In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (DLIV)

31 07 2021

Bruno auf dem Markt in La Salle
sucht Früchte, recht saftig und prall.
Es soll sich ja lohnen,
so kauft er Zitronen.
Die braucht man auch, von Fall zu Fall.

Mizengo fährt täglich nach Gare.
Dort schaut der Friseur auf die Haare,
die ihm längst ausfielen.
So will er erzielen
Gewinn, wenn den Haarschnitt er spare.

Es jagt Nicolas gern in Othe
mit Büchse, jedoch ohne Schrot.
So geht er behende
durch Wald und Gelände
und schießt kein Tier absichtlich tot.

Es schnarchte Aziz in Guercif
fast jedes Mal laut, wenn er schlief.
Die Töchter, die’s hören,
wird er dann nicht stören –
sie waren halt auf dem Quivive.

Es trug Jean-Marie in Les Croûtes
tagein und tagaus seinen Hut.
Fast möchte man meinen,
er habe nur einen,
er hat einen zweiten, für: gut.

Es schreitet Titi in Mitole
gelegentlich auch über Kohle.
Um dies durchzuziehen,
lässt er sie nicht glühen.
Das schadet sonst noch seiner Sohle.

Man wusste, Laurence ist in Matzenheim
des öfteren blutig vom Kratzen. Beim
Spaziergang am Abend,
an Frischluft sich labend,
bringt er immer mal fremde Katzen heim.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXV): Olympische Spiele

30 07 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Was hatten die antiken Menschen für putzige Ideen, ihre jeweiligen Schöpfungsverantwortlichen mit körperlichen Auseinandersetzungen zu preisen, Wagenrennen und Faustkampf, Malerei und Tanz, und zum Schluss bekamen die Sieger Selleriekranz und Fichtenzweige. Am ehrlichsten waren noch die mesoamerikanischen Ballspiele, bei denen zum Schluss die Sieger geopfert wurden; heute wäre eine komplette Ethikkommission dagegen, weil die Bilder sich nicht vermarkten ließen. Immerhin kam die Idee des Ertüchtigungsturnens aus dem blinden Nationalismus, der als eine Art Gegengewicht die internationale olympische Idee zeugte, für die sich Amateursportler in fairem Wettkampf nach einem Stück Metall abstrampeln in den klassischen Disziplinen wie Tauziehen, Durch-Fässer-Hüpfen und Krocket. Was geblieben ist, ist ein mediales Sperrfeuer aus Markenbotschaften vor der Kulisse großflächiger Umweltzerstörung. Wozu brauchen wir noch Olympische Spiele?

Vermutlich würden es die ganzen Antibiotika alleine nicht in die Sportstätten schaffen. Sport ist, Juvenal wusste es, lediglich eine Angelegenheit intellektuell benachteiligter Muskelaffen, was der klassisch ungebildete Baron de Coubertin denn auch gründlich missverstand. Heute spielt er nur noch eine Nebenrolle, wie ein lästiges Anhängsel, mit dem man seine eigenen Geschäfte aufbläst. Der Ablauf ist seit Jahren geradezu gleich: nach einem Schmiergeldspektakel, von dem jeder weiß, wird eine der großen Industrienationen erkoren, die nächste Runde der Gigantomanie auszurichten, und klotzt je nach Bedarf beheizbare Skipisten oder ein luftgekühltes Stadion in die Landschaft, um den Sponsoren zu versichern, dass man notfalls auch auf dem Mars Marathon laufen könnte, wenn nur die Fernsehrechte an dem ganzen Schmodder in Sack und Tüten sind. Unter dem Deckmäntelchen der Nachhaltigkeit versprechen die Konzerne gern die Wiederaufforstung sorgsam weggehobelter Wälder, während sie ganze Landstriche mit Beton so zupflastern, dass man es aus dem All sehen kann. Wo bisher Dörfer waren, Kleinvieh stand oder ein Naturheiligtum indigener Stämme, ballert ein Trupp regierungsnaher Architekten mit frisch gewaschener Kohle eine bigotte Bizarrerie in die Wunden der Welt – staatlich finanziert, auch wenn’s gerade im Auftrag diktatorisch herrschender Soziopathen ist, denn das Internationale Olympische Komitee hat lediglich ein gesteigertes Interesse an Glanz und Geld, nicht an der Organisation und Durchführung des ganzen Gezumpels. Wozu auch, wenn knackige Sportlerinnen genug nackte Haut und sekundäre Geschlechtsmerkmale in die Kamera halten, fühlen sich die tatternden Kalkschädel in der Chefetage wenigstens einmal wieder jung.

Die wandernden Werbefestspiele sind typisch für den Trickle-down-Mythos der Großkopfeten. Das herbeiprophezeite Wirtschaftswachstum fand nie statt, allerdings kann man allerhand moderne Ruinen besichtigen, die nach Abzug der Karawane stumm vor sich hinrotten. Auch die angebliche Kernidee, durch das Vorbild der Modellathleten den Breitensport zu fördern mit allen seinen sozialen und pädagogischen Vorteilen, verdümpelt elend in der Realität. Wie denn auch, wenn sich Staaten mit der Austragung der Monsterspiele tief in die Grütze reiten und hinterher Sparprogramme auflegen, um die Kosten für die stattgehabte Kirmes wieder reinzuholen. Immerhin werden regelmäßig Budgets für die paramilitärische Ausrüstung der Polizei erhöht: erst für die Proteste vor den Spielen, dann für die Proteste gegen die Austeritätsfolgen.

Und der Sport? bandagierte Invaliden hampeln am Stufenbarren, Eiskanäle werden ohne Rücksicht auf Sturzgefahr in dem Hang geschwiemelt, damit die rohe Botschaft von der Eigenverantwortung des athletischen Personals sich besser einhämmert. Die neoliberale Idee, alles zum Wettbewerb zu machen und nur den Sieger zu unterstützen, wirkt auch hier, wie man an Leichtathleten im Wüstenwind sieht: wer das überlebt, hat gewonnen. Zugleich zeigt die monumentale Inszenierung eines Mittelfingers gegen die reine Vernunft, dass den Regisseuren der Spiele der Klimakollaps längst reißpiepenegal ist. Die Aircondition im Stadion braucht ein mittleres Kraftwerk, das lustig die Welt verstrahlt oder noch mehr Treibhausgase in die Atmosphäre ballert – das einzige, was noch internationale Wirkung hat. Wir heizen mit Siegern. Dafür hätten wir einfach nur die aztekischen Ballspiele gebraucht.

