Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXVI): Antiintellektualismus

28 05 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Selten gab es bisher Gelehrtenrepubliken, nicht eben häufig wurden die Experten befragt an den Nahtstellen der Geschichte. Gerne dienert man vor Professoren und Titelträgern, heimlich aber blüht die Verachtung der Gebildeten als Eierköpfe weiter und führt zum putzigen Paradoxon: dass nämlich zu viel Denken schadet, während man pauschal die Schüler schilt, die nicht beflissen büffeln. In einer Gesellschaft, die sich Bildungsfeindlichkeit nicht leisten kann und deshalb den Mangel an Wissen mit verbissener Wut heranzüchtet, bleibt die Neigung zur Blindheit nicht verborgen, der gehegte Wunsch nach Antiintellektualismus.

Prächtig gedeiht der Populismus, mitunter auch in Parteiform, wo Hoch- und andere Schullehrer das Heft führen, dozieren, besserwissen, abkanzeln und ihre bestenfalls seit Studententagen gepflegten Seil- wie Freundschaften produktiv sein lassen. Was sie dem Volk verkaufen, ist jedoch nicht der Glaube, die oberen Ränge würden es kraft Rüstzeug in der Birne auch politisch richten, sondern der kalte Hass auf alte Führungsschichten, die – wie die neuen übrigens auch – aus Intellektuellen bestehen und wie ein arroganter Überbau wahrgenommen werden sollen, den es mehr oder weniger gewaltsam zu entfernen gilt, wenn sich alles ändern soll. Der Hass auf die Eliten, wer auch immer das sein mag, wird dem Proletariat als heiliger Auftrag verkauft, die Abneigung gegenüber weltoffener, pluralistischer Denkweise, die diesen Namen überhaupt verdient.

Nicht eben zufällig lehnen Rechtstotalitäre jede intellektuelle Regung des Geistes ab, da sie unter Umständen auf unliebsame Fakten stoßen könnte, die der ehernen Wahrheit im Fundament der reinen Doktrin nicht mehr in den Kram passt. Kultur ist verdächtig, weil sie sich über die Schranken des erlaubten Denkens hinwegsetzt, der Verstand muss dem Fortschritt entsagen, da es bekanntermaßen in der Erkenntnis keine Entwicklung mehr geben darf, die am Ende an den Grundfesten rüttelt. Die großen Umbrüche, allen voran die Werte von 1789, müssen zurückgedreht werden, sonst verschwiemeln sich die völkischen Konstrukte im eigenen Aushub.

Geschenkt auch, dass die Geistesfeindschaft der Gestrigen im Technikfetisch einen quasireligiösen Gegenpol findet. Was aber bleibt in der Ablehnung von Vernunft und Rationalismus, ist die deutlich sichtbare Wissenschaftsfeindlichkeit weiter Kreise derer, die des Populismus als Krücke bedürfen. Bis in die elitären, halbgebildeten Führungskreise wird jede theoretische Reflexion vermieden, was nicht das Weltbild stützt, steht unter Generalverdacht und gerät schnell in Konkurrenz zu alternativen Fakten. Die konfliktscheuen Moderierungsregierungen, die lieber mit Extremisten kuscheln, setzen auf stumme Unterwerfung, und so dominiert die Emotion die Ratio, die Intuition die Logik, bis uns wieder die flache Erde aus Hohlschädeln entgegenkommt.

Doch begeht der Antiintellektualismus seinen größten Verrat nicht an den Intellektuellen, sondern an denen, die er zu vertreten vorgibt, während er sie in Wahrheit nur dumm zu halten versucht. Kein öffentlicher Dissens entsteht, kein dialektischer Disput kann sich entwickeln, wo eine scheinbar abgehobene Klasse dem Proletariat ihre Ideen nicht diktieren darf – das übernimmt die Führerkaste aus Menschenfreundlichkeit lieber selbst. Um ganz sicher zu gehen, zerstört die nun herrschende Rotte auch die Wissenschaft als System, und zwar an der Wurzel. Das geht mit der Ausweitung der prekären Arbeit vom Fließband auf die Hochschulen, die mit befristeten Stellen und beschissenen Zeitverträgen ausgehöhlt und sturmreif geschossen werden, bevor ein geradezu sadistisch anmutendes Verfahren des Aussiebens nur die glattgelutschten Angstbeißer in die Nähe der Lehrstühle lässt, während sich das Assistenzvolk in den Burnout promoviert. Würde der Doktorgrad bei ein paar Lautsprechern in den Parlamenten nicht ausschließlich für ein bisschen Abkürzung auf der Visitenkarte angestrebt, die dafür verballerten Ressourcen würden Begabten weiterhelfen, eine aussichtsreiche Laufbahn in der Forschung zu beginnen. So bleibt es akademisches Gemüse, die formale Eintrittskarte in einen Stand, in dem Wissenschaft nichts zählt, nur die Tatsache, dass man sich nicht mehr in ihren Niederungen herumtreiben muss.

So hat die Aufklärung mit der Überzeugung von Gleichheit die Mittelschicht derart versteift, dass sie einer als soziale Auslese missverstandenen Schicht das Recht abspricht, die intellektuelle Führung über die Gesellschaft zu besetzen. Was der geistigen Sphäre als empirische Tatsache gilt, wird von den Spießerhirnen als Meinung abgetan: Klimatologie, Relativitätstheorie, Virologie, das heliozentrische Weltbild. An US-amerikanischen Universitäten, vor allem in den ökonomischen Fachbereichen, gilt Betrug bei schriftlichen Arbeiten längst als sozial akzeptiert, da die Ergebnisse unwichtig erscheinen; die deutsche Politik schließt fleißig auf. Schon gilt der Geist als dekadent, da er nicht tatkräftig ist. Wir werden es im Auge behalten, wenn die Meere das Festland überspülen. Die Wissenschaftler werden schuld sein. Sie hätten ja einfach etwas anderes prognostizieren können.


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