Niedrigstimmensektor

17 05 2021

„Gut, Herr Scholz, ich fasse das dann noch mal zusammen: das Problem an der Kanzlerkandidatin der Grünen ist nicht, dass sie eine Frau ist, das Problem ist, sie ist nicht Olaf Scholz. So war das doch gemeint?

Nein, ich glaube Ihnen das natürlich. Die SPD wird noch einmal auf zwanzig Prozent anwachsen, die CDU hat dann noch maximal zwanzig Prozent, und weil die Grünen auch nur maximal fünfzehn Prozent haben, werden Sie Bundeskanzler. Das ist mathematisch absolut plausibel, und mit Zahlen kennen Sie sich nun wirklich aus, Herr Scholz. Das muss auch ungefähr in der Nähe Ihrer Kernklientel liegen; wenn die CDU nach und nach Stimmen an die Grünen abgibt, wächst auch automatisch die Zahl Ihrer Stammwähler. Das macht auch politisch total Sinn. Dazu eine bahnbrechende Kampagne – die Sie eigentlich gar nicht brauchen, Sie sind ja Olaf Scholz – und zack! ist die SPD zusammen mit den anderen Parteien wieder hauchdünn über der absoluten Mehrheit. Wie seit sechzehn Jahren.

Also Ihr Patentrezept, um politische Größen wie Laschet in den Schatten zu stellen, ist die Sicherheit, dass sich nichts ändert, und wenn, dann höchstens in Zeitlupe und in die falsche Richtung? Ist das nicht dasselbe wie die CDU? Ach so, ja. Wenn die CDU regiert, dann bremsen Sie, es sei denn, Sie können irgendwas gegen die Interessen der SPD-Wähler machen, und wenn die SPD mal an der Regierung ist, dann schießt sie sich ohne fremde Hilfe ins Bein. Ich gebe zu, das ist ein Unterschied. Das haben Sie schon mal hingekriegt, sogar mit den Grünen. Und das wollen also die Deutschen? Haben Sie die gefragt? Die sind bei der Befragung eingeschlafen? Ja, das glaube ich Ihnen aufs Wort. Sie haben schon mal jemanden gefragt, der dabei eingeschlafen ist, nämlich die SPD-Basis. Damals ging’s wohl um den Parteivorsitz, für den Sie aber keiner wählen wollte. Dabei muss diese große, alte Partei eingeschlafen sein, und als sie aus dem Schlaf hochschrak, hatte sie plötzlich einen Kanzlerkandidaten, den keiner wollte.

Weil die Grünen ja bisher überhaupt keinen Plan hatten, wie man in einer Pandemie die Wirtschaft rettet und den Staat als schützende Instanz über die Bürger agieren lässt – das ist natürlich echt gut beobachtet, Herr Scholz. Gerade dann, wenn man berücksichtigt, dass die Grünen im Gegensatz zu Ihnen als Vizekanzler in der Verpflichtung gewesen wären, ein vernünftig gegenfinanziertes Konzept für die Nothilfen vorzulegen. Lassen Sie sich da bloß nichts anderes einreden. Die Deutschen sind ein Volk, das lieber genau und verlässlich regiert werden will als impulsiv und bürgernah. Im Grunde werden wir lieber ordentlich zu Tode verwaltet, als dass wir uns durch Staatsschulden retten lassen würden. Da haben Sie recht, Herr Scholz, jetzt bloß keine Utopien. Und das stimmt ja, wenn wir schon verwaltet werden, dann nur so, dass es nicht klappt. Das ist der Deutsche so gewohnt. Das gibt ihm Sicherheit – das ist sein Deutschland.

Also können wir es auf den Punkt bringen: die Grünen haben viel zu viel vor, und da das nicht alles funktionieren wird, lassen wir es mit der SPD lieber gleich ganz sein. Keine großen Würfe, das kostet am Ende nur Geld. Das hatte ich doch richtig eingeordnet? Mindestlohn, Arbeitslosengeld, es muss irgendwie finanziert werden, und solange in Deutschland noch ein Großkonzern mit kaputtem Geschäftsmodell eine Milliardenspritze braucht, kann man das gar nichts machen. Wenn man nicht so genau hinguckt, könnte man Sie glatt mit einem CDU-Kanzler verwechseln – wenn man ganz genau hinguckt, wird der Unterschied sogar noch kleiner, Herr Scholz.

Wir haben Wechselstimmung, Herr Scholz, und Sie haben das so schön auf den Punkt gebracht: nicht mit der SPD. Entweder altbekannte Lösungen oder neue Probleme, und da wir im Moment genug Probleme haben, entscheiden wir uns lieber für die altbekannten Lösungen. Mit der Strategie wollen Sie bestimmt die CDU-Wähler anlocken und in die neue Kernzielgruppe integrieren, richtig? Das ist ein hervorragender Plan. Immer vorausgesetzt, er wird erst hinterher bekannt. Sonst könnte es ja sein, dass die Grünen von so hirnverbrannten Sachen wie Auf-die-Wähler-hören oder Klimaschutz abrücken und einfach die guten sozialdemokratischen Pläne kopieren, wie das Merkel damals immer getan hat.

Ist Ihnen nicht gut? Das sind diese Aussetzer, das kenne ich. Einmal im Untersuchungsausschuss gesessen, schon hat man Löcher im Gehirn. Das hat die CDU damals enorm viel Zuspruch und Stimmen gekostet, dass sie mit schmierigen Finanzgeschäften in Verbindung gebracht wurde. Gut, dass Ihnen das nicht passieren kann.

Und Sie wollen jetzt Ihre Regierungserfahrung als Verkaufsargument herausstreichen? Sind Sie sich da ganz sicher? Ich frage nur noch mal nach, nicht, dass es hinterher wieder heißt, Sie hätten von nichts gewusst. Etwa, dass Sie nach Schröder für den größten Niedrigstimmensektor in der deutschen Politik verantwortlich sind. Das machen Ihnen die Grünen ganz sicher nicht nach. Laschet vielleicht, aber nicht die Grünen. Und da sind wir vermutlich auch schon beim Kernproblem der SPD: Sie sind Olaf Scholz.“


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18 05 2021
Umleitung: Zwischen den Schauern … NSU 2.0, QuatschJura, Wissenschaftler als Gegner von Corona-Massnahmen und mehr. | zoom

[…] Niedrigstimmensektor (Satire): „Gut, Herr Scholz, ich fasse das dann noch mal zusammen: das Problem an der Kanzlerkandidatin der Grünen ist nicht, dass sie eine Frau ist, das Problem ist, sie ist nicht Olaf Scholz. So war das doch gemeint? … zynaesthesie […]

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