Oberklasse

11 02 2021

Dass die Agentur in einem Jugendstilpalais in der Vorstadt residierte, machte mich nicht stutzig. Es fiel nur auf, wie attraktiv die Empfangskräfte durch die Halle stolzierten, wie normalerweise auch die drittklassigen Zahnärzte ihre Helferinnen rein nach dem Aussehen einzustellen pflegen. Immerhin fand Herr Bummelburg schnell Zeit für mich. Er hatte mir ja auch lange genug in den Ohren gelegen.

„Vergessen Sie das mit den Unterlagen“, gab er mir zu verstehen. „Natürlich haben wir immer den größten Bedarf nach Mitarbeitern, die schwierige Aufgaben und große Herausforderungen nicht scheuen, und da hatten wir sofort an Sie gedacht.“ Ich nahm Platz und betrachtete das Büro. Es war groß und von standesgemäßer Geschmacklosigkeit. „Wir haben jede Menge offener Posten, natürlich momentan zeitlich begrenzt, aber glauben Sie mir: nach der Wahl wird man sich bestimmt an Sie erinnern und erneut auf Sie zurückgreifen wollen.“ Ich nippte an der Teetasse, eine besonders stumme Dame brachte noch Konfekt und ein paar Zigarren in den Raum. So luxuriös war ich noch nie zu einer Vorstellung eingeladen worden. „Man muss die Form wahren“, erläuterte Bummelburg. „Wir haben Aufträge aus den höchsten Kreisen, da ist unser Ruf, die Menge der Bewerber – wir nehmen nun einmal nicht jeden und machen von Anfang an klar, dass wir die Oberklasse sind.“ Der Tee schmeckte ähnlich dünn.

„Verstehen Sie denn etwas von Politik?“ Noch war ich unschlüssig, was ich antworten sollte, aber Bummelburg lächelte beruhigend. „Man kann sich alles im Laufe der Tätigkeit beibringen“, sagte er. „Die meisten Berater sind natürlich Quereinsteiger und bringen jetzt nicht im klassischen Sinne eine Expertise mit, aber das kommt auch immer darauf an, wie Sie sich im Ministerium verkaufen.“ Ich stutzte. „Im Ministerium?“ Bummelburg nickte. „Wir haben da eine ganz klare Vision: nur die beste Leistung für die besten Kunden. Und die Honorare sind in den Bundesministerien nun mal sehr viel höher als sonst.“ Dem Diagramm entnahm ich, dass ein Experte für strategische Beratung direkt unter dem Heimatminister angefordert wurde. „Das ist jetzt eher tiefgestapelt“, lächelte Bummelburg. „Wir haben ja damals dieses Pseudoministeramt auch erst erfunden, damit keiner in den Rechnungen merkt, wenn der Innenminister sich Berater ins Haus holt.“ „Und was mache ich da?“ Er zuckte die Schultern. „Dies und das, aus Gründen der Geheimhaltung erfahren wir das immer erst, nachdem die Verträge bereits laufen und die Berater auf ihrem Posten sind.“ Ich würde also einen wichtigen Minister in einer Angelegenheit beraten, von der er selbst nicht viel, ich aber sicher noch viel weniger verstünde. „Das kann sein“, bestätigte Bummelburg. „Das ist seit Jahren unser Geschäftsmodell.“

In der Ausschreibung hatte es noch geheißen, Kenntnisse von Verteidigungspolitik, Steuerrecht oder Umweltschutz seien von Vorteil. „Das ist immer eine Augenblicksentscheidung“, gab der Inhaber zu bedenken. „Da in den meisten Ressorts Minister mit, sagen wir mal: flexibler Inkompetenz sitzen, müssen wir oft nach persönlicher Sympathie besetzen, und das beruht ja nicht automatisch auf Gegenseitigkeit. Wobei unsere Honorare die Sache natürlich etwas einfacher machen.“ Die Mappe sah eine gründliche Einarbeitungsphase vor, die von einer Unternehmensberatung zu leisten war. „Ich werde dort in sicherheitspolitische Fragestellungen eingeführt, richtig?“ Bummelburg schüttelte den Kopf. „Nennen wir es mal Produktschulung, Sie wollen der Bundesregierung schließlich auch Ihre Lösung verkaufen.“ Das musste ich erst einmal auf mich wirken lassen.

„Schauen Sie“, begann Bummelburg, „Sie decken keine Probleme auf, Sie werden bei den üblichen Problemen gerufen, um einer Regierung Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten.“ „Ich helfe nicht? Wozu werde ich denn dann…“ Er winkte ab. „Sie greifen nicht ein, oder wollen Sie etwa langwierige Auseinandersetzungen über Fragen der Haftung auf sich laden?“ Das leuchtete mir ein. „Sie verkaufen der einen Regierung dies, der nächsten jenes – jede löst ja ihre Probleme anders, immer vorausgesetzt, dass sie die überhaupt als solche erkennt.“ „Also arbeite ich gar nicht nachhaltig?“ Bummelburg riss die Augen auf. „Das wäre nicht nur das Ende jeder Beratertätigkeit, damit schaden Sie der gesamten Branche. Am Ende setzen sich Ausschüsse und Gremien noch auf den Hosenboden und machen ihre Hausaufgaben, damit sie Staatssekretären und Ministern selbst zuarbeiten können!“ Ich hatte ja keine Ahnung gehabt, schon gar nicht von Politik.

Er goss ein wenig Tee nach. „Sie sind bei uns in Zukunft für die Qualität der Politik zuständig, denn sehen Sie mal, so gute Berater wie uns wird man in der Politik selbst niemals finden.“ „Was am Gehalt liegen könnte“, mutmaßte ich. Er nickte. „Warum gehen Sie mit Ihren Leuten dann nicht einfach auch in die Politik und sorgen nebenbei für ein höheres Gehaltsniveau?“ Bummelburg lächelte. „Das wäre nun doch ein bisschen einfach. Zum einen hat sich das System bewährt, zum anderen genießen wir damit einen unschätzbaren Vorteil.“ Ich kam nicht darauf. „Nun“, schloss Bummelburg, „Wir können nicht einfach abgewählt werden.“

Der Fahrstuhl glitt langsam hinab. Ich war im Besitz eines mittelprächtigen Auftrags. Jetzt musste ich nur noch jemanden finden, der mir Grundlagen der Außenpolitik beibrachte. Oder etwas Virologie.


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