Ein Hund für alle Fälle

20 04 2021

„Es tut nur weh, wenn ich die Arme so anhebe.“ Herr Breschke verzerrte das Gesicht vor Schmerz, indem er genau diese Bewegung mit beiden Armen gleichzeitig ausübte, warum auch immer. „Dabei soll Bewegung ja gerade helfen“, stellte ich fest, während der alte Herr leise stöhnend die Schultern sinken ließ und nach dem Küchenstuhl tastete.

Er hatte ein wenig zu schwungvoll aus seinem Fernsehsessel aufstehen wollen, wobei ihm die sprichwörtliche Hexe in die Lendenwirbel schoss. Von der Ärztin mit Schmerzsalbe und guten Worten versorgt saß er nun krumm in der Küche, obschon zu Dehn- und anderen Übungen geraten wurde. „Im Garten muss gerade nichts getan werden“, ächzte der pensionierte Finanzbeamte. „Aber Bismarck, er braucht doch seinen Auslauf.“ Der angesprochene Hund, seines Zeichens der dümmste Dackel im weiten Umkreis, hatte die Gesamtsituation schnell analysiert und das Unausweichliche getan; er lag zusammengerollt auf dem nun nicht mehr besetzten Fernsehsessel und schlief friedlich in den Tag.

Natürlich hatte ich es gewusst, und natürlich war ich gern bereit, dem alten Herrn diesen kleinen Dienst zu erweisen. Etwas träge erhob sich das Tier auf Zuruf, wurde allerdings beim Anblick der Leine deutlich lebendiger, und da er mich als Freund des Hauses kannte, wusste ich auch schon, was mich auf der Platanenallee bis zur Ecke Uhlandstraße erwarten würde: ein durchaus agiler Hund, der aus Prinzip zwischen meinen Beinen umherläuft. „Bei dem Wetter reicht sicher eine Viertelstunde“, sagte Herr Breschke. „Wenn es regnet, dann kehren Sie um, Sie müssen ja nicht auch noch nass werden.“

Ein bisschen windig war es schon, aber das hielt Bismarck nicht davon ab, neben seiner üblichen Gangart – genau zwischen meinen Beinen, wobei sich ein regelmäßiger Wechsel der Leine von der einen Hand in die andere als praktisch erwies – auch intensiv die Zäune sämtlicher Nachbarn zu inspizieren, nach Tulpenbeeten Ausschau zu halten, die er leider ebenso wenig durchwühlen konnte wie die gartenzwergbewehrten Kieswege, und an den Büschen seine Marken zu setzen. Eine ältere Dame drehte sich kurz nach uns beiden um, offenbar war sie irritiert. Sie musste Bismarck gekannt haben, nur eben nicht mir mir an der Leine.

Wir flanierten bei leichtem Gegenwind an einer Reihe alter Alleebäume vorbei, als mich ein junger Mann ansprach. „Verzeihung“, meinte er, „Sie führen gerade den Hund aus?“ Ich musterte ihn von oben bis unten, wobei mir die untere Hälfte nicht ganz so schlecht gefiel. „Sehr freundlich, dass Sie mich daran erinnern“, gab ich zurück. „Ich hatte mich schon gefragt, wozu ich diese Leine mit mir durch die Gegend trage.“ Schon hatte ich mich ans Gehen gewandt, aber er ließ mich nicht in Ruhe. „Ich möchte Sie um eine kleine Gefälligkeit bitten“, insistierte er. „Wenn Sie darauf bestehen, würde ich Ihnen selbstverständlich auch etwas dafür zahlen.“ Ich stutzte kurz. „Sie bezahlen dafür, oder es ist eine Gefälligkeit. Lassen Sie sich das bei nächster Gelegenheit durch den Kopf gehen, und nun entschuldigen Sie uns bitte.“

Bestimmt war es meine verbindliche Art, oder Bismarck verlieh mir fälschlicherweise den Anschein eines netten, leutseligen Menschen. Jedenfalls gab sich der Störenfried nicht zufrieden, heftete sich an mich und folgte mir. „Die Sache ist nämlich so“, hub er an. „Wir werden in einigen Tagen sicher eine Ausgangssperre bekommen, und ich habe da eine, nun: sehr private Verpflichtung, der ich erst am Abend nachkommen kann.“ „Die Freude ist ganz Ihrerseits“, unterbrach ich ihn, was aber seinen Redefluss durchaus nicht störte. „Wenn ich nun einen Hund hätte, und ich dachte da an diesen ausgesprochen netten Dackel…“ Bismarck musste jedes Wort verstanden haben. Ob er schon wusste, worauf dies hinauslaufen würde, oder ob ihm die Einschätzung als nettes Schoßhündchen widerstrebte, jedenfalls schnob er verächtlich durch seine empor gereckte Nase und zog kräftig an seinem Halsband. „Kurzum, ich bräuchte Ihren Hund zweimal in der Woche für je zwei Stunden. Ich hole ihn ab und bringe ihn auch wieder nach Hause.“ Mein vierbeiniger Gefährte drehte sich leicht indigniert um. Es gab noch eine Menge Hecken und Zäune auf dem Weg.

Noch hatte er nicht aufgegeben. „Versteht sich natürlich, dass ich bar bezahle.“ Jetzt drehte ich mich um und stellte mich ihm breitbeinig in den Weg. „Haben Sie überhaupt schon einmal einen Dackel geführt?“ Er blicke mich erstaunt an, nicht ganz sicher, ob ihn meine Frage belustigen sollte. „Macht es denn einen Unterschied, ob es sich um einen Dackel oder einen Pudel handelt?“ Statt eine Antwort abzuwarten, griff er in die Manteltasche und zog seine Geldbörse hervor. Er zupfte einige Scheine heraus und hielt sie mir vor die Nase. „Das dürfte wenigstens für heute reichen, Sie müssen mir nur noch sagen, wo ich ihn abholen kann.“ Wortlos drückte ich ihm die Leine in die Hand. Bismarck begriff; langsam setzt er sich in Bewegung, der Mann folgte, während er sich ganz erstaunt nach mir umsah. Just in diesem Moment lief der Hund zwischen seine Beine, wo die Leine ihr Werk tat. Er strauchelte, und als er das Gleichgewicht verlor, landete er unsanft auf der steinernen Einfassung des Gartens von Nummer 43. Gelassen lief Bismarck zu meinen Füßen und wartete, bis ich die Leine wieder aufnahm.

„Er sieht aus, als hätte er ordentlich Bewegung bekommen.“ Herr Breschke goss Tee in meine Tasse, setzte sich stöhnend in den Fernsehsessel und blickte auf den Dackel, der gemütlich unter dem Couchtisch Platz nahm. „Morgen noch einmal, aber dann werde ich auch selbst wieder mit ihm vor die Tür gehen.“ Ich nickte. „Er ist in der Tat ein sehr verständiges Tier, Sie können sich ganz auf ihn verlassen.“


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