Aber es geht voran, denn inzwischen sind auch die Zuschauer überflüssig. Es darf gehüpft, geturnt und geschwommen werden, ohne dass sich der Pöbel einmischt und an falscher Stelle klatscht. Im lummerländischen TV sieht man vorwiegend die lummerländischen Flummiweitdotzer, der Rest wird im Internet verklappt. Wahrscheinlich könnte man die ganze Sportsache auch noch rückstandsfrei aus der Öffentlichkeit kärchern, dann seiern ein paar larmoyante Berufsirre alle Jahre wieder an einem anderen ökologischen Krisenherd von der Liebe zu Sport und Spiel und lassen den ganzen Krempel von einem elektrischen Garagentor präsentieren. Da weiß man, was man getrost ignorieren kann.





Schwimmblase

29 07 2021

„Natürlich ist das eine großartige Idee, die stammt auch aus der Wirtschaft. Wenn schon die Politik zu bescheuert ist, die aktuelle Situation in den Griff zu kriegen, dann müssen doch wir das Beste aus der Zukunft machen.

Denn das war ja erst der Anfang, in Zukunft werden die Jahrhunderte für Jahrhunderthochwasser verdammt kurz sein, und wenn Sie irgendwo bauen wollen, dann müssen Sie erst mal einen Hügel aufschütten. Falls Sie sich die Versicherung für den Schuppen überhaupt noch leisten können. Klar, in den Alpen ist es auch schön, nur haben da nicht alle Platz. Gewöhnen Sie sich ruhig schon mal daran, dass man mit Rheinländern im Gebirge das macht, was die Rheinländer bisher mit Afrikanern gemacht haben: ihnen eine aufs Maul hauen, weil sie die als Wirtschaftsflüchtlinge sehen, die in ihrer Heimat nichts zu suchen haben.

Deshalb setzen wir jetzt voll auf das Hausboot. Nicht mehr als Lifestyleartikel, sondern als neue Alternative zum normalen Eigenheim. Bis jetzt war es immer eine Schwierigkeit für unsere Zielgruppe, auch einen Liegeplatz für das schwimmende Haus zu finden, aber wenn wir mit einer unionsgeführten Bundesregierung endgültig absaufen, dann können wir uns bald nicht mehr vor Anfragen retten.

Man muss Architektur gesellschaftlich auch mal neu denken. Natürlich wird sich nicht jeder sein Hausboot leisten können, der Boom mit diesen Tiny Houses war ja auch nur für die Profilneurotiker, die mit dem Scheiß unbedingt ins Fernsehen wollten. Wer bitte kauft sich ein Grundstück für zehnmal das Jahresbrutto und kloppt sich einen Sperrholzsarg drauf? Mich dürfen Sie dafür nicht verantwortlich machen, wir haben nur das Geld von der Industrie gekriegt und dann die Werbung geschaltet, wer sich auf den Mist einlässt, ist selbst schuld. Markt nennt sich das. Oder Eigenverantwortung.

Dass Sie für ein Hausboot eine Versicherung brauchen, muss ich Ihnen auch nicht erklären, oder? Na also. Da macht man das Einstiegsangebot ein bisschen geschmeidig und ballert dann die Kosten rauf, sobald die Spezialisten aus der FDP der Branche erklärt haben, dass es den Ärmsten dient, wenn man die Vermögen der Steuerbetrüger schont. Aber wie gesagt, gesellschaftlich neu denken. Mit mehr ertrunkenen Deutschen kriegt man das Problem der Renten in den Griff, mit noch mehr ertrunkenen Deutschen braucht man auch nicht mehr so viele schädliche Wähler, die vorher vielleicht gar nicht im Eigenheim ersoffen sind.

Wir werden unser ganzes Leben in eine neue Wirklichkeit überführen müssen – das wollten diese linksversifften Hysteriker doch immer, wenn sie von dauerhaftem Homeoffice oder Computern für alle Schüler aus der Schmarotzerschicht geredet haben. Oder von Impfungen für Leistungsträger. Wir sind doch hier nicht im Wunschkonzert, wenn die Pandemie nach unseren Spielregeln verlaufen wäre, dann würde das doch gar nicht mehr leben. Aber da haben die sich getäuscht, wir haben ganz andere Pläne. Mit unserer Kampagne, sämtliche Autos, Häuser oder Wertgegenstände so schnell wie möglich zu sozialversicherungsmäßig verwertbarem Schonvermögen umzurubeln, hatten wir den Bogen doch schon fast überreizt. Jetzt kommen überall die Bootsverkäufer, die den Katastrophenopfern ins Gewissen reden, dass zehn Prozent ihres Besitzes als Entschädigung für ein Hausboot ausreichen, da das Ding die nächsten Jahrhundertfluten überlebt.

Dass wir denen die dreistöckige Superversion mit begehbarem Schuhschrank und vergoldeten Wasserhähnen verkaufen, sollten Sie von Ihrem Autohändler kennen. Bei neunzig Prozent sollte es für ein notdürftig überdachtes Floß mit Garantie gegen Blitzschlag reichen, Gewitter ausgenommen. Wir sind ja nicht das Sozialamt der Welt, und seit wann sinken die Kaviarpreise? Irgendwann steigt Springer ein, dann reißen wir eine Marketingaktion für das Volksboot auf, jeder verdient ein bisschen an der Katastrophe mit und freut sich, dass er das dicke Ende vermutlich nicht mehr miterlebt, und dann sticht Deutschland in See.

