicht kennt. Die Polizei hat eh keine Lust mehr, ständig über die Dörfer zu fahren, und wir haben die Lage mittlerweile auch im Griff. Wenn Sie mich fragen, wir sind hier sicher.

Dann hatten wir noch den Schriftverkehr mit dem Amtsgericht, die uns bestätigt haben, dass wir sie bei der Verhinderung des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen tatkräftig unterstützen dürfen. Wir hatten hier einen Bauern, der zu Führers Geburtstag gerne mal die Hakenkreuzfahne aus dem Schuppen geholt hat. Der hat ja erstaunlich lange überlebt, dann wurde sein Sohn Ortsvorsteher, und kaum war er wieder aus dem Knast raus, saßen die auch schon im Landtag. Damit wir uns nicht falsch verstehen, man kann die Pandemiemaßnahmen durchaus als nicht ausreichend parlamentarisch kontrolliert kritisieren, aber wenn diese Herrschaften hier mit Kriegsflagge einmarschieren, zeigt ihnen unsere Dorfjugend gern mal, wie schnell man in eine Prügelei verwickelt werden kann. Bei uns wird ja Schlagball noch ganz groß geschrieben. Und in Hessen soll es vorzüglich ausgestattete Gesichtschirurgen geben, habe ich mir sagen lassen.

Manchmal haben wir allerdings auch kleinere Probleme, zum Beispiel mit dem Ortsvorsteher. Der ist ja im Hauptberuf Frisör, und deshalb hat er auch letzten Samstag den Salon wieder geöffnet. Gegen die Dauerwelle, wie er das nennt. Ihn selbst hat das ein hübsches Bußgeld gekostet und die Lizenz zum Föhnen. Außerdem schützt unsere Bürgerwehr die Läden jetzt sehr effektiv. Vor allem gegen plötzliche Inbetriebnahme, wenn die Besucher aus anderen Bundesländern uns Broschüren in den Briefkasten schmeißen, dass die Regierung der BRD GmbH gar nicht befugt sei, uns die Ladenschließungen zu befehlen, damit hinter unserem Rücken der Islam die Scharia einführen kann. Wir sind in Sachsen, da kann es dauern, bis sich die Polizei für Äußerungen des gesunden Volksempfindens interessiert.

Natürlich können die Querdenker gerne weiter zum Demonstrieren herkommen. Gerne auch mit Polizisten an ihrem freien Tag. Hier zählt die robust ausgetragene Meinungsverschiedenheit über Themen aus dem Staatsrecht zur Folklore, und wer das nicht glaubt, darf sich gerne die benachbarten Ortschaften anschauen. Da wurde seinerzeit eine Schutzzone geschaffen für die Einwohner, die sich von importierter Kriminalität durch Feinde des Heimatvolks gefährdet sahen. Bedrohungslage klar erfassen, nicht auf den Staat warten, proaktiv selbst handeln. Wenn von uns Eigenverantwortung verlangt wird, um die Krise einzudämmen, dann werden wir das eben in die eigene Hand nehmen. So einfach ist das.“