Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXX): Der Gerechte-Welt-Glaube

3 09 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Uga war ein mieser Drecksack. Wie er aus Lust am Übeltun dem Neffen ein Bein stellte, die eigene Tochter für ein paar lausige Buntbeeren im tiefsten Winter aus der Höhle jagte oder seiner Schwägerin vor versammelter Sippe das Dachsfelloberteil an der morschen Knochenklemme öffnete, das blieb noch weit über sein Ableben hinaus Gesprächsstoff am Feuer, wobei eben dieser Hintritt, den ein übel gelauntes Panzernashorn beschleunigte, alle mit dem Leben dieses Taugenichts versöhnte. Er war so gestorben, wie er gelebt hatte: kein schöner Anblick und dennoch unvergesslich. Moralisierend fügte man stets hinzu, dass ausgleichende Gerechtigkeit für dieses spektakuläre Ende verantwortlich sei, in den ersten Generationen eine rein spekulative Art der Metaphysik, in der Folge aber ein fast religiös wirkendes Prinzip. Uga war selbst schuld, wie sonst sollte man an eine gerechte Welt glauben?

Seitdem die Existenz komplizierter wurde, nein: seit wir genug Glibber in der Hirnschale haben, um deren Komplexität zu kapieren, denken wir uns die Grütze bunt. Im Frühstadium der Hominisation gab es ebenso Unfälle und Kümmernis, und mit genug mentaler Rechenleistung reicht schon die emotional aufgeschwiemelte Egowahrnehmung, die sich fragt, warum man selbst vom Blitz getroffen wurde und nicht die Knalltüte da neben einem. Bewältigt der Randomschnösel seine Bruchlandung besser als der subjektiv bessere Pausenclown, der sich bar jeder Schuld sieht und also mehr Recht auf Gutes hat? Das magische Denken ist nicht fern, das Ursache und Wirkung infantil ignoriert und in einfache Form pfropft, damit es auch simpel gestrickte Gemüter glaubensselig schlucken.

Vulgärkapitalistisch lässt sich das Konzept natürlich bestens ausschlachten, wenn man es auf links krempelt: wer mehr materiellen Reichtum zur Verfügung hat, der hat es eben verdient, wer aber arm bleibt, strengt sich nicht genügend an. Die aus dem Calvinismus geronnene Arbeitsethik hat damit nur am Rande zu tun, schließt sie doch Luxus und eitle Zeitvergeudung als törichten Abfall von jenem höheren Wesen aus, das wir alle verehren. Wo nach Glaubensgrundsätzen bedingungslos erwählt wurde, kann ja auch durch Fleiß gar nichts zu verdienen sein, während in der gerechten Welt alle Spielregeln transparent vor uns liegen: wir müssen nur in guter Absicht handeln, dann gibt’s uns irgendeiner im Schlaf des Gerechten. Die Ungeheuer werden nur zufällig geboren und jenseits der Vernunft.

Wo nun das Schicksal, die kleine Schwester der existenziellen Hilflosigkeit, ihre Selbstwirksamkeit in die Tonne tritt, haben wir das Spielfeld bereitet für die Ausschlusskriterien aus dem sozialen Spiel, das nur Gewinner kennt, indem es die möglichen Verlierer aussortiert. Arbeitslos, Krebs, mittellos geboren? Pech, und mit ein bisschen Bösartigkeit macht der spätbourgeoise Machertyp dem anderen auch klar, dass wohl die Vorsehung einen Hänger hatte, wenn eins nicht als Milliardärserbe geboren wurde. Die Abwertung des Unterlegenen ist nur ein kleiner Schritt, die Rechtfertigung seiner sozialen Unterlegenheit ein großer. Dem Opfer die Schuld zu geben hatte schon immer etwas Verlockendes für die glitschigen Geiferer, die sich ihrer Macht nicht sicher waren, und so richtet man sein moralinsauren Maßstäbe daran aus. Vergewaltigt? Dann war wohl der Rock zu kurz. Überfahren? was geht man auch zu Fuß über die Straße. Flüchtling? wir können nicht alles gleichzeitig plattbomben. Die ungerechte Welt wäre bedrohlich, da sie die angeblich gerechte Fügung auf alle verteilen würde, und was würde da die reiche Geburt nützen?

Wir lassen uns von einer Rotte neoliberaler Klötenkönige einreden, die Investition in unsere – also ihre – Zukunft sei nur dann vernünftig, wenn wir an das gute Ende der Mission glauben würden. Jede Wirtschaftskrise, jeder Bankencrash durch die marodierenden Heuschrecken wäre unabänderliche Entwicklung, nicht einmal durch Insiderdeals zu lenken. So wird auch der Wagemut der Anleger zur sinnlosen Tapferkeit verklärt, während sich die Verlierer mit ihrer Bestimmung abfinden müssen. Hämmern wir es ihnen oft genug in die Rübe, so sind sie geneigt, ihr Geschick als gerechte Strafe zu verstehen, auch wenn sie nicht begreifen, wofür sie eigentlich büßen sollen. Zugleich lernen sie, dass die Autoritäten, die sie anerkennen sollen, sicher auch billig zu ihrer Autorität gelangt sind, also keinerlei Schuld tragen – es ist also nicht statthaft, an ihrer moralischen Integrität zu zweifeln, an ihren akademischen Graden, an ihren Steuerzahlungen