Überlegen Sie sich nur mal das riesige Potenzial für Wassersport, schwimmende Freizeitparks und neue Branchen wie Jetski-Verleih für Leute, die es sich eigentlich gar nicht leisten können. Bald gibt es die ersten schwimmfähigen Flugtaxis, Yachten mit geringem Tiefgang für den Törn über die ehemaligen Mittelgebirge und alles, was man nicht braucht, aber haben will. Das bedeutet Wachstum, Wachstum und nochmals Wachstum, und damit sind wir, entschuldigen Sie das bescheuerte Wortspiel, wieder flüssig und steuern an der Börse auf die nächste große Schwimmblase zu.

Mit etwas Pech haben wir trotzdem immer noch ausgedehnte Landflächen, aber das macht nichts. Unsere Kunden sollen ja aus einer komfortablen Situation heraus ihr Geld loswerden. Wenn sie es erst einmal in unseren Konzern gesteckt haben, ist es nicht weg, es haben eben nur andere. Vielleicht bricht dann auch ein ganz anderes Zeitalter für das Transportwesen an, wenn schon Behausung nicht mehr ortsgebunden sein muss. Sie können den Mist auch elektrifizieren, dann kombinieren Sie Haus und Auto zu einer neuen Art von Wohnmobil. Damit haben wie die Autobauer auch wieder mit an Bord. Ist das nicht genial? Und wenn Sie jetzt mal nachdenken, was wir alles nicht mehr finanzieren müssen, Freibäder und Eisenbahnen und Parkplätze für Anwohner in terrestrischen Siedlungsformen, dann können Sie sich ausrechnen, dass wir… –

Schwimmunterricht? wieso Schwimmunterricht?“





Wat för e Driss

28 07 2021

„… durch das Gewicht der Gerüstteile in die Tiefe gezogen worden sei. Augenzeugen hätten berichtet, dass die Spitze des Nordturms zunächst in sich zusammengefallen und dann auf die Domplatte gestürzt sei, wodurch das Domforum und die…“

„… dass das Domkapitel schon Stunden vor der Katastrophe die Landesregierung gewarnt habe. Innenminister Reul sei jedoch der Ansicht gewesen, man könne nach einem Einsturz immer noch die Polizei benachrichtigen, wenn dies dann überhaupt noch…“

„… nicht ins Ressort des Landes falle. Der Kölner Dom sei im Besitz sowie unter Verwaltung der Kirche und könne damit keine finanziellen Ansprüche an die Gebietskörperschaft stellen, sondern habe bis zu einer endgültigen Entscheidung über Renovierung oder Abriss des Gebäudes die anfallenden Kosten des…“

„… eine Prozession und einen Bittgottesdienst angekündigt habe, um die Kölner Bürgerinnen und Bürger zu beruhigen. Ein von der Landesregierung angedrohtes Versammlungsverbot wegen Verstoß gegen regierungsseitige Auffassungen zur römisch-katholischen Glaubenslehre fasse man dagegen als nicht im…“

„… den Dom nie wieder aufzubauen. Reichelt habe in seinem BILD-Leitartikel klar zum Ausdruck gebracht, dass das Christentum nicht als steuerfinanzierte Unterhaltung für Frauen, Ausländer, Erwerbslose und andere nicht in der…“

„… dass eine Warnung für ganz Nordrhein-Westfalen außerhalb der Kölner Innenstadt als eine Belästigung der Bürger hätte aufgefasst werden könnte, weshalb die Landesregierung lieber eine weniger aufwändige Form des…“

„… den Abtransport des Dreikönigenschreins androhe, dessen Verkaufserlös für die Stiftung Anus puerorum um regierungsnahe Mitglied von Opus Dei und mehrere in…“

„… die Warntafeln an der Westfassade entfernt habe, da diese nicht im Auftrag des Ministerpräsidenten angebracht worden seien. Wenig später habe ein Steinschlag vom Südturm die polnische Pilgergruppe, die zum Glück ihre Spende bereits vorher im WDR-Funkhaus abgegeben hätten, mit einem massiven…“

„… rate die Landesregierung der Kirche, die CDU mit dem Sammeln privater Spenden zu beauftragen, die diese gegen einen angemessenen Prozentsatz an die jeweiligen…“

„… nun auch keines Krisenstabs mehr bedarf, da die Schäden bereits eingetreten seien. Die für das Gremium veranschlagten Gelder könne man in Bitcoin investieren, um den Kölnern ein vergoldetes Kanzlerstandbild zur Aufstellung auf der Domplatte zu…“

„… keine Auswirkungen auf das Klima habe und daher dem Land erlaube, alle Windkraftanlagen in Köln sofort zu demontieren. Dies würde den notleidenden Energiekonzernen mehr finanzielle Flexibilität zum rechtswidrigen Abholzen von…“

„… habe es den Kölner Dom zur Zeit Karls des Großen noch gar nicht gegeben. Laschet halte die Instandsetzung der Türme daher nicht für politisch notwendig, es sei denn, er werde aufgefordert, in einem neuen Kaiserreich als…“

„… rate die Landesregierung der Kirche, durch den Verkauf der Glocken ein Zeichen zu setzen. Die Stadt Köln könne so wenigstens symbolisch ihren Gemeinsinn zeigen, statt sich wie andere nicht zur CDU-nahen Industrie gehörigen Betriebe nur auf Zahlungen aus Steuermitteln zu…“

„… mehrere Ministerpräsidentinnen und -präsidenten, die Bundeskanzlerin sowie der Bundespräsident anreisen würden. Ebenso werde der polnische Staatspräsident zum Staatsakt auf der Domplatte erwartet. Die nordrhein-westfälische Landesregierung werde von einer offiziellen Teilnahme absehen, da die Stadt Köln es abgelehnt habe, die Anreisekosten für die…“

„… bringe Merz ein innerstädtisches Kraftwerk als neues Wahrzeichen ins Gespräch. Eine Anlage zur Verstromung von Kohle aus dem Hambacher Forst sei vorzuziehen, da bei der Errichtung von Windkraftanlagen weite Teile der Kölner Altstadt aus Gründen des Mindestabstands komplett…“

