Hütchenspieler

16 08 2021

„Jetzt bleiben Sie mal ganz ruhig. Setzen Sie sich bequem hin, öffnen Sie den obersten Knopf vom Kragen, meinetwegen können Sie auch… – Hören Sie mir noch zu, Herr Laschet? Und wenn nicht, warum rufen Sie mich dann um diese Zeit an?

Wie jetzt, keine Lust? Das fällt Ihnen aber ein bisschen spät ein. Das Management hat die Termine unter Dach und Fach, die Spenden sind alle korrekt verbucht, auch die illegalen, die Plakate sind längst gedruckt, wir können jetzt nicht mehr zurück. Nein, die Briefwahl ist nicht unsicher und auch nicht für Betrug anfällig, Sie müssen auch diesmal nicht alles nachplappern, was die AfD sagt. Und je mehr Sie jetzt herumeiern, desto mehr werden sich schon vor der Wahl gegen die Union entscheiden. Sie müssen da durch, ob Sie wollen oder nicht.

Und überhaupt, Lust – kommen Sie mir am Ende noch mit linken Slogans aus der Kohl-Ära? Politik muss auch Spaß machen? Vielleicht den Typen, die Sie dafür eingekauft haben, aber im Kanzleramt geht’s doch nicht um Spaß. Also für Sie schon mal gleich gar nicht, und wenn ich mir Ihre bisherigen Leistungen als Pausenclown von NRW ansehe, dann kann damit auch sonst keiner gemeint gewesen sein. Reißen Sie sich jetzt mal am Riemen, sonst war’s das für uns alle. Ja, für uns – schließlich sind Sie Parteivorsitzender, oder hatten Sie das auch schon erfolgreich verdrängt?

Klar kann man das vergessen, Herr Laschet. Da steht man morgens vor dem Spiegel, putzt sich die Zähne und denkt dabei: was mache ich eigentlich noch mal beruflich? Redakteur? Büttenredner? Hütchenspieler? Kann schon mal passieren.

Nein, Herr Söder macht das nicht. Natürlich können Sie jetzt öffentlich den Schwanz einkneifen, aber wie gesagt, das ist nicht nur Ihr Untergang, sondern unserer. Das mit der Briefwahl hatten Sie hoffentlich kapiert, oder muss ich Ihnen das noch mal erklären? Je öfter Sie den Eindruck erwecken, dass Sie schon vorher gewusst haben, dass Sie mit der Kandidatur überfordert sein würden, desto mehr Scheiße kriegen wir alle ins Gesicht. Vielleicht mal ausgenommen Herr Söder. Überlegen Sie mal, was jetzt passieren würde, wenn Sie vier Wochen vor der Wahl zu Kreuze kröchen und Herr Söder Ihre Unfähigkeit eingestehen würden. Gut, da haben Sie recht – der Überraschungswert wäre gleich Null. Aber was machen Sie, wenn Herr Söder sich als genau das bösartig rachsüchtige Arschloch zeigen würde, das man von ihm erwartet, und Ihnen seine volle loyale Unterstützung als Spitzenkandidat der Union zuspräche?

Ich meine, es gibt schon schwierige Dinge, die bei uns hier aufschlagen, wie zum Beispiel diese anonymen Drohbriefe, dass wir Sie sofort als CDU-Chef absägen sollen, weil man sonst allen Medien Bilder zeigen würde, wie Sie mit dem… – Das waren Sie? Laschet, haben Sie noch alle Latten am Zaun!? Am Ende geraten Sie hier an irgendeinen IT-Experten in der Partei, gut, das passiert sicher nicht, aber wenn der herausfände, dass Sie sich mit fingierten Erpressungen selbst demolieren wollen, dann haben wir als CDU definitiv ein Problem! Die Zielgruppe ist zu alt, um zu kapieren, was E-Mails sind, und alle anderen merken, dass das wieder nur das übliche Kindertheater ist.

Dann waren diese anonymen Anzeigen wegen der Plagiate und wegen des Steuerbetrugs also auch von Ihnen? Sie dachten, wenn die Leute Baerbock dafür hinrichten wollten, werden Sie dafür auch aus dem Rennen gekegelt? Meine Güte, Ihre Naivität möchte ich haben. Sie sind CDU-Vorsitzender, und Sie sind ein Mann. Sie könnten auf der Domplatte die Hosen runterziehen und mitten in die… – Das war jetzt metaphorisch gemeint. Und das ist auch keine Lösung für Ihr Problem, Herr Laschet.

Ich verstehe auch nicht, warum man Ihnen die vielen Absagen so einfach durchgehen lässt. Wenn Sie sich jetzt am Riemen reißen und in den Duellen oder Interviews nicht immer so beleidigt reagieren, falls mal eine Frage kommt, der man nicht mit Worthülsen zu einem völlig anderen Thema aus dem Weg gehen kann, dann haben wir zumindest eine reelle Chance, dass ihre Stimmenverluste zwar sinken, aber mit etwas Glück langsamer als bisher. Das wäre mal ein Anfang. Sie müssen nicht immer so selbstkritisch sein, Herr Laschet. Schauen Sie mal, die Leute haben Sie nicht gewählt, obwohl Sie eine geistig unterbelichtete Heißdüse mit manifester Lernschwäche und religiösen Wahnvorstellungen sind, die Leute haben Sie gewählt, weil Sie genau das sind. Weil das exakt der Stellenbeschreibung entspricht, die Sie bisher auch immer so großartig ausgefüllt haben. Was würden unsere Lobbyisten denn ohne Sie anfangen?

Jetzt lassen Sie mal dieses passiv-aggressive Getue, Herr Laschet, das hilft uns hier nicht weiter. Diese Woche machen wir ein paar Termine in der Parteizentrale, wo wir die Wirtschaftspolitik der unionsgeführten Bundesregierung vorstellen, ein Pressegespräch über Steuersenkungen für Reiche und elektrische Wasserstoffautos, und dann haben wir mit der PR-Abteilung noch eine Homestory, da gucken Sie sich eine schöne Eigentumswohnung in Mitte an, die Sie als Kanzler der Innovationen… – Aachen? Sie können doch nicht in Aachen wohnen bleiben, wenn Sie die Regierung in Berlin mit all den wichtigen Terminen und internationalen… –

Hallo? Frau Bundeskanzlerin? Ja, Sturz von der Dachterrasse. Fünfter Stock. Morgen Nachmittag gegen halb vier. Möchten Sie sich mit Herrn Söder in Verbindung setzen, oder wollen Sie das für die nächsten Jahre noch geordnet zu Ende bringen?“


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16 08 2021
Umleitung: Afghanistan, Schröder, Hütchenspieler, Neonazis, Hans Globke, Revolution, Podcast-Analyse und Sonneborn. | zoom

[…] Hütchenspieler (Satire): Jetzt bleiben Sie mal ganz ruhig. Setzen Sie sich bequem hin, öffnen Sie den obersten Knopf vom Kragen, meinetwegen können Sie auch… – Hören Sie mir noch zu, Herr Laschet? … zynaesthesie […]

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