Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXIV): Konservativismus

14 05 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Französische Revolution bescherte der Welt viele schöne Dinge: die Republik, Restaurants der gehobenen Küche, bequeme Freizeithosen und die Weltanschauungen des Liberalismus sowie des Sozialismus, geboren aus dem Geist der Gleichheit. Spätestens zum Ende der Hochphase aber kippte die Stimmung, denn was gab es für die Kaste der Besitzenden schon zu verlieren als die Ketten, die sie sich durch ein paar Jahrhunderte Ausbeutung und Unterdrückung eingehandelt hatten. Der Citoyen war eine nette Idee, die Besitzbürger aber siegten und machten sich einen hübschen Lenz daraus, zur Abwechslung während ihrer Jeunesse dorée auf die Unterschicht zu schießen. So wurde der Grundstein gelegt für die wichtigste politische Idee kommender Epochen, den Konservatismus.

Aber was ist aus ihm geworden? Im Gegensatz zum Sozialismus, der Inkarnation des Bösen, wo es keine Bananen gibt und Fabrikanten dieselbe Rente bekommen wie Fabrikarbeiter, zum Liberalismus, der die narzisstische Persönlichkeitsstörung zur Kunstform aufbläst, hat das trotzige Aufbäumen der Beharrer nicht einmal ein eigenes Programm außer zu ignorieren, dass sich Dinge ändern. Sie wollen einfach nicht einsehen, was auch ohne ihre bräsige Opposition passieren würde. Die Zeit läuft an ihnen vorbei, die gute alte Zeit, in der es Dampfschiffe gab, Postkutschen, später auch Schreibmaschinen. Ihre Frauen waren noch Haustiere, die Kirche hatte grundsätzlich recht, eigentlich war der Krieg ganz lustig gewesen, sie haben ihn auch nicht verloren, die anderen haben nur gewonnen, und wenn nicht überall böse Fremde herumlaufen würden, wäre die gutbürgerliche Epoche, die eigentlich nie existiert hat, nicht vorbei. Deshalb pochen sie auf Werte.

Werte? Guter Witz. Was unter diesem Etikett zusammengeschwiemelt wird, ist moralgesättigte Abwehr des Denkens, die sich gegen Veränderung imprägniert. Der Schutz des Lebens ist vor allem für Ungeborene eminent wichtig, für Moribunde, aber nicht für das Reinigungspersonal. Als soziale Normen werden sie von einer ängstlichen Schicht in Beton gegossen und gelten definitionsgemäß nur für die Untergebenen. Eine offene Gesellschaft ist dem Konservativen verhasst, da deren sittliche Vorstellungen in der Gegenwart liegen und sich nicht ins Gestern hieven lassen – schaudernd steht er vor den Versprechungen der Verfassung, die er nie anzweifeln darf, da er für Law & Order bestallt wurde, und arrangiert sich mit seiner Art von Ethik: Grundrechte, aber eben nicht für alle. Er begründet dies gerne mit der Hierarchie, die die harmonische, göttliche Ordnung des Ständestaates noch gehabt hat, bevor die Knechte Teufelszeug wie Demokratie und Menschenrechte aus der Hölle holten.

Werte! Nicht von der Religion geschaffen, in mühseliger Kleinarbeit und oft gewaltsam gegen sie durchgesetzt, um eben die bürgerliche Gesellschaft zu etablieren, für die sich bourgeoise Pimpfe halten. Stünde das vor dem Affenkäfig, man wüsste, wer da mit Kot schmisse. Als letzte Larmoyanz popelt sich der konservative Klötenkönig zum Nachweis des Machtanspruchs das christliche Menschenbild aus der Nase. Das Menschenbild, das sich bei noch nicht ganz vollgelaufenen Intensivstationen kaum entscheiden kann, ob man das Pflegepersonal mit mehr Pandemiepatienten oder durch die totale Abschaffung aller Verkehrsregeln im Namen der Freiheit voll auslasten soll – nicht vergessen, die von den Berufschristen geforderten Freiheiten im Sinne des Grundgesetzes sind Dienstleistungen, die überwiegend von Ungeimpften erbracht werden, und die Christlichkeit besteht allenfalls darin, ein paar Niedriglöhner für die gute Sache zu opfern. Also für das Kapital. Und die Wiederwahl.

Im Endeffekt geht es doch nur darum, sich ohne gesellschaftliche Konsequenzen – die juristischen räumt eine Rotte teurer Rechtsanwälte schon weg – die Taschen vollzustopfen, gerne auch durch reiche Zuwendungen zugewandter Reicher, die mit einem privaten Trickle-down gnädig ihre Domestiken in Freilaufhaltung füttern, während sie mit den kleinen Leuten besser nicht in Berührung kommen wollen, es sei denn in Form der durch sie erwirtschafteten Renditen. Der konservative Politiker ist eine Art Hündchen, vielseitig verwertbar zum Kläffen, zum Beißen und zum Männchen machen.

Die Lächerlichkeit der Konservativen zeigt sich in der Ablehnung von Natur- und Klimaschutz, die als Bewahrung der Schöpfung tatsächlich zu den religiös motivierten Ideen einer wertorientierten Haltung zählen könnten, während die blindwütige Technikgläubigkeit ohne Rücksicht auf Verluste die peinlichste Attitüde der Traditionsbehämmerten ist, der quasi esoterische Glaube, irgendjemand würde gegen alle Widrigkeiten der Welt patentierbare Wundermittel erfinden. Aber bestimmt schlummert auch hierin nur der Wunsch, sich an dem Zeug dumm und dämlich zu verdienen.

Konservatismus ist Heimweh nach einer Utopie von Vergangenheit, Sehnsucht nach weltfremden Idealen, an denen man die Weltfremdheit lobt, weil man nur so mit dem Finger auf alle die zeigen kann, die ihnen nicht entsprechen. Was wären wir ohne ihn, wenn nicht glücklich im Hier und Jetzt.