Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXV): Hedonistischer Individualismus

21 05 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ja, der Hominide ist ein soziales Wesen – zumindest sollte er irgendwann gelernt haben, die Normen seiner Artgenossen in ihrer Ansammlung zu begreifen und sich so zu verhalten, dass er und die anderen die situativen Bedingungen möglichst lebend überstehen. Die eigene Sippe verzeiht bis zu einem gewissen Grad, wenn eins ihrer Mitglieder in vereinzelten Momenten abweichendes Benehmen zeigt, doch beschädigt es durch Opposition oder die Ablehnung vorhandener Bindungen den bisher gut funktionierenden Zusammenhalt der Gruppe oder gar deren Möglichkeiten zum Fortbestand, dann ist der Fisch gelutscht. Es geschieht nicht eben selten, dass Destruktivität mit gesellschaftlich tolerierter Ausgrenzung geahndet wird. In der modernen Welt mag es lässlich sein, in der prähistorischen Epoche bedeutete es die direkte Konfrontation mit Natur und Tod. Wer will das schon, wo die Verhältnisse wieder existenziell zugespitzt erscheinen, etwa in der Pandemie?

Neben einigermaßen normalen, teilweise schwer frustrierten Gesellschaftsstützen, die um der Sache willen bereit waren und sind, persönliche Vorteile hintanzustellen, greint aus jeder Ecke ein Rudel Deppen, das die Einschränkung seiner Privilegien zum Menschenrecht hochquirlt – ein ausgeprägtes Bild von hedonistischem Individualismus, das sich anhand solider Symptome von Beklopptheit sicher diagnostizieren lässt. Kaum schließen die Läden, in denen das gemeine Schimmelhirn sich mit allerlei Tinnef eindecken kann, bricht ein Heulen los, das die Koksgnome im weiten Umkreis paralysiert. Für einen Haarschnitt gehen sie auf die Straße, für den Besuch im Freibad zünden sie Barrikaden an. Dass in der Zwischenzeit Kinder im Aerosolfeuerwerk hocken, weil sie sonst die Grundrechenarten nicht lernen würden: geschenkt, eine Woche Marodieren auf Malle ist gerade wichtiger. Es geht schließlich um Menschenrechte wie Schnitzel, Einbauküchen oder Karneval.

In einer bürgerlichen Gesellschaft, als die sich die Kasperade versteht, wäre die Voraussetzung für irgendeine Rechtswahrnehmung immer noch ein gutes Gespür für die Pflichten, die man sich damit an die Backe klebt. Aber was versteht der gründlich zerlebte Kleinkarofetischist von derlei Anwandlung eines altruistischen Gegenseitigkeit, wenn ihm sein Staat schon immer den platten Konsumismus nebst Eigensucht ins Entlohnungszentrum schwiemelt, auf dass er sich selbst der Nächste sei. Er vergisst und verdrängt seine Grundbedürfnisse, vor allem das Streben nach Sicherheit, und schmeißt sich bar jeder Vernunft der Belustigung an den Hals.

Offenbar hat die Evolution der Affenarten einen Sicherheitsmechanismus zu viel eingebaut, um die Blödföhnscharen aus dem Genpool zu fischen. Die Neigung zur indirekten Reziprozität – der Kluge hilft dem Dummen, indem er damit rechnet, dass ihm selbst irgendwann einmal ein Kluger helfen wird, der weniger undankbar ist als der Dumme – schleift das ethisch entkernte Gesindel mit, ohne die Erziehung zur Solidarität zu verlangen. Im Zweifel werfen die Kollateralmaden den angeblichen Gutmenschen noch vor, nur aus Geltungssucht ihre moralischen Provokationen vorzutanzen, was mit der Neigung zur Opferrolle bestens korreliert. Die Kurz- und Querstreckendenker werden auch erst durch die soziale Zwangslage sichtbar, in der die Klugen so lange nachgeben, bis die Dummen ihre Wünsche erfüllt bekommen. Ein Gutes hat der Individualismus in seiner hedonistischen Form, er führt langfristig zur Vereinsamung und Exklusion der Mehlmützen. Der Selektionsdruck arbeitet gegen sie, da schon bei der Partnerwahl Egoleptiker als erfolgloses Hohlgemüse durchgereicht werden, das nicht einmal über genug Rüben verfügt, um nicht auch noch anderen davon abzugeben – der Uneigennützige ist letztlich über den Schnösel hoch erhaben.

Leider nützt es wenig in einer Welt, in der man auch ohne den Schutz des Stammes reelle Chancen auf ein Erleben des nächsten Tages hat, zum Beispiel, indem man sich einen neuen Verband sucht, und seien es charakterlich analog gelagerte Dummklumpen. Wer da nur sein eigenes Glück im Schädel wiegt, ist als Lustsucher nicht nur ein verhältnismäßig armes Würstchen, sondern auch dem Neid seiner Beklopptheitskohorte schutzlos ausgeliefert, die sich im Verlangen nach seichter Begierde suhlt. Verantwortungs- und Spaßgesellschaft stehen sich unversöhnt gegenüber, wobei die eine aus reiner Verseifung nicht rafft, dass sie ohne die andere gar nicht existieren würde, in heutigen Zeiten tatsächlich im physischen Sinne. Und so erschöpft sich der Individualismus als Ausdruck einer bewussten Abspaltung vom Milieu denn auch in der Identitätskrise als einzigem Distinktionsgewinn, der vor dem Untergang im Geblubber der Unterschicht noch einmal etwas Pseudowichtigkeit verleiht. Wie schön, dass das auf den Balearen keucht und schon auf dem Rückflug den Durchhaltewillen verliert. Warum sollten sich die Knalltüten auf der persönlichen Ebene anders verhalten als von Edelmut freie Völker, wenn man von Solidarität nicht satt wird.


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