„… dass der Auftritt des Ministerpräsidenten mit seinem selbst geschriebenen Karnevalslied Wat för e Driss, fickt üch all ehr Jecke nicht im Widerspruch zum Inhalt der Trauerfeier für die dreißig Unfallopfer stehe. Laschet wolle mit ansteckendem Frohsinn das Herz der Wähler für sich gewinnen, denen die Todesfälle genauso egal seien wie…“

„… es sich um ein Erdbeben gehandelt haben müsse, auch wenn zu dieser Zeit keine seismischen Bewegungen gemessen worden seien. Da der Ministerpräsident es ablehne, sich komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge von Personen mit einem Hochschulabschluss erklären zu lassen, werte man die Bauschäden als Folge höherer Gewalt, für die man als Landesregierung ohnehin gar keinen finanziellen…“

„… der neue Dreidrecksäckeschrein mit den Überresten von Reul, Merz und Laschet sich zu einem Anziehungspunkt für Pilger und Touristen entwickle. Auch zahlreiche Schädeltrümmer und Knochenstücke würden mit einem vom Domkapitel initiierten Reliquienhandel die enge Verbindung von Stadt, Kirche und demokratischen Bürgern auf eine neue und dauerhafte…“





Komplexe Sachverhalte

27 07 2021

Es war später Nachmittag, Siebels musste schon eine Menge schlechten Automatenkaffee gehabt haben. „Bedaure“, murmelte er an seinem Zahnstocher vorbei, „sie wollte den Termin auf jeden Fall noch heute.“ So standen wir etwas verloren an der Pförtnerloge des Studiogeländes und warteten, bis jemand uns durchwinken würde.

Spotzke war noch nicht lange im Sender, und so geschah es tatsächlich, dass Siebels, die graue Eminenz des deutschen Unterhaltungsprogramms, ihm den Weg in die Kantine zeigen musste. „Im Grunde genommen haben wir ja eigentlich nicht nur ein Ziel vor Augen, das wir miteinander verbinden wollen.“ Ich schloss reflexartig die Augen; Siebels musste es, obwohl er hinter mir stand, bemerkt haben. „Kommen Sie zum Punkt“, warf er ein, „Sie hatten uns ja ausführlich mitgeteilt, dass Sie keine Zeit haben.“ Spotzke war verwirrt, wahrscheinlich nicht verwirrter als sonst, aber immerhin sah man es ihm an. „Wie gesagt, wir suchen Experten, und wir hatten gehofft, dass Sie und dabei helfen würden.“

Sein Blick, der mich mehr als deutlich musterte, verhieß nichts Gutes; offenbar hatte mich Siebels nicht ohne Grund mitgenommen. „Sie kennen sich doch mit einigen Sachen aus, hat man mir gesagt.“ Ich wand mich. „Sachen“, brachte ich hervor, „was denn für Sachen?“ „Naja“, säuselte Spotzke, „so Sachen eben – was man im Fernsehen halt braucht für ein interessantes Programm. Politik, Wirtschaft, Verbrechen.“ Siebels runzelte die Stirn. „Die Übergänge sind da ja fließend.“ „Und wie soll ich Ihnen da helfen?“ Spotzke deutete eine leichte Verbeugung an. „Hin und wieder senden wir einen Kommentar“, erläuterte er, „eine Einschätzung zur Lage, kurz: eine Expertenmeinung. Und da hatten wir eben an Sie gedacht.“

Ganz zufällig befand sich ein Mikrofon sowie ein Aufnahmegerät in der Kantine, und wie von ungefähr näherte sich auch eine Tontechnikerin aus der gegenüberliegenden Ecke, als Spotzke ihr zunickte. „Wir wollen doch diese Gelegenheit auch gleich nutzen“, schwafelte er. „Sie könnten uns in ein paar knappen Sätzen die politische Situation beschreiben, in der wir uns gerade befinden.“ Mit so einer präzisen Aufgabenstellung hatte ich nicht gerechnet, deshalb fragte ich noch einmal nach, was genau er sich unter der politische Situation denn vorstellte. „Erklären Sie einfach“, drängte er, „das können wir hinterher dann immer noch schneiden.“ Die Technikerin drehte an zwei Knöpfen und schob einen Regler nach oben. „Die Situation ist aktuell angespannt“, begann ich, „Europa ist auf dem Weg in eine…“ „Bisschen mehr“, zischte Spotzke. „Und bitte!“ „Wir befinden uns aktuell in einer sehr stark angespannten Gesamtsituation, die Europa keinen anderen Weg mehr lässt als eine entschiedene…“ „Nein!“ Er winkte ab. Die Tontechnikerin drückte auf die Pausentaste. „Ich meinte doch nur: etwas lauter, aber ansonsten war es schon ganz gut.“ „Und wenn es nun um Amerika geht, wollen Sie das dann auch senden, wenn es gar nicht dazu passt?“ Er hob beschwichtigend die Hände. „Keine Sorge, wir machen eine Sendung über Deutschland, da passt es auch nicht rein.“

Einige Exkurse später über die angespannte Lage der Wirtschaft sowie diverse internationale Spannungen auf dem Gebiet der internationalen Entspannungspolitik fragte ich nach, wie er sich diese Zusammenarbeit denn nun vorstellen würde. „Wir rufen Sie rechtzeitig an“, versicherte er. „Die moderne Technik würde es auch erlauben, dass Sie von zu Hause aus kommentieren – es sei denn, wir könnten Sie für unseren Fernsehsender gewinnen.“ „Sie schicken dann doch hoffentlich einen genauen Überblick über das Thema“, wandte ich ein. „Wie sonst soll ich komplexe politische Sachverhalte ohne einen Überblick über die Nachrichtenlage…“ Doch er schüttelte den Kopf. „Vergessen Sie das.“ Ich verstand erst nicht. „Zeitung lesen und ab und zu das Radio anschalten, das reicht meistens für die Kommentare aus. Wir sagen ihnen dann Bescheid, ob wir dreißig Sekunden Politik oder zwanzig über die Börsenentwicklung benötigen.“

