Gernulf Olzheimer kommentiert (DXLVIII): Das Recht auf Idiotie

22 01 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Sonne, so weiß der Dichter, bringt es an den Tag. Meist genügt ein geringer Anlass, in dessen Folge den Mithominiden schlagartig klar wird, dass hier ein geistig ungesegneter Artgenosse, obgleich er das Wahlrecht ausüben, Kraftfahrzeuge durch die Vegetation bewegen und Reproduktionsversuche unternehmen darf, Handlungen unternimmt, die er als einziger unter den Anwesenden ernst nimmt. Menschen kontrollieren den Füllstand eines Tank vermittelst eines brennenden Streichholzes, nehmen ein Vollbad mit dem elektrisch betriebenen Radio an der Wannenkante oder ersticken beim Versuch, lebendige Zierfische zu verschlucken. Nichts ist so weise wie die Evolution, die den rechten Rand der Gauß-Verteilung aus dem Genpool kärchert. Was sich hartnäckig der Arterhaltung entgegenstellt, das bekommt halt seinen Willen, wenngleich etwas rascher als erwartet. Alle anderen dürfen ihr Recht auf Idiotie gerne anmelden.

Ob sie es allerdings auch ausleben dürfen, das sei dahingestellt. Es haben Klügere schon das Lob der Torheit gesungen, Witzigere und Mutigere, die dafür auch an den Galgen hätten kommen können, doch nicht alle waren auch gestraft damit, von den Deppen dieser Welt umgeben zu sein und sich die Früchte ihrer intellektuellen Fehlleistungen zu Gemüte zu führen. Durchschnittlich gelagerte Ausprägungen an Dämlichkeit gehören nach allgemeiner Überzeugung in den Normalbereich der kognitiven Grundausstattung einer Population, die insgesamt Nüsseknacken und aufrechten Gang ohne letalen Ausgang über die Bühne bringt, doch ist es nicht allein die Summe der Beklopptheiten, sondern deren Einzeltragweite. Im Gegensatz zu kollektiven Leistungen, die auch über Generationen hinweg die Entwicklung des Menschengeschlechts prägen und fördern, genügt ein einziger Dummklumpen, der im falschen Augenblick auf den verbotenen Knopf patscht, um die Zivilisation, wie wir sie kennen, rückstandsfrei auszulöschen. Manche von ihnen haben es bis in die Wirklichkeit geschafft, auch wenn sie diese meist nicht als allgemein verbindlich anerkennen, und alle wurden früher oder später an der Durchführung ihrer Pläne gehindert. Freilich hatten auch sie ein Recht auf Blödheit, aber nicht in dem Ausmaß, in dem sie es genutzt haben. Dass dies Recht zur freien Entfaltung der Persönlichkeit gehört, ist in der gegenwärtigen Welt mit ihrem unstillbaren Drang nach Individualisierung nicht mehr bestreitbar. Fragwürdig ist aber und bleibt, wie weit es gestattet ist, diesem Recht nachzugehen – oder andere dem nachgehen zu lassen.

Intelligenz scheint die am gerechtesten verteilte Ressource zu sein; jeder glaubt, mehr bekommen zu haben als die anderen. Dass aber gerade die, die sich im Besitz höherer Weisheit wähnen, mit der größten Anstrengung der Dummheit nachlaufen, ist nicht von der Hand zu weisen. Wobei es hier kaum um formale Bildung geht – auch der akademisch geschulte Pöbel vermag Ideologien zu folgen, die als gerichtsfester Nachweis der Blödheit gelten könnten – sondern um das, was dem Erhalt der Gesellschaft dient oder sie, unter umgekehrten Vorzeichen, zu schädigen geeignet ist. Idiot zu sein ist eine soziale Kategorie.

Nicht Erwerb oder Benutzung eines Panzers mit Zulassung für den normalen Straßenverkehr sind gefährlich, der Einsatz als Kompensation für einen handelsüblichen Minderwertigkeitskomplex ist ein Zeichen ausgeprägter Idiotie, die selten kompatibel ist mit der gewaltfreien Koexistenz denkender und bekloppter Zeitgenossen. Dort, wo sich die eigene Idiotie in die Vernunft anderer Menschen hineinschwiemelt, wird sei zur allgemeinen Gefahr und hat ihr Recht auf Durchsetzung verwirkt. Es gibt sie wirklich, jene Dummheit, die größer ist als von der Polizei erlaubt, und sie wird, als wäre sie es nicht ohnehin, von einem kategorischen Imperativ beschränkt, der die Verdübelten in Schach hält. Nur in Notwehr scheint die moderate Dummheit erlaubt, wenn die Schlauen auf Gelehrtheit drängen, damit sie ihren Markt mit Gebildeten bestücken können, die für ihr Kapital sorgen. Sich dumm stellen zu können ist keine Straftat, immer vorausgesetzt, man ist nicht wirklich der Hohlkopf, als der man sich ausgibt. Gleichwohl ist es aber nicht berechtigt, sich aus Berechnung der Torheit als Tarnung zu bedienen, um durch krudes Geschwätz und stumpfe Lügen, die man selbst kaum glaubte, Torfschädel aus dem Volk anzulocken und für wirres Gewäsch zu gewinnen, das den Klugen dumm, die Dummen aber noch dümmer macht.

Bereits in der Meinungsfreiheit zeigt sich das Recht auf Idiotie. Jeder hat die gleiche Chance, sich durch unverblümtes Aussprechen seiner Ideen als Feingeist zu bezeigen oder als Lackschaden im Epizentrum der Behämmerten. Wie jede Freiheit umfasst auch diese stets die Verpflichtung, mit den Konsequenzen der eigenen Verdeppung zu leben, da bekanntlich nichts umsonst ist in einer freien Gesellschaft. Wer das leugnete oder als feindliche Ideologie bezeichnete, wäre freilich ein Idiot zu nennen. Und das mit Recht.


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