Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXX): Doomscrolling

25 06 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wir entrinnen ihnen nicht, denn sie sind da. Sie sind überall. Wir können die Augen und die Ohren verschließen, aber nicht vor ihnen. Sie haben sich längst von Raum und Zeit gelöst, indem sie etwas definiert haben, was ohne Zeit und Raum ist, mehr noch: was uns Raum und Zeit nimmt. Es sind die Informationen, Nachrichten, Fakten, aus denen wir auf selbst gewählten Kanälen beschossen werden, geflutet, erschlagen – je mehr wir von ihnen in die Synapsen gedrückt bekommen, desto mehr wollen wir auch haben. Es nimmt kein Ende, das wissen wir, und deshalb ist auch kein Ende in Sicht. Was in unserer Weltsicht, die nun einmal von Katastrophen globalen Ausmaßes geprägt sein muss, nur auf eine Übersättigung mit Desastern hinauslaufen kann. Wir haben alles, darum wollen wir mehr. Wir sind knietief im Doomscrolling.

Das digitale Endgerät und die Plattform unseres Vertrauens haben die News sorgfältig sortiert und aufbereitet. Klimawandel, Delta-Variante, es wird präzise in unsere Hirnrinde geschwiemelt, wo sich derselbe Dreck schon in Überdosis befindet. Dort lagert sich der minimal variierte Schrecken an, der alsbald nachwächst: alle paar Sekunden ein neuer Tweet, alle paar Minuten ein neuer Feed, gerade noch gelesen, jetzt schon veraltet. Aus Angst, die jeweils aktuelle Eskalationsstufe zu verpassen, nehmen wir die Angst vor allem anderen in Kauf. Und auf was wäre unser Leben besser konditioniert als auf die grassierende Angstlust.

Der klassische Fall, sich ein Horrorszenario zu zimmern, besteht ja immer noch daraus, beliebige Symptome in die Suchmaschine zu schmeißen, um die tödlichste Krankheit der Welt an sich selbst zu diagnostizieren. Ohrensausen, Zehenschweiß und Schluckauf: mit Sicherheit ein letaler Wurmbiss, seit gut zweitausend Jahren nicht mehr aufgetreten und daher therapieresistent wie der Dachschaden bei einem Querschwurbler. Gut, dass man’s vorher weiß, so macht sich immerhin der evolutionäre Nutzen der Gruselsucht bezahlt – je mehr man die Gefahren der Umwelt erforscht, desto weniger tödlich können sie sein, das Versterben am reinen Schock einmal ausgenommen. Wir kommen dem denkbar nah durch die Jagd nach dem Stress, der in der untergangsfixierten Jagd nach dem Thrill steckt.

Die optimierungsgestählte Gesellschaft der Facedowner, die ohne ihren Taschen-Rechner kaum zum Latte-macchiato-Laden fände, sie kann schon gar nicht mehr anders, als wenigstens einen kleinen Vorsprung mit dem Daumen herauszuschubbern, wozu auch immer. Die medial gut betankte, sonst aber vorwiegend an die Selbstisolation gewöhnte Generation der Paralleluniversalgenies braucht gar keinen Planeten mehr, der um sie herum untergeht, sie erledigen das online. Was sie im Konsumismus gelernt haben, das sinnfreie Anhäufen immer größer wachsender Quantitäten unter stetiger Ignoranz der Inhalte, übertragen sie bräsig in ihre verzwergte Bildschirmexistenz. Da drinnen hört einen niemand schreien. Was ja nicht einmal schlecht ist.

Wohlmeinende Therapeuten bieten allerlei Rat, was man in der Spirale der Nullinformation tun könne: das Telefon nach zehn Minuten weglegen, nur zweimal am Tag die Schlagzeilen checken, die wichtigsten Meldungen nur aus einer Quelle holen, am besten den Schmodder in der Zeitung lesen und gleich darauf alles vergessen. Das aber gliche dem Versuch, einen Säufer mit Weinbrandbohnen in den Entzug zu schicken. Keine Prokrastination ist mit guten Worten zu bekämpfen, erst recht keine, die ihre Zeit- zur Sinnvernichtung ausbaut. Ist unser Hirn längst zu einem Filter mutiert, der nur noch den Schmutz durchlässt, so erklärt dies auch die Sogwirkung der Verschwörungsmythen, die in den Flusenlutschern reichlich Hohlräume zum Siedeln finden. Dem limbischen System ist es wumpe, was seine Belohnungsknöpfe drückt, und so ballern wir uns im Stakkato das hundertste Armageddon in die Birne, weil es auf echtes Informationsbedürfnis ja mitnichten ankommt. Wozu auch, der Stand des Wissens ändert sich permanent.

Wen wundert es da noch, dass im Rieselfeld des Grauengelabers allmählich die Vernunft über Bord geht. Der Bekloppte, der kritiklos jeden Müll glaubt und sich obsessiv damit zuschüttet, wird auch als erstes die relativierende Kraft der Wissenschaft mit falscher Skepsis von sich weisen, bevor er sie als Störsignal auszuschalten versucht. Schrecken ohne Ende, mehr will er nicht. Medial triggert dies die end- und ordnungslose Timeline, die von seicht bis übel gestörten Dummklumpen schreiend gekapert wird und rationale Botschaften ins Grundrauschen zurückdrängt. Wie jede Lust Ewigkeit will, wird die zwanghafte Verstopfung mit schlechten Neuigkeiten nur dann gestoppt, wenn das Mobildingsi die Grätsche macht, das Internet sich verabschiedet oder der Schlaf einsetzt.

Geht es uns nur beschissen, weil wir so viele miese Nachrichten vorgesetzt bekommen, oder lesen wir sie so triebgesteuert, weil es uns eh schon lausig geht? Die Antwort wird viele überraschen, aber keinen zufriedenstellen. Und niemand wird sich darüber freuen. Wie schön.