Siebels beäugte kritisch seinen Kaffeebecher. „Eigentlich“, merkte er an, „hatten Sie ja nur für die Kulturabteilung gesucht.“ Spotzke nickte. „Richtig, da sind die Preise in letzter Zeit auch ein bisschen verrutscht, das heißt, eigentlich zahlen wir da gar nichts mehr.“ Ich wollte mich schon geräuschvoll zum Gehen wenden, da griff er nach meinem Arm. „Wir können es ja mal ausprobieren, der Ton läuft einfach mit. Klavierkonzert von Jorge Kempinski?“ Ich räusperte mich. „Der Solist überzeugte in den Solopassagen durch eindrucksvollen Anschlag.“ Spotzke begann zu strahlen. „Vernissage von Lola Bumsheim.“ „Wo?“ „Galerie Dingsbums“, warf Siebels ein. „Das Werk lebt von seinem nahezu unverstellten Ausdruck.“ Er klatschte in die Hände. „Und nun noch eine neue Ballettinszenierung vom Tanztheater Bad Gnirbtzschen.“ „Die Tanzsprache der Compagnie wird dominiert vom Willen zum eindrucksvollen Ausdruck.“

Siebels hatte es gerade noch verhindern können, dass der Ressortleiter mir um den Hals fiel. So kam ich mit einem nicht besonders lukrativen, dafür aber auch nicht unbedingt anspruchsvollen Nebenjob aus der Sache raus. Vermutlich würde ich schon bald einen Anruf erhalten, um eine Opernpremiere oder einen Erdrutsch zu besprechen. „Ich würde zu gerne wissen, wie dieser Laden bisher Experten besorgt hat.“ Siebels spie das Streichholz im hohen Bogen in den Papierkorb. „Wenn Sie Zeit haben, erzähle ich Ihnen, wie man hier Bundeskanzler wird.“





Alarmstufe Tot

26 07 2021

„… bewusst keine Sirenensignale ausgelöst habe, obwohl die betroffenen Orte zu den am meisten gefährdeten in NRW gehört hätten. Die Bürger seien so den herannahenden Fluten so gut wie schutzlos ausgeliefert gewesen und hätten keine Zeit mehr gehabt, sich mit ihrem…“

„… fordere Laschet von der nordrhein-westfälischen Landesregierung, sofort sämtliche Gemeinden mit akustischen Warnanlagen auszustatten, die bei der hoffentlich bald auftretenden Folgekatastrophe ein positives Bild von der Innovationsbereitschaft der CDU in…“

„… müsse man in Deutschland zu alternativen Techniken greifen, die außerdem kostenneutral seien und die Ruhe der Besserverdienenden nicht stören würden. Lindner vertraue darauf, dass eine lautlose Sirene entwickelt werde, die nur von denen gehört werden könne, die sich freiwillig und ohne finanzielle Belastungen für Spitzenverdiener in…“

„… wie zu erwarten nicht der Wahrheit entspreche. Die betroffenen Ortschaften seien flächendeckend mit Alarmsirenen ausgestattet, oft habe man diese nach den misslungenen Aktionen in 2020 sogar durch neue Geräte ersetzt, die jetzt nur nicht ausgelöst worden seien, um die…“

„… dass es zu komplexen wissenschaftlichen Wechselwirkungen komme. Laschet fürchte, dass es bei hohen Schalldruckpegeln in Kombination mit Wasser die Gefahr dauerhafter geistiger Schäden gebe. Er selbst habe durch exzessives Singen unter der Dusche bereits eine…“

„… habe die Politik richtig gehandelt. Reul sei in der fraglichen Nacht davon ausgegangen, dass die Sirenen einen Teil der von der Flut in Gefahr gebrachten Bürger verunsichern würden, daher habe es keine weiteren…“

„… die letztjährige Alarmübung die Menschen bereits so frustriert habe, dass der noch nicht tagende Krisenstab davon habe ausgehen müssen, dass bei einem Sirenensignal gar nicht erst eine Reaktion erfolgt wäre. Angesichts dieser Gefahr für Leib, Leben und die politische Karriere führender CDU-Mitglieder habe man keine Möglichkeit gesehen, einen besseren…“

„… hätte Reul damit rechnen müssen, dass die Notrufe im ganzen Land zusammenbrechen würden, da die meisten Telefonverbindungen gar nicht mehr funktionsfähig gewesen seien. Er müsse den geschädigten Bürgern die Schuld an der Lage geben, da diese die Leitstellen angerufen hätten, obwohl ihnen hätte bewusst sein müssen, dass sie dort überhaupt keine…“

„… es eine Flutwarnung durch den Deutschen Wetterdienst gegeben habe. Nachdem dieser aber nicht in der Bevölkerung angekommen sei, habe man keinen Katastrophenalarm, der von vielen nicht in den richtigen Zusammenhang mit…“

„… sei Nordrhein-Westfalen wegen des klaren Fehlverhaltens seiner Bürger nur knapp an einer Katastrophe vorbeigeschrammt. Da die Sirenen nicht geheult hätten, seien die Einsatzkräfte nicht über das Flutgeschehen informiert gewesen und hätten bei einer Benachrichtigung zu lange Anfahrtswege gehabt, wenn die Bürger informiert gewesen wären, weil die Sirenen geheult hätten. Wäre es in dieser Nacht tatsächlich zu Katastrophen gekommen, dann hätten die Einsatzkräfte an diesen Orten gefehlt, was eine schwere Schuld für die Bürger bedeutet hätte, die durch unbedachte Anrufe bei Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten die…“

„… dass die Feuerwehr gar nicht zuständig gewesen sei und deshalb nicht ausreichend Personal vorgehalten habe, um die Anrufe der Bürger nach einem Sirenensignal zu beantworten. Das bewusste Nichtsignal, so Laschet, habe daher dem besseren Schutz der Bevölkerung vor einem…“

