Die schrille Gille

24 03 2021

Sie sah auf dem Foto ganz manierlich aus, wobei es sich allerdings um eine Schwarzweißaufnahme handelte und dieses Bild schon vor ziemlich langer Zeit entstanden war. „Trotzdem“, stöhnte Breschke, „mit ihr ist nicht zu spaßen. Immerhin hat sie Onkel Ewald unter die Erde gebracht, womit auch immer.“ Ich legte das Porträt auf den Küchentisch, wo der Umschlag mit dem Telegramm lag. Wer weiß, was das noch werden sollte.

Was den Stammbaum meines pensionierten Finanzbeamten betraf, so war dieser auch nicht viel komplizierter als andere, nur gab es hier und dort Seitenlinien, zu denen nur noch wenig bis gar kein Kontakt mehr bestand – in anderen Familien soll dies ja selten bis nie vorkommen – wegen diverser Erbschaftsangelegenheiten, gelöster Verlöbnisse oder einer Mark Flaschenpfand, die ein Vetter nach zwanzig Jahren in Arizona nicht mehr zurückzahlen wollte. Gisela, so hieß diese damals junge Dame, hatte sich gleich nach der erfolgreichen Ausbildung zur Stenotypistin in der Süßwarenfabrik des Onkels an den Chef des Ganzen herangeschmissen, obwohl dieser gründlich verheiratet war, und zwar mit Edelgard, Namensgeberin eines seinerzeit beliebten Bonbons mit Veilchenaroma und, was erschwerend hinzukam und für den Krach sorgte, Schwester des zweiten Inhabers. Es scheint ihr feuerrotes Haar gewesen zu sein, das Ewald in die Scheidung und damit ins gesellschaftliche Abseits trieb – wie zum Hohn ließ Doktor Prückler aus dem Doppelbildnis an der Deckelinnenseite der Dosen das Konterfei des untreuen Schwagers stanzen und zehntausende von Veilchenzuckerl an die Geschäftswelt senden. Der Drops war gelutscht.

„Ich habe keine Ahnung“, bekannte Horst Breschke. „Nach Ewalds Tod hat sie die Villa in der Eifel geerbt und ein Segelboot, oder vielleicht war’s auch ein Sportwagen. Aber ich weiß nicht, was sie von mir will.“ Ich stellte die Teetasse auf dem Tisch ab. „Nun“, beruhigte ich den Hausherrn, „das werden wir in Kürze herausfinden, denn sie will ja noch heute kommen.“ Bismarck schien ein wenig die Stirn zu runzeln; wahrscheinlich war es diesem Gefährten in gesetztem Dackelalter recht egal, wer oder was die schrille Gille war, denn so nannte man sie familienintern wegen ihres unangemessen lauten Auftretens. „Ich kann sie ja schlecht vor die Tür setzen“, seufzte der Hausherr. „Es sei denn, sie spricht schlecht über Onkel Ewald, das lasse ich nämlich nicht zu!“

In diesem Moment aber hupte es schon auf der Straße; Gisela war nicht gewohnt, ohne ausreichend Publikum aus einem Taxi auszusteigen, jedenfalls musste Herr Breschke über den Gehweg bis zum Bordstein laufen, ihr die Tür zu öffnen, den Fahrer zu entlohnen – was mich nicht gewundert hatte – und ihr für ein bisschen eingebildeten Nieselregen den Schirm zu halten, damit sie auf hohen Absätzen über den Plattenweg bis ins Haus stöckeln konnte, um sich gebührend empfangen zu lassen. „Schön“, sagte sie mit kratziger Stimme, „schön. Aber das wollen wir mal sehen.“ Und sie lief gleich bis in die Wohnstube durch, die sie mit eicherner Schwere in den Nachmittagsstunden empfing.

Sie trug etwas fürchterlich Rotes, das zu ihrem inzwischen fuchsfarbenen Haar nicht passte, eher Oll- als Schmollmund, und blickte sich um. „Ihr seid ja rustikal eingerichtet“, stellte sie fest. „Wie mein Zweiter, der hatte auch keinen Geschmack.“ Dazu drehte sie sich herum und äugte in die Winkel des Wohnraums. „Hund?“ Irgendetwas ließ mich an der Stimme aufhorchen, aber ich musste mich wohl getäuscht haben. „Was willst Du hier?“ Breschke stand mit einem Küchenhandtuch in der Faust auf der Türschwelle. „Das ist mein Haus.“ Sie lächelte. „Das soll ja auch so bleiben, Horsti.“ Dass ihm die Zornesröte so langsam ins Gesicht stieg, war schon ein wenig verwunderlich, aber sie fuhr fort. „Mein Vierter ist vor drei Monaten verblichen, ein guter Patentanwalt, und ich würde gerne die restlichen Jahre hier verbringen. Ich will das Haus.“ Ich traute meinen Ohren nicht. „Du könntest es mir schon leichter machen, schließlich ist Deine Frau bestens versorgt nach einer Scheidung – ich nehme Dich als Gärtner mit, dann haben wir es beide leichter. Das wirst Du als Finanzbeamter doch sicher…“

Er wollte gerade zu einem längeren Schrei anheben, das wusste ich genau, doch da bemerkte sie mich. Spitznäsig musterte sie meinen Aufzug. „Wenigstens einen attraktiven Schwiegersohn hat sich Deine Tochter geangelt“, bemerkte sie. Herr Breschke stand wie versteinert, und so viel hatte ich auch nicht parat. „Bedaure“, gab ich zurück. „Ich habe gespart und mich auf hoffnungslose Fälle spezialisiert. Wenn man die Neunzig hinter sich gebracht hat und trotzdem die…“ „Was für eine Unverschämtheit!“ Wutentbrannt schwenkte sie die Handtasche durchs Wohnzimmer. „Ich werde im nächsten Frühjahr erst…“ Weiter kam sie nicht, da Bismarck, der zugegebenermaßen dümmste Dackel im weiten Umkreis plötzlich vor ihr stand und der schlechten Laune durch knurrende Laute ein Gefühl von Unmittelbarkeit gab. „Horst“, kreischte sie, „das wird ein Nachspiel haben!“

„Eins aber“, fragte ich beim Rühren in der Teetasse, „müssen Sie mir verraten: das Grundstück war das Erbe Ihrer Frau, und das Haus war ein Lottogewinn?“ Herr Breschke druckste. „Wenn Sie es schon wissen“, gnatzte er, „dann hätten Sie sie ja gleich rausschmeißen können.“ „Naja“, meinte er, „ich war an der Reihe: Ewald, Wilhelm, Paul, und nun ich. Einer musste sie ja loswerden.“ Und er warf Bismarck einen liebevollen Blick zu.


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