Gernulf Olzheimer kommentiert (DLVII): Not invented here

26 03 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Rrts drittältester überlebender Sohn hatte seinen mehrwöchigen Aufenthalt in der Sippenhöhle beim Schwager absolviert und kam mit mannigfaltigen Eindrücken wieder nach Hause. Vor allem kleine Knochensägen, von denen er eine Auswahl als Technologietransfer mitgebracht hatte, weckten das rege Interesse der Gleichaltrigen, nach mehr oder weniger unfallfreien Versuchen, Holz in kleinere Brenneinheiten zu zerlegen, die Fertigung dieser Werkzeuge aufzunehmen. Die Projektgruppe gab ihr Bestes und feilte alsbald einen Satz grober Raspeln, die durch Versuch und Irrtum sukzessiv die paläolithischen Qualitätsstandards jenseits der großen Steppe erreichten. Das Rad war nur noch wenige Jahrtausende entfernt, aber schon jetzt wehte der Geist der Innovation durch die Gefilde am Felshang am großen Tümpel. Nur die Ältesten ließ das kalt. Störrisch und gereizt knickten und knackten sie jeden Tag ihre Äste und rieben sich Schwielen an die Finger, weil sie das neumodische Zeug von den Fremden nicht leiden konnten. Es hatte ja bisher auch ohne geklappt. Sie hatten nichts gegen fremde Erfindungen, nein – aber diese fremden Erfindungen stammten von woanders.

Not invented here, das Markenzeichen der kleinen Klotzköpfe mit dem Schlagbaum vor der Birne – das mag auf einem anderen Kontinent ja gerne funktionieren, aber hier haben wir das immer schon anders als anders gemacht, da geh das gar nicht. Leitplanken aus Sperrholz, die den normalen Beanspruchungen standhalten, beim Aufprall mit hoher Geschwindigkeit jedoch wesentlich weniger schwere Verletzungen verursachen, die kann man vielleicht in Osteuropa bauen, aber sicher nicht in Deutschland. Eine beschichtete Kunststoffmembran zur Aufbereitung von Trinkwasser ohne weiteren Energieeinsatz kann man in Skandinavien sicher vermarkten, aber warum hier? Dass andererseits ein Volk wie die Japaner nichts dabei findet, Autos zu bauen – geschenkt, schließlich handelt es sich um eine technische Entwicklung, ohne die die Welt nicht überlebensfähig wäre. Wen kümmert es da, dass die Einwohner der Region Tokio-Yokohama neue Fahrzeuge nur zulassen, wenn gleichzeitig ein freie Stellplatz nachgewiesen werden kann. Das sollen die Jungs doch gefälligst auf dem eigenen Archipel abkaspern.

Solange die Archäologen noch nicht aus den Kratzern am Säbelzahnziegenschädel nachweisen konnten, ob das Feuer zuerst in der EU, anderen politisch verbündeten Territorien oder im Land der Erzfeinde einer friedlichen Nutzung zugeführt wurde, müssen wir uns eigentlich Geschichte aus Überresten zurechtschwiemeln: Bier, Gartenzwerg und Bratwurst haben einen Migrationshintergrund, doch dass Riemenantrieb und Zahnbürste aus China stammen sollen, ist für den Hohlrabi kaum noch zu ertragen. Üblicherweise ist diese Aversion ein Ausdruck des Gruppendenkens, bei dem ansonsten zurechnungsfähige Personen sich unter dem Druck, als personeller Block einheitlich agieren und das Ergebnis verteidigen zu müssen, frei in der Landschaft herumdelirieren und die von ihnen erzeugte intellektuelle Nulllösung auch noch für einen Talentausbruch sonder gleichen halten – jeder von ihnen weiß, dass jeder von ihnen gerade hirnfreien Rotz rauskübelt, und jeder von ihnen weiß auch, dass es jeder von ihnen weiß. Aber sie sind dazu verdammt, es als Gruppe zu verkünden, und jeder weiß, wie schnell sich in einem Team die geistige Leistung in Feinstaub verwandelt.

Auch unsere Lernfähigkeit leidet. Kontakte in der Pandemie verfolgen? geht sicher nur auf diesen Inseln, deshalb sind die ja das Virus los, was aber an der völlig anderen Kultur der Inselbewohner lag – der gemeine Asiate hält sich ja geradezu eklig genau an Vorschriften, das kann man in der BRD gar nicht machen. Deutschland, die Nation der großen Industriebetriebe, konnte nicht mal eben eine Fabrik für Filtermasken oder Impfstoffe aus dem Boden stampfen. Wir können das nur kaufen, und wer weiß, was man beim Kauf von Masken als Verantwortlicher noch alles kann, der weiß auch, warum man ein Großunternehmen unter staatlicher Aufsicht nur für die zweitbeste Lösung hält.

Die saturierten Industrienationen beharren auf ihren Überzeugungen, und eine von ihnen ist, dass sie alles besser können als die anderen. Diese tumbe Arroganz hat nicht nur einigen Schwellenländern die wirtschaftliche Entwicklung erleichtert, sie gibt ihnen auch das sichere Gefühl, dass die großen Gegner dauerhaft mit Stammesfehden und einem weinerlichen Überlegenheitsgefühl zu tun haben, das jeden Augenblick in die Angst vor dem Verlust der eigenen Bedeutung umkippen könnte. Und so brechen die politischen und ökonomischen Führer Kleinkriege vom Zaun, statt rational zu entscheiden und Know-how zu kaufen. Ein guter Plan für die Knalltüten, deren neoliberale Turbodenke ja dazu geführt hat, Entwicklungs- und Produktionskräfte im eigenen Land einzustampfen. Sicher ist es auch eine Art Entwicklungshilfe, dass der Fernseher jetzt aus Kambodscha kommt. Der deutsche Fernseher.


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