„… nach dem Urteil des Verfassungsgerichts in NRW Sirenen eine akute Gefahr für Leib und Leben der Bewohner des Bundeslandes anzuzeigen hätten. Angesichts der Politik der amtierenden Regierung könne dies nur durch ein tägliches 24-Stunden-Geheul in der Alarmstufe Tot angemessen in den…“

„… auf Empfehlung von Reul die Bevölkerung nicht zu warnen, damit diese bei einer ganz natürlich entstandenen Naturkatastrophe viel natürlicher reagiere und sich instinktiv mit den richtigen Maßnahmen gegen die…“

„… sich Laschet besonders für die Bedürfnisse gehörloser Wählerinnen und Wähler einsetze. Bei einem akustischen Alarm würden diese aufgrund ihrer Behinderung benachteiligt, was für ihn als christlichen Politiker nicht hinnehmbar sei. Er habe daher die Aussetzung der Sirenen gefordert, um nicht wichtige Stimmen bei der Wahl zum…“

„… bisher üblich gewesen sei, bei einem Sirenensignal das Radio einzuschalten. Angesichts der vielen Rundfunksender, unter denen es auch linksterroristische Staatsfeinde wie den WDR gebe, könne man so keine Sicherheit mehr für die…“

„… in einzelnen Ortschaften ausgelöst worden seien, obwohl das Innenministerium dazu keinen Befehl gegeben habe. In diesen Kommunen sei es durch die schnelle Evakuierung vor den Fluten zu keinen Todesfällen gekommen. Reul werte dies als Zeichen vorsätzlicher Insubordination und werde alle rechtlichen Möglichkeiten für eine schwere…“

„… dass Laschet angesichts der zu erwartenden Anrufe beschlossen habe, mit einer Dezimierung der Bevölkerung durch Ertrinken die Belastung für die Feuerwehr zu minimieren. Er werde als der nächste Bundeskanzler eine Regierung wie in NRW anstreben und durch Auslöschen aller Deutschen die Wirtschaft in eine sehr viel bessere…“





Brei

25 07 2021

Dieses Sozialdings, wo auch in der Verfassung steht – im Staat, da die braunen Stumpfnulpen von den Bäumen wachsen, findet sich das schon mal nicht. Nach einer Naturkatastrophe hängen sich Politiker gewohnheitsmäßig bis reflexartig aus dem Fenster und sondern ihre Sprechblasen von schneller und unbürokratischer Hilfe ab. Nicht so in Sachsen. Hier setzt man auf das Prinzip Eigenverantwortung und vertraut darauf, dass jedes Opfer der Flut eine Elementarschadenversicherung abgeschlossen hat, das dem Land sämtliche Zahlungen erspart. Oder in der Variante „Selber schuld“: wer Geld haben will, muss nachweisen, dass er sich mindestens drei Mal um bezahlbaren Versicherungsschutz bemüht hat. Mit Unterlagen, die in den Wassermassen sicherlich zu dem Brei geworden sind, wie ihn die sächsische Landesregierung selbst unter der Kalotte kennt. Vermutlich haben sie nur die Warnhinweise, die die Landesregierungen ignoriert haben, nicht bemerkt. Da hätte man ja des Deutschen wichtigstes Hab und Gut retten können: Akten. Alle weiteren Anzeichen, dass die Digitalisierung von der Klimakatastrophe bisher nicht viel bemerkt hat, wie immer in den Suchmaschinentreffern der vergangenen 14 Tage.

  • laschet witze: Die geschmacklosen erzählt er gerne selbst.
  • merkel laschet: Sie hat doch empfohlen, ihn zu wählen, oder?
  • wasser taskforce: Die sammelt jetzt die Brühe ein, falls wir demnächst Dürre in Brandenburg haben.
  • spd bundestagswahl: Man muss auch mit kleinen Dingen zufrieden sein.
  • küchenbauer nrw: Momentan können keine Wasserhähne verbaut werden.
  • scholz regiert: Der reagiert ja nicht mal.
  • querdenker laschet: Wer braunen Schlamm wählt, bekommt braunen Schlamm.
  • maassen nazi: Ist Wasser nass?




In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (DLIII)

24 07 2021

Andrea sieht in Gufidaun
den Sohn unterrichten. „Ich staun
als großer Verehrer
von ihm als ein Lehrer.
Er war ein begnadeter Clown.“

Filippo, der findet in Sulden
beim Räumen ein Säckchen voll Gulden.
Jetzt muss er nicht laufen,
das Haus zu verkaufen.
Die Münzen bezahlen die Schulden.

Umberto mokiert sich in Mitterbad,
dass jeder voll Angst, wenn’s Gewitter hat.
„Den Strom abzuleiten
fand ich es beizeiten
recht klug, wenn ich dabei als Ritter bad.“

Es kaufte Teresa in Pfatten
fürs ganze Dorf Läufer und Matten.
Das zehrte am Gelde,
doch hat sie in Bälde
ein Plus aus den satten Rabatten.

Es pflegt Beatrice in Ellen
die Möbel beizeiten im Hellen
und nicht erst zu Nächten
nach Kneipengefechten
im Eingangsbereich umzustellen.

Es badet Matteo in Mölten
nur einmal im Jahr, also selten.
Ihm war dies nicht peinlich,
denn sonst war er reinlich.
Er wollte sich nur nicht erkälten.

Es putzte Egidio in Plaus
seit Tagen schon fleißig sein Haus.
Er bohnerte, wischte,
dass es nur so zischte.
Der Staub war ihm nun mal ein Graus.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXIV): Träges Wissen

23 07 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es musste noch nicht einmal besonders viel in der Entwicklung des Hominiden schiefgehen, um die Ausbreitung seiner Art mit Hilfe einer Auslese zu regulieren. Ugas Schwippvetter hatte in seiner Jugend oft die wohlschmeckende Buntbeere direkt vom Strauch genascht und dabei die grünen Früchte ausgelassen. Zwar schmeckten die nicht bitterer als andere unreife Pflanzen, waren aber in diesem Zustand höchst unbekömmlich und wiesen mit Brechdurchfall und Wahnvorstellungen den Weg in die ewigen Jagdgründe. Im vollen Mannesalter, was seinerzeit nur ein paar Jahre später war, hatte sich der von Bratspieß und Körnerbrei verwöhnte Kerl nun also ans Sammeln gemacht, unter Ausblendung des Instinkts alles in den Verdauungstrakt gepfropft, was nahrhaft schien, und war alsbald abgetreten. Schuld war nicht seine Dummheit oder gar die reine Vergesslichkeit, das Problem war das träge Wissen.

Im Gegensatz zum aktiven Wissen, das aus der Erkenntnis der Dinge entspringt, sich in einen pragmatischen Zusammenhang einbinden lässt – Schuhe zubinden, Uhr lesen, bei Traueransprachen Fresse halten – und Lebensalltag, soziale Normen sowie das Überleben als Individuum erleichtert, ist das träge Wissen selten Sachverhalt oder begründet durch das Für-wahr-Halten. Aktives und passives Wissen kann schwinden, auf natürliche Art, wenn die Hirnrinde weich wird, Kollege Nachtfrost oder sein Begleiter Alkohol sich häuslich einrichten. Passives Wissen, die Hauptstadt von Honduras oder der Unterschied zwischen Altona und Altena, sind dabei nicht ganz so gefährlich, es sei denn, man ist gerade Quizshowkandidat oder will unbedingt als Bundeskanzler untergehen. Aktives Wissen wie die Fähigkeit, sich die Schuhe zuzubinden, ohne dabei Gleichgewicht und Impulskontrolle zu verlieren, ist da schon wichtiger; wer die Speicherkapazität der Biomasse des gewöhnlichen Bescheuerten auf dem Schirm hat, der weiß, warum der Klettverschluss erfunden wurde.

Es kann vielschichtige Gründe haben, dass das Wissen untertaucht. Zum einen wissen wir in alter Tradition immer noch, dass wir nichts wissen, was aber wir nicht wissen, wissen wir noch weniger. Wer nicht immer über eigenes Wissen nachdenkt – darf ich in die Kasse greifen, obwohl mich mein Amtseid eigentlich daran hindert, kann ich den ganzen Tag fadenscheinige Lügen rausrülpsen, die ein Eimer somnolenter Pantoffeltierchen als üblen Exponentialbullshit identifiziert – bekommt die schönsten Wissenslücken. Leider ist danach nicht mehr bekannt, wo sie sich befinden. Für Nappel, die nicht wissen, was sie denken, bevor sie nicht gehört haben, was sie sagen, kann die Lage schon mal garstig eskalieren.

Andererseits verheddern sich die meisten Lern- und damit auch nicht wenig Denkprozesse in einer gar nicht erst vorhandenen Struktur. Tschechische Vokabeln einzutrichtern mittels der Annahme, dass die reine Quantität der in die Birne geschwiemelten Wörter durch ein konstantes Verhältnis von Lern- und Vergessensleistung ausreicht, um irgendwann mit Bimsmethodik das Schweigen der Lemmata zu beenden. Das in vielerlei Fächern so berüchtigt wie sinnfreie Prüfungspauken variiert das Vorgehen, da reines Wissen verpfropft wird, eher in der Hoch- als in der Regelschule, und die notwendige Kompetenz zur Anwendung dieses Materials weder vermittelt noch examensrelevant verlangt wird. So kann sich der Kandidat fünfzig Sorten Hautpilz merken, von denen in der Praxis höchstens drei vorkommen, so dass er den Rest nicht einmal erkennen würde, wenn das ein Schild um den Hals trüge. Böhmische Begriffe und medizinische Terminologie hingegen als semantischer Smoothie brächte auch nichts. Nur zur Sicherheit, falls es jemand ausprobieren will.

Schließlich gibt es Deppen, die einmal Erlerntes nicht mehr anwenden können, weil die Anwendung auf nicht bekanntem Terrain sie überfordert: die Rettungsgasse auf der A1 lernen und auf der A8 nicht mehr wissen, wie es geht, auf einem braunen Klavier Stunden nehmen und dann am schwarzen Konzertflügel die Finger verknoten, ein Studium halbwegs zu Ende bringen, sich als Wissenschaftler etablieren wollen, Noten würfeln und dann mit Schnaps unter der Kalotte herumplärren, dass man seine verzweifelten Korruptionsbemühungen nicht von Wissenschaftlern korrigieren lassen will. Hin und wieder scheint das Wissen derart eng an den Kontext gebunden, dass schon eine minimale Veränderung der Uhrzeit ausreicht, um nachhaltiges Vakuum ins Oberstübchen zu saugen. Freilich ist das alles auch nur eine Mutmaßung, da wir nur erahnen können, wie weit sich ordinäre Dummheit zur Erklärung dieses Phänomens eignet, die so gut wie überall vorkommende Grundform jeglicher Niveauuntertunnelung, die wir erst bemerken, wenn wir auf Stelzen genau in die Löcher im Boden stapfen und eine flotte Einpunktlandung hinlegen. Der Trost der Welt scheint zu sein, dass jeder eine Chance bekommt, sich als dümmster Ernstfall im Laden zu profilieren. Bedauerlich ist die Quote derer, die diese Gelegenheit nicht verstreichen lassen wollen. Denn manchmal liegen die ewigen Jagdgründe wirklich, wirklich weit weg.





Selbstprophezeiende Erfüllung

22 07 2021

Der Teppichschaum verhielt sich vorschriftsgemäß: er schäumte, und dies auf dem Teppich. „Das geht bestimmt nicht raus“, grummelte Anne. „Und wir haben den Teppich im letzten Winter erst ganz neu verlegen lassen.“ Ich shampoonierte und wischte und tupfte, um die rostrote Auslegeware nach dem Kontakt mit einer Schicht Buttercreme nicht noch mehr in Mitleidenschaft zu ziehen.

„Zum Glück ist nicht auch noch ein Teller dabei entzwei gegangen“, quetschte Luzie am Kuchen vorbei. Sie saß mit dem anderen Stück hinter dem Empfangstresen, vielmehr mit dem, was von der Cremeschnitte noch übrig war. Das Corpus delicti – irgendetwas Deliziöses war den Überresten aber nicht mehr anzusehen – hatte Anne auf dem Pappträger ins Besprechungszimmer zu balancieren versucht, bis beides ins Rutschen geraten war und der Schwerkraft folgte. Ein Teller hätte diesen Sturz sicher nicht heil überstanden. So blieb es also beim Beseitigen der Kuchenreste. „Sie hat es nämlich wieder gesagt“, knurrte Anne. „Jedes Mal, wenn ich irgendetwas in der Hand habe, sagt sie es.“ Ich richtete mich halb auf. „Wir würden der Lösung dieses schwierigen Falls näher kommen, wenn Du uns verraten würdest, worum es sich handelt.“ Das mit dem schwierigen Fall, eigentlich war es ja ein schmieriger, hatte die Laune der Rechtsanwältin jedenfalls nicht verbessert, und jetzt war ich an der Sache mitschuldig. Was soll man da machen.

Anne wischte sich noch einen kleinen Rest vom Ärmel, vermutlich Buttercreme, und wollte das Taschentuch in den Küchenmülleimer werfen, da tönte es schon hinter ihr: „Vorsicht mit dem…“

Natürlich hatte Anne noch nicht einmal die Tür hinter sich geschlossen, als sie auch schon beim Verlassen der kleinen Abseite mit dem Ärmel an der Klinke festgehangen war. Ein kurzer, heftiger Ruck am rechten Ärmel, dann sprang der Knopf ab und kullerte über den einigermaßen cremebefreiten Teppich des Eingangsbereichs. Ein Moment der Stille, in dem Luzie sie entgeistert ansah, führte zu einem nur um so heftigeren Ausbruch auf Annes Seite. „Ich hatte es doch ausdrücklich gesagt“, schrie sie, „ich will diese ständigen Ansagen nicht mehr haben!“ So hatte ich die beiden noch nicht erlebt; normalerweise waren die Juristin und ihre langjährige Bürovorsteherin, die nicht ohne Grund mit luziefr zeichnete, ein Herz und eine Seele. „Jetzt beruhigen wir uns erstmal“, mahnte ich, „und dann sprechen wir in aller Ruhe über die Situation und wie wir sie gemeinsam verbessern können.“ Luzie hob wie ertappt die Hände.

„Es ist jedes Mal dasselbe“, rief Anne aus, „ich nehme einen Aktenordner in die Hand, da höre es ich schon hinter mir: ‚Vorsicht!‘“ „Und dann?“ Sie stampfte energisch mit dem Fuß auf. „Dann lasse ich ihn natürlich vor Schreck fallen, und wenn ich Pech habe, fliegen dabei sämtliche Papiere raus.“ Ich runzelte die Stirn. „Kann es sein, dass Du in letzter Zeit ein bisschen unvorsichtig bist?“ „Ich sage ja schon gar nichts mehr“, maulte Luzie. Anne nahm den Kaffeebecher vom Tresen und drehte sich um. „Ich will heute nicht mehr gestört werden, es gibt für die Verhandlung gegen Pick-Lepinski noch jede Menge Arbeit.“ Luzie starrte sie mit einem hypnotisierenden Blick an, und da geschah es: Anne ließ den Becher fallen, er glitt ihr einfach aus den Fingern. Zum Glück ergoss sich der Kaffee just auf die Stelle, die vom Kuchen ohnehin schon getroffen worden war. „Ich habe nichts gesagt“, wimmerte Luzie, „diesmal habe ich aber wirklich kein Wort gesagt!“ „Du wolltest aber“, schrie Anne, die in ihrem Verhalten zumindest den Vorsatz entdeckt zu haben schien. „Moment“, griff ich ein. „Hier haben wir es doch nun wirklich mir einem eklatanten Mangel an Beweisen zu tun, meinst Du nicht?“

Anne war eingeschnappt. Sie hatte das letzte Blatt von der Küchenpapierrolle abgerissen und rieb den glücklicherweise unbeschädigt gebliebenen Becher trocken. „Sie weiß, dass ich weiß, dass sie etwas sagen will.“ Luzie verdrehte die Augen. „Sie braucht es also gar nicht mehr zu sagen, weil ich ja weiß, dass sie etwas sagen will – und schon lasse ich den Becher fallen.“ „Schopenhauer hätte seine helle Freude an ihr gehabt“, knurrte Luzie und nahm die leere Papprolle vom Tresen. „Sie hat damit angefangen“, begehrte Anne auf. „Das ist jetzt eine selbstprophezeiende Erfüllung.“ „Leute“, ermahnte ich sie. „Wir passen alle mal ein bisschen besser auf, was wir tun, sind etwas vorsichtiger und legen nicht jedes Wort auf die Goldwaage. Wie soll das denn hier noch enden, wenn wir ständig mit Misstrauen auf den anderen sehen?“

Mein Vorschlag zeigte Wirkung. Luzie füllte die Büroklammern in ihrem kleinen Schälchen auf der Tischplatte nach, Anne zog ganz ohne Kommentar oder Bedenken einen Ordner aus dem Schrank, in Ruhe die Verteidigung ihres Mandanten zu planen. Im Nu war die ganze Anspannung der vergangenen Tage dies auch: vergangen, in Luft aufgelöst, und keiner bezichtigte den anderen der psychologischen Kriegsführung. Der Fleck auf dem Teppich würde trocknen, alles würde sich beruhigen, noch war der Tag schön. Das Telefon klingelte. Luzie nahm ab. Während sie eine komplizierte Terminabsprache durchführte, konnte ich natürlich nicht fragen, wo das Küchenpapier gelagert wurde, das nun in der dafür vorgesehenen Halterung fehlte, also sah ich mich in der Abseite um und entdeckte die Packung oben auf dem Hängeschrank. Neben dem Altpapier lehnte ein faltbarer Tritt an der Wand, den ich flugs aufklappte, um mich draufzustellen. „Vorsicht“, rief da Anne durch die Tür. „Du fällst noch runter!“