Gernulf Olzheimer kommentiert (DLIV): Die allgegenwärtige Deutschlandfahne

5 03 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

In irgendeiner Reihenhaussiedlung in Bad Gnirbtzschen sieht man ihn vor die Tür treten, die Personifikation der Trägheit in vollgeschwitzten Kordelzughosen und braungrauen Sandalen, die ihr Design offensichtlich aus der Völkerwanderung mitgebracht haben. Nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte, also eigentlich wie immer, latscht das am Morgen auf den kleinen Streifen, der als widerspenstige Begleitvegetation zwischen den Fugen der Waschbetonplatten begonnen hatte und nun kurz vor der Machtergreifung steht, legt den Kopf in den Nacken und guckt einmal ehrfürchtig in die Höhe, wo am morschen Mast der Lappen schlapp schwankt und schaukelt, damit man ohne den Griff zu Straßenkarte und Passdokument sofort weiß: hier muss Deutschland sein. Schwarz, Rot und Gold streifen jeden Zweifel ab und machen noch dem letzten Pessimisten klar, dass er sich hier im Verbreitungsgebiet der Leitkultur befindet. Wo diese Farben sichtbar sind, ist alles deutsch. Und die Farben sind so gut wie überall sichtbar.

Brotdose und Kaffeetasse, Bierglas und Mütze, Rückspiegelkondom oder Wimpelkette, keiner entkommt der nahezu gottgleichen Allgegenwart der Drei-Streifen-Ikone, die zwar als Symbol des Staates höchste Verehrung zu genießen hat und sich gegen jegliche Verunglimpfung gesetzlich zu schützen versteht, gleichzeitig aber auf gefühlt jedem Billigprodukt samt Verpackung pappt, um zu demonstrieren: hier isse gutt, hier isse Germania. Die Revolutionäre des Jahres 48 hätten ihre Mägen im Strahl entleert, wäre ihnen die Rotte karnevalesk verkleideter Stumpfstullen über den Weg getorkelt, die Rübe unter dem teutschfarbigen Klorollengut vor jeder Gedankenproduktion geschützt, Socken in Frottee, mit der optischen Dreiklangsfanfare in grober Stickerei bestanzt, die Flagge der Freiheit als Schweißband, mit der sich lallende Rotzbrocken die Ausdünstung vom Schädel feudeln. Was da seine angebliche Verbundenheit mit der Bundesrepublik offensiv zur Schau stellt, hätte sich eigentlich nur hier und da einen braunen Streifen an die Montur nageln müssen, um nicht verwechselt zu werden.

Am Rad oder Kfz, gerne fährt der Teutone sein Nationale in allerhand Material geschwiemelt durch die Gegend, mit Vorliebe auch zu Hause. Denn nirgendwo ist es ja ähnlich sinnvoll wie auf einer Ausfallstraße am Rande der Vulkaneifel, wenn ein Automobilist dem anderen durch rasch begreifbare Zeichensprache verdeutlichen kann, dass gerade ein deutscher Staatsangehöriger sich auf einer Straße im Hoheitsgebiet der BRD bewegt. Fast könnte man meinen, als verbinde sich damit ein gewisser Mut, als Deutscher in Deutschland unter lauter anderen Deutschen öffentlich zu bekennen: seht her, ich bin Deutscher, und das darf man ja wohl noch sagen in Deutschland! Es könnte sich aber auch einfach um eine feucht-völkische Bumsbirne handeln, die in einer Fernsehtalkshow ihre dreifach gestreifte Masturbationsvorlage mit zwanghafter Zärtlichkeit über die Sessellehne hängt. So genau weiß man das nie.

Wenn es wenigstens Stolz auf das wäre, was hier geschraubt und gehäkelt wird, Made in Germany und nicht der qualitätsreduzierte Fernostschrott, mit dem sich die alemannischen Gartenzwerge behängt auf Mallorca an den Pool schmeißen, man könnte es ja zähneknirschend in Kauf nehmen. Aber dem ist nicht so. Aus der Schwärze der Knechtschaft zum Gold der Freiheit führt nur das Rot, in dem uns die Augen bluten, wo immer irgendeine Nationaltröte ihre ästhetischen Lähmungserscheinungen mit der Umwelt teilt. Auf dem Fußballplatz, zu sportlichen Gelegenheiten mit internationaler Besetzung, Bundesangelegenheiten einschließlich Auftreten von Staatsorganen ist die Kennzeichnung sinnvoll, um nicht plötzlich den Wagen der Kanzlerin zu verpassen. Wer aber die deutsche Ehre in einem helleren Licht dadurch zu erstrahlen meint, dass die Grillwurst im Supermarkt aussieht wie die Verpflegung zum Hambacher Fest, muss schon reichlich am Farbverdünner genuckelt haben. Nein, die aus dem historischen, politischen, geografischen Zusammenhang gerissene Trikolore ist eine sinnentleerte Symbolhandlung für die große Zielgruppe der gründlich verklemmten Deppen, die sich nur dann aufregen würden, wenn ihre deutsche Fahne plötzlich nicht mehr auf der Wurst erschiene. Am liebsten hätten sie sowieso eine Reichskriegs- oder Hakenkreuzflagge, notfalls Schwarz-Weiß-Rot statt der von Linken verordneten Demokratie, in der alle sagen dürfen, was man nicht hören will.

Die am schnellsten einleuchtende Interpretation ist die in Südafrika erfundene, in Deutschland für den weltweiten Export produzierte Lärmröhre, die in keinem Stadion fehlen darf und nur dazu dient, allen umstehenden Hominiden die Trommelfelle in den Cortex zu quetschen. Sie werden aus Kunststoff erzeugt und in alle Welt verkauft, damit Männer mit nur minimal ausgeprägter Impulskontrolle ihre Aggressionen auf die Umwelt projizieren können, gerne auch in der Farbkombination Schwarz-Rot-Gold. Beliebt ist das Modell für den Einsatz auf Demonstrationen. Als Schlagwaffe. Was man mit Nationalsymbolen halt so macht.


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