Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXIV): Träges Wissen

23 07 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es musste noch nicht einmal besonders viel in der Entwicklung des Hominiden schiefgehen, um die Ausbreitung seiner Art mit Hilfe einer Auslese zu regulieren. Ugas Schwippvetter hatte in seiner Jugend oft die wohlschmeckende Buntbeere direkt vom Strauch genascht und dabei die grünen Früchte ausgelassen. Zwar schmeckten die nicht bitterer als andere unreife Pflanzen, waren aber in diesem Zustand höchst unbekömmlich und wiesen mit Brechdurchfall und Wahnvorstellungen den Weg in die ewigen Jagdgründe. Im vollen Mannesalter, was seinerzeit nur ein paar Jahre später war, hatte sich der von Bratspieß und Körnerbrei verwöhnte Kerl nun also ans Sammeln gemacht, unter Ausblendung des Instinkts alles in den Verdauungstrakt gepfropft, was nahrhaft schien, und war alsbald abgetreten. Schuld war nicht seine Dummheit oder gar die reine Vergesslichkeit, das Problem war das träge Wissen.

Im Gegensatz zum aktiven Wissen, das aus der Erkenntnis der Dinge entspringt, sich in einen pragmatischen Zusammenhang einbinden lässt – Schuhe zubinden, Uhr lesen, bei Traueransprachen Fresse halten – und Lebensalltag, soziale Normen sowie das Überleben als Individuum erleichtert, ist das träge Wissen selten Sachverhalt oder begründet durch das Für-wahr-Halten. Aktives und passives Wissen kann schwinden, auf natürliche Art, wenn die Hirnrinde weich wird, Kollege Nachtfrost oder sein Begleiter Alkohol sich häuslich einrichten. Passives Wissen, die Hauptstadt von Honduras oder der Unterschied zwischen Altona und Altena, sind dabei nicht ganz so gefährlich, es sei denn, man ist gerade Quizshowkandidat oder will unbedingt als Bundeskanzler untergehen. Aktives Wissen wie die Fähigkeit, sich die Schuhe zuzubinden, ohne dabei Gleichgewicht und Impulskontrolle zu verlieren, ist da schon wichtiger; wer die Speicherkapazität der Biomasse des gewöhnlichen Bescheuerten auf dem Schirm hat, der weiß, warum der Klettverschluss erfunden wurde.

Es kann vielschichtige Gründe haben, dass das Wissen untertaucht. Zum einen wissen wir in alter Tradition immer noch, dass wir nichts wissen, was aber wir nicht wissen, wissen wir noch weniger. Wer nicht immer über eigenes Wissen nachdenkt – darf ich in die Kasse greifen, obwohl mich mein Amtseid eigentlich daran hindert, kann ich den ganzen Tag fadenscheinige Lügen rausrülpsen, die ein Eimer somnolenter Pantoffeltierchen als üblen Exponentialbullshit identifiziert – bekommt die schönsten Wissenslücken. Leider ist danach nicht mehr bekannt, wo sie sich befinden. Für Nappel, die nicht wissen, was sie denken, bevor sie nicht gehört haben, was sie sagen, kann die Lage schon mal garstig eskalieren.

Andererseits verheddern sich die meisten Lern- und damit auch nicht wenig Denkprozesse in einer gar nicht erst vorhandenen Struktur. Tschechische Vokabeln einzutrichtern mittels der Annahme, dass die reine Quantität der in die Birne geschwiemelten Wörter durch ein konstantes Verhältnis von Lern- und Vergessensleistung ausreicht, um irgendwann mit Bimsmethodik das Schweigen der Lemmata zu beenden. Das in vielerlei Fächern so berüchtigt wie sinnfreie Prüfungspauken variiert das Vorgehen, da reines Wissen verpfropft wird, eher in der Hoch- als in der Regelschule, und die notwendige Kompetenz zur Anwendung dieses Materials weder vermittelt noch examensrelevant verlangt wird. So kann sich der Kandidat fünfzig Sorten Hautpilz merken, von denen in der Praxis höchstens drei vorkommen, so dass er den Rest nicht einmal erkennen würde, wenn das ein Schild um den Hals trüge. Böhmische Begriffe und medizinische Terminologie hingegen als semantischer Smoothie brächte auch nichts. Nur zur Sicherheit, falls es jemand ausprobieren will.

Schließlich gibt es Deppen, die einmal Erlerntes nicht mehr anwenden können, weil die Anwendung auf nicht bekanntem Terrain sie überfordert: die Rettungsgasse auf der A1 lernen und auf der A8 nicht mehr wissen, wie es geht, auf einem braunen Klavier Stunden nehmen und dann am schwarzen Konzertflügel die Finger verknoten, ein Studium halbwegs zu Ende bringen, sich als Wissenschaftler etablieren wollen, Noten würfeln und dann mit Schnaps unter der Kalotte herumplärren, dass man seine verzweifelten Korruptionsbemühungen nicht von Wissenschaftlern korrigieren lassen will. Hin und wieder scheint das Wissen derart eng an den Kontext gebunden, dass schon eine minimale Veränderung der Uhrzeit ausreicht, um nachhaltiges Vakuum ins Oberstübchen zu saugen. Freilich ist das alles auch nur eine Mutmaßung, da wir nur erahnen können, wie weit sich ordinäre Dummheit zur Erklärung dieses Phänomens eignet, die so gut wie überall vorkommende Grundform jeglicher Niveauuntertunnelung, die wir erst bemerken, wenn wir auf Stelzen genau in die Löcher im Boden stapfen und eine flotte Einpunktlandung hinlegen. Der Trost der Welt scheint zu sein, dass jeder eine Chance bekommt, sich als dümmster Ernstfall im Laden zu profilieren. Bedauerlich ist die Quote derer, die diese Gelegenheit nicht verstreichen lassen wollen. Denn manchmal liegen die ewigen Jagdgründe wirklich, wirklich weit weg.


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