Gernulf Olzheimer kommentiert (DXLIX): Die Internetmetamorphose

29 01 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Lernen durch Nachahmung stand bei der Sippe an der westlichen Felswand hoch im Kurs. Wie Rrt Geschick bewies beim Abstreifen der Buntbeeren vom Strauch, so machten es auch andere nach, um die Beikost zur Säbelzahnziege zu sichern. Mit zunehmendem Schädelvolumen stieg auch das zum Überleben notwendige Wissen; nach und nach beschäftigten sich die Hominiden mit Ackerbau, Viehzucht, Drogen und schließlich der Vernichtung des Planeten durch bunte Blechkisten, die immer größer sein mussten als die Blechkisten vor der Hütte des Nachbarn. Berufe entstanden, Bäcker und Arzt, Investmentbanker und Totengräber, und die Kenntnisse spezialisierten sich zwangsläufig – irgendwann war es nicht mehr egal, ob man gerade Menschen unter den Acker pflügte oder eine ganze Volkswirtschaft. Allmählich setzte das Vertrauen ein, dass die Pausenclowns an den Schnittstellen der Kompetenz etwas abverlangte: die leise Ahnung dessen, was sie schafften. Ansonsten holten Meister und Richter schnell den Hammer hervor und taten das Ihrige. Gut, dass wir heute das Internet haben.

Die schlecht gefeudelte Echokammer auf den digitalen Endgeräten ist noch immer voller Dackel, die sich als Bundestrainer ausgeben. Früher, als wir alle noch am Stammtisch saßen, war es schwieriger, sich als Fachkraft für Expertenwissen auszugeben, falls man nicht heimlich Handbücher im Rucksack mitgeschleppt hatte: ‚Raketenwissenschaft für Dummies‘, ‚Wie werde ich Bundeskanzler‘ oder ‚Alles über Jurististik (mit 666 Angeberfragen)‘. Bestand der vordergründige Vorteil auch darin, die anderen Klötenkönige vorübergehend an die Wand labern zu können, irgendwann hat es sich immer gerächt. Jeder Bauer, der zufällig die Wirkung von nichtkompetitiven Antagonisten erklären konnte, galt nur bis zum dritten Schnaps als die Kanone der Pharmazie westlich der Unterweser, abgesehen von anderen Erklärversuchen der Scherungsdynamik von Festkörpern oder des Verstrickungsbruchs. Das aber lässt sich schon durch eine Verschiebung des Kommunikationskanals bewerkstelligen.

Wie wunderbar einfach schwiemelt sich der durchschnittliche Dumpfschlumpf ein Profil aus dem bisschen Person, das er mit sich schleppt, und wie distinguiert schmückt er sich noch mit allerlei Gefieder, das Google gefällig hervorwürgt aus dem Gewölle des Datenmülls. Eben noch ein normaler Versicherungsangestellter, vom Rechnen mit einer Unbekannten körperlich überfordert, jetzt schon Fachmann für Sachen, Prozesse und Gedöns. Muss manch anderer aufwendige Artefakte beibringen, damit man ihm das Medizinstudium abkauft, mutiert der Realitätsallergiker flugs zum Chefarzt, hat schon Dutzende von Blinddärmen durch die Nase entfernt, den Nobelpreis von Dingenskirchen gewonnen und seinen eigenen DSM-Code. Allein dies ließe sich auch mit einem weißen Kittel und dem Stethoskop aus dem Onkel-Doktor-Koffer bewerkstelligen. Profis durchlaufen blitzartig und anfallsweise eine Metamorphose, und zack! sind sie Autoritäten auf dem Gebiet der abstrakten Algebra – je abstrakter, desto besser.

Nach dem Grundsatz diverser Parallelexistenzen aus Coaching und Lebenshilfe, dass Wollen gleich Können ist, glauben wir alles. Was erwartet man schon von Grützbirnen mit Bausparerabitur, die nach trockenem Husten eine Krebsdiagnose aus dem Netz popeln, am Rande des Wahnsinns ein Geländer aus Stahlseilen aufzustellen oder den Rasen mit Nitroglycerin zu sprengen. Da Angebot und Nachfrage oft knirschend kollidieren, decken die Koryphäen spielend und oft gleichzeitig Börse, Atomenergie, Terrorismus und profunde Kenntnis der Weltgeschichte ab, je nachdem, was Wikipedia gerade im Angebot hat. Wer auch immer zuerst die Idee hatte, als Profi für Pinselschimmel die Foren des Heimwerkerparalleluniversums zu entern, hier lauerte ewiger Ruhm. Oder eine Chance auf den Titel als dümmster Flusenlutscher aus Kohlenstoff.

Wahre Helden erkennt man vermutlich daran, dass sie nach ihrem Gestaltwechsel auch genau begründen können, warum sie keinen blassen Schimmer hatten. Manche von ihnen, die Talent und Neigung zum Psychopathen vorweisen, wären gar in der Politik gut aufgehoben, weil sie auf ihr dümmliches Geseier von eben gerade keinen Wert mehr legen. Vielleicht rettet sich einer mit absolut null Ahnung in die Wirtschaftsnachrichten, um das Evidente mit viel Getöse zu verschwurbeln, um bei Gelegenheit in einen astrologischen Spartenkanal zu wechseln, wo es dann auch schon reißpiepenegal ist, wer was warum unter sich lässt. Hinderlich könnte hier nur sein, dass der Halbgott auf Entzug nicht sieht, welches Chaos er mit seinem porösen Verbalgranulat hinterlässt, denn darauf kommt es ihm wohl an: dass es manche gibt, die sich von Realität und Schmerzen nicht beeindrucken lassen, wenn sie der Stimme der Beklopptheit folgen.

Irgendwann, wenn das Internet verfilmt wird, ersetzt man sie durch billige Special Effects, weil so viel Dummheit nicht mehr in drei Dimensionen passt. Aber wie kriegt man das am billigsten hin, ohne das Raum-Zeit-Kontinuum zu verdeppern? Ich frage für einen Freund.