Gernulf Olzheimer kommentiert (DLIII): Die Kinder der Mittelschicht

26 02 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ja, es ist alles so fürchterlich, weil nämlich niemand, wirklich keiner, und zwar buchstäblich keine Sau an die Kinder denkt! Schrecklich! Es ist eine Tragödie! Wir werden alle sterben – das war bisher weder Herrschaftswissen noch stand es im empirischen Kontext je ernsthaft zur Debatte – und die Kinder auch! Die Kinder! Nein, vor einer Kita die asozialen Hohlpfosten aus ihren SUVs zu zerren, ihnen bei Geschwindigkeitsüberschreitung in Tateinheit mit ungebremsten Überfahren eines Fußgängerüberwegs den Schlagring durch den Gesichtsübungsversuch zu ziehen und die Reste in der Kanalisation zu verklappen, das geht nicht. Im Namen der Freiheit Bambini zu opfern für das deutsche Menschenrecht auf Auto, das ist süß und ehrenvoll, vor allem für unterprivilegierte Opfer, die ja einfach neue Kinder in die Welt setzen, wenn man sie nicht rechtzeitig verhungern lässt. Dass in der benachbarten Grundschule der Unterricht auch mal ausfällt, der Putz von der Decke bröselt und die sanitären Einrichtungen eher den Hygienestandard einer Spulwurmaufzuchtstation haben, das ist nicht schön, aber wen interessiert’s. Dass der Nachwuchs der Latte-macchiato-Mammis in der Krabbelmäuse-Gruppe jetzt keinen ganzheitlich vor Erdstrahlen geschützten, regional aufgezogenen Ökorosenkohl mehr kriegen, das macht uns voll total betroffen. Weil diese kollateralbekinderten Grützbirnen der Mittelschicht angehören und wichtig sind.

Wie tröstlich klingt das alles: unsere Kleinen, sie brauchen soziale Zuwendung, die aus staatlicher Hand quillt, Schule als Heimstatt des Humanen, Reit- und Geigenstunden, damit sich bürgerliche Tugend vom Säugling an in Untertanenköpfen fest mit der Vaterlandsliebe verschwiemelt. Fördern ist unsere zweite Natur, Kindeswohl und Schutz der Schwächsten in unserer Gesellschaft lösen wohlig patriotische Gänsehaut aus, wo sie an erster Stelle stehen im Gemeinwesen. Wen würde es nicht zu Tränen rühren, der das in dieser kalten Welt sähe?

Am Arsch. Ginge es den Profilneurotikern um Kinder, sie würden den Fiedelunterricht gegen eine warme Mahlzeit tauschen, den mehr Eltern nicht finanzieren können, weil sie leider kein ausreichend relevantes Einkommen mitbringen, um Laberlurche im Kanzlerwahn auf den Boden der Tatsachen zu bringen. Da werden psychische Auffälligkeiten und voraussichtlich lebensbedrohliches Bauchweh als emotionale Totschlagargumente aus Schmierseife geschnitzt, damit man sich nicht erinnert, dass die Kinder ihnen bisher an der Rosette vorbeigingen – auch und gerade unter Aspekten wie Bildung oder Gesundheitsschutz, auch und gerade in pandemisch zugespitzten Verhältnissen.

Ähnlich funktionieren Politiker sonst nur im Wahlkampf, weil sie dann erst recht ein Interesse haben, sich auf Kosten anderer zu profilieren. Alles abholzen, weil man auf der Trasse durch den Wald eine dufte Autobahn hinklotzen kann, die zufällig zehn Amigos kostenlose Verkehrsanbindung an die Produktionspaläste garantiert? Aber Naturschutz ist doch wichtig, der deutsche Baum muss wieder in unsere familienfreundlichen Naherholungsgebiete mit Schmetterling und Singvogel locken! Rind und Schwein werden als mastfreundliches Eiweiß unter hygienisch abstoßenden Bedingungen mit allerlei Medikamenten vollgepfropft, vor und nach dem Abschlachten hunderte von Kilometern durch die Landschaft gekarrt, weggeballert, zerteilt und in Plastik eingeschweißt in die Supermärkte gekippt? Hallihallo, Milch von glücklichen Bio-Kühen, sonst stresst der Verbraucherschutz wieder sinnlos herum! Der Senior deliriert sauber und satt vor sich hin, damit Pflege und Medizin die Goldgrube für Aktionäre bleibt, die fette Rendite verspricht statt ethischer Standards? Aber es ist Wahlkampf, und jede Stimme zählt! Wobei man derart komplexe Zusammenhänge schon oberhalb des intellektuellen Verständnisrandes sehen kann, den ein Politiker mit der Trittleiter erreichen kann.

So sind dem durchschnittlichen Feuchtbeutel auch die begabten Schülerinnen aus Familien mit Fluchthintergrund herzlich egal, wenn er sie nicht in seinem innenpolitischen Programm als potenziell straffällige Jugendliche zu Abschiebekandidaten hochstilisieren kann, denen man Abitur, Studium oder sonstige Wohltaten angedeihen lassen muss, die bekanntlich nur ihnen selbst nutzen. Das Kind ist für ihn nur ein Accessoire, das man für hübsche Fotos auf den Arm nehmen kann, wenn gerade kein Hund greifbar ist. In seltenen Ausnahmefällen, etwa bei knappen Prognosen, lässt er sich schon mal im sozialen Brennpunkt sichten, wo so gut wie kein digitaler Unterricht stattfindet, nicht einmal in der notwendigen Präsenzbeschulung, da schlicht keine Mittel zur Verfügung stehen für Menschen, die später Auffüllmaterial für die Unterschicht werden, weil sie nicht einmal von ihren neoliberalen Eltern auf den persönlichen Vorteil getrimmt werden und mit solidarischem Verzicht das Pack alimentiert, das vorgibt, sich um ihr Seelenheil zu kümmern. Gut, dass keiner sie auf den Arm nimmt. Am Ende würden sie noch Zeugen, wie man diese Schnösel einebnet, bis sie wie Wahlplakate aussehen, die am Bionadeviertelspielplatz herumhängen. Für uns alle.