Sektbeauftragter

29 06 2021

„Prösterchen!“ „Na, so weit sind wir noch nicht.“ „Außerdem ist die Idee von diesen Stalinisten, das können wir nicht mitmachen.“ „Ach was, die Hauptsache ist doch, dass wir weniger bezahlen.“ „Aber die Stalinisten bezahlen dann auch weniger.“ „Okay, das ist ein Argument.“

„Hat Kaiser Wilhelm damals die Steuer echt nur eingeführt, um die Kriegsflotte zu finanzieren?“ „Das haben sich die Stalinisten ausgedacht!“ „Wenn Sie im Geschichtsunterricht aufgepasst hätten, dann wüssten Sie, dass das stimmt.“ „Meinetwegen.“ „Aber es gibt doch keine Kriegsflotte mehr.“ „Das sagen Sie mal der Bundesverteidigungsministerin, die dreht Ihnen den Hals um.“ „Die Tabaksteuer ist auch schon erhöht worden für die Sicherheit am Hindukusch.“ „Wenn Sie am Hindukusch rauchen, ist mir das auch wurst.“ „Wie soll ich das denn bitte verstehen!?“ „Er meint, wenn jetzt das ganzen Volk Sekt säuft, dann ist das nicht so, wie sich das der Kaiser gedacht hatte.“ „Sie meinen, weil dann auch die Linken…“ „Sie meinen die Stalinisten.“ „… die Schaumweinsteuer nicht mehr bezahlen müssen.“ „Das sind doch ganz andere Voraussetzungen, vor allem historisch.“ „Eben, damals hieß das sowieso alles Champagner.“ „Bis wir gegen die Franzosen den Krieg verloren haben.“ „Haben wir ja gar nicht, die haben ihn bloß gewonnen.“ „Eben!“

„Sie meinen, dass die Schaumweinsteuer heute noch gezahlt wird, damit wir den nächsten Krieg gewinnen?“ „Das sagen zumindest die Stalinisten.“ „Meine Güte, jetzt hören Sie mal mit diesen blöden Anachronismus auf!“ „Weil die Linken jetzt auch für den Kaiser Sekt saufen?“ „Weil es zu Kaisers Zeiten überhaupt noch keine Stalinisten gab.“ „Das ist doch egal, Sekt ist eben nichts für das gemeine Volk.“ „Deshalb hat der Kaiser ja auch den Bürgern die Möglichkeit gegeben, ihn aus Vaterlandsliebe zu unterstützen.“ „Indem die Leute Sekt soffen?“ „Sie drücken das etwas schroff aus, aber ja.“ „Man war doch stolz, dass man sein Glas auf den Kaiser und die Flotte erheben durfte.“ „Das ist ja unglaublich!“ „Dass die Bürger damals ihren Kaiser unterstützt haben?“ „Dass die Leute Steuern als patriotischen Akt gezahlt haben und darauf auch noch stolz waren!“ „Schlimmer, dass die Linken uns wieder in diese Zeit zurückkatapultieren wollen!“ „Das ist ja infam!“ „Skandal!“

„Auf der anderen Seite, wenn uns das hilft, ein Statussymbol der oberen Mittelschicht ein bisschen preiswerter zu machen, warum nicht?“ „Muss man Angst haben, dass Sie gleich die Internationale anstimmen?“ „Jetzt lassen Sie doch mal Ihre blöden Klischees im Schrank!“ „Sie sind ja schon ganz infiltriert von diesem Blödsinn, Sie sollten mal zum Sektenbeauftragten!“ „Vielleicht wird er dann zum Sektbeauftragten ernannt.“ „Hähähä!“ „Ein wenig hedonistischen Lifestyle sollte man den Linken schon lassen, das gehört halt ihrem Markenkern.“ „Wissen Sie eigentlich, wer 1933 schon mal die Schaumweinsteuer abgeschafft hat?“ „Lassen Sie mich kurz überlegen, wer war da Bundeskanzler?“ „Eben, das sind typische Nazimethoden.“ „Und wir werden das mit Wehrkraftzersetzung bezahlen!“ „Warum haben wir die Steuer eigentlich bis heute, wenn die Nazis sie abgeschafft haben?“ „Weil sie die 1939 wieder eingeführt haben zum Bau neuer U-Boote, warum auch immer.“

„Allerdings halte ich den Plan den Linken für ideologisch nicht ganz durchdacht.“ „Weil auf die Forderung nach Steuersenkungen wir das Copyright haben, richtig?“ „Nicht ganz, sie wollen eine Steuer abschaffen, die ausdrücklich als Luxusabgabe für die Leistungsträger gedacht war.“ „Also ich kann mich nicht erinnern, dass es bei den Steuerplänen unserer Partei jemals um das Pack ging, das von Arbeit leben muss.“ „Entschuldigen Sie mal, haben Sie keine Nebeneinkünfte?“ „Glauben Sie, dass ich für die arbeite?“ „Auch wieder wahr.“ „Dann sollten wir den Linken einfach den Gefallen tun und den Vorschlag aufgreifen.“ „Das können wir den Wählern nicht vermitteln.“ „Denen ist das egal, die interessieren sich nicht für Politik.“

„Meinen Sie nicht, dass das die ganze Debatte um den Solidaritätszuschlag beeinflussen wird?“ „Das ist doch an den Haaren herbeigezogen!“ „Man könnte den Mehrwertsteuersatz senken.“ „Dann zahlt man für Selters mehr als für Sekt.“ „Ist doch schön, wenn man dem Proletariat einen kleinen Luxus mehr in ihrem Warenkorb verschafft.“ „Dann merken sie auch den Anstieg der Wasserpreise nicht so.“ „Die Umsätze der Schaumweinbranche steigen auch an.“ „Von den Steuereinnahmen mal ganz abgesehen.“ „Aber wir müssen immer noch diese antiquierte Kriegssteuer bezahlen.“ „Man könnte es den Wählern als patriotischen Akt verkaufen, dann bleiben uns wenigstens die Steuern.“ „Ich sehe schon, irgendwann kommen die Hardliner in der Partei an und erklären Autofahren zum Akt der Vaterlandsliebe.“ „Machen das unsere Äffchen aus der Springerpresse nicht jetzt schon?“

„Gut, ich fasse zusammen: der Vorschlag kann in die Tonne, wir kommen zum nächsten Punkt.“ „Nicht so schnell, wir haben doch das Wichtigste vergessen.“ „Steuersenkung?“ „Ja, hatten wir.“ „Was ist denn mit Cannabis?“ „Sie wollen doch hier nicht allen Ernstes…“ „Skandal!“ „Das ist ja infam!“ „An wie viel hatten Sie da gedacht?“ „Das müsste man sehen.“ „Aber der Vorschlag ist nicht schlecht.“ „Das ist der Untergang Deutschlands!“ „Meinen Sie das jetzt moralisch oder fiskalisch?“ „Hallo, Herr Bundeskanzler! Wir haben das mal durchgerechnet – diese 50 Milliarden im Jahr, die für Ihr Regierungsprogramm fehlen, da hätten wir eine Lösung.“