Herdenschutz

9 02 2021

„Um Gottes Willen, Sie können doch Fußballer nicht mit Applaus abspeisen!“ „Wollen Sie denen etwa Geld in die Hand drücken?“ „Das wäre ja im Profisport mal etwas ganz Neues.“ „Wenn Sie mich fragen, das setzt sich nicht durch.“ „Stellen Sie sich mal diesen Skandal vor, wenn es heißt: ab sofort kein Fußball mehr, Spieler werden nicht geimpft!“

„Also es gibt auch Wichtigeres im Leben als ausgerechnet Fußball.“ „Frauenfußball?“ „Er meint sicher Handball“ „Wer sorgt denn bitte dafür, dass Sie sicher durch die Krise kommen?“ „Ach so, ja. Taxifahrer.“ „Denken Sie doch auch mal an die Allgemeinheit.“ „Das macht er doch aus Prinzip nie.“ „Busfahrer?“ „Politiker, oder wer bringt uns denn bitte heil durch diese Krise?“ „Gut, dass man davon nichts merkt.“ „Deshalb sollte man Politiker auch bevorzugen, einer muss ja die Entscheidungen treffen.“ „Welche Entscheidungen?“ „Zum Beispiel, wer wann geimpft wird.“ „Das können die im Impfzentrum bestimmt auch alleine.“ „Aber es muss jemand die Verantwortung dafür übernehmen, oder wie hatten Sie sich das vorgestellt?“ „Das ist mir jetzt neu.“ „Dass jemand die Verantwortung für die Krise übernehmen muss?“ „Dass jemand die Verantwortung übernimmt.“

„Wir sollten nicht unbedingt nur Abgeordnete im Bundestag impfen.“ „Landtage auch?“ „Im Prinzip ist ja jeder Kommunalpolitiker für seine politischen Entscheidungen zuständig und muss daher die nötige Unterstützung bekommen.“ „Und die Familien natürlich auch.“ „Wieso die Familie?“ „Sie können doch nicht einen Bürgermeister impfen und seine Frau nicht.“ „Da greift doch irgendwann auch der Herdenschutz.“ „So viele Politiker gibt es in Deutschland nun auch wieder nicht.“ „Man sollte da nach Parteienproporz vorgehen.“ „Wenn Sie mich fragen, das setzt sich nicht durch.“ „Also erst CDU und dann SPD?“ „Die machen ja die meiste Arbeit in Deutschland.“ „Und wenn man nun im Osten lebt?“ „Da sind die Unterschiede zwischen Nazis und CDU nicht groß, das impft sich so weg.“

„Wir müssten irgendwie volksnäher werden.“ „Wenn Sie das mit dem Applaus ernst gemeint haben sollten, scheiden Einzelhandelsmitarbeiter schon mal aus.“ „Naja, die bekommen von ihrem Arbeitgeber die Masken umsonst.“ „Oder zum Selbstkostenpreis.“ „Oder müssen sie nur tragen, wenn der Filialleiter im Laden ist.“ „Das wäre ja echt eine Verschwendung, wenn man die impfen würde.“ „Vor allem bei deren Exposition!“ „Da könnte man ja gleich Lehrer vorziehen!“ „Das ist meines Erachtens nach verfassungsrechtlich schon nicht zu halten, weil die ja gerade alle Homeoffice machen und daher mehr Recht auf körperliche Unversehrtheit durchsetzen als andere.“ „Was hat das mit dem Grundgesetz zu tun?“ „Das muss ja man Lehrer nicht impfen?“ „Die haben sich ihren Beruf ausgesucht, und außerdem sind die nur für einen sehr kleinen Bevölkerungsausschnitt da, für Kinder nämlich – die sollten aber mal ganz kleine Brötchen backen!“

„Da würde ich ja Friseure bevorzugen.“ „Das sehe ich auch so.“ „Die arbeiten schließlich für alle in der Bevölkerung.“ „Und was meinen Sie, was die Frauen uns in ein paar Wochen auf den Zeiger gehen, wenn sie nicht wieder zum Friseur gehen können!“ „Das ist sozialpsychologisch absolut nicht abwegig.“ „Und die Gefahr der Schwarzarbeit im Lockdown ist ja ständig gegeben.“ „Wobei so ein Salon mit Hygienekonzept eigentlich auch ganz gut funktionieren würde.“ „Man will die Berufsgruppe ja nicht in die Illegalität zwingen.“ „Und es würde eine Signalwirkung sein für viele Unternehmen.“ „Aber nicht zu sehr!“ „Naja, in dem Zuge ist es vielleicht auch für Nagelstudios…“ „Also das wäre jetzt sicher ein Dammbruch.“ „Haben Sie eine Ahnung, wie mir meine Frau seit Weihnachten auf die Nerven geht?“

„Man muss ja die Wirtschaft im Auge behalten, damit sich die Auswirkungen dieses Lockdowns nicht übermäßig auswirken.“ „Ich würde an der Stelle Arbeitslose berücksichtigen.“ „Wen!?“ „Jetzt hat er die falsche Spritze erwischt.“ „Wofür braucht man Arbeitslose?“ „Meine Güte, denken Sie doch mal nach: um die Löhne stabil zu halten.“ „Also stabil im Keller.“ „Genau, und wenn wir immer ausreichend Arbeitslose haben, die als Ersatz für die Niedriglöhner da sind, kann man die Niedriglöhner auch in ihrem Niedriglohn lassen.“ „Oder aber den Lohn drücken.“ „Und Sozialleistungen abbauen.“ „Das eine muss das andere ja nicht ausschließen.“ „Ein bisschen Spaß muss die Pandemie machen, sonst macht sie keinen Spaß.“ „Eben!“ „Und da das insgesamt die Aktien stabil hält, muss man die Arbeitslosen schützen.“ „Wäre es denn da nicht klüger, man würde gleich die Niedriglöhner impfen, um die bestehenden Arbeitskräfte in ihren Jobs zu halten?“ „Also jetzt bitte keine Sentimentalitäten, sonst kommt hier noch jemand auf die Idee und schickt das gesamte Pflegepersonal zur Impfung.“ „Wenn Sie mich fragen, das setzt sich nicht durch.“ „Mit welcher Begründung denn?“ „Vermutlich macht zu viel Applaus habgierig.“ „Dann sollen die erst mal das leisten, was unsere Fußballer für ihre Gehälter tun.“ „Das kann man gar nicht miteinander vergleichen.“ „Eben, auf der einen Seite ein Beruf, den quasi jeder erlernen kann, und auf der anderen Seite Talente, die über sich nur die Gesetze des Marktes haben.“ „So sehe ich das auch.“ „Gut, also Fußballer?“ „Aber direkt danach Politiker.“ „Und dann eventuell wir.“ „Wir?“ „Sie?“ „Was soll das denn jetzt?“ „Naja, es muss doch einen geben, der in der Pandemie einen klaren Kopf behält und die Ansagen macht, wie wir da durchkommen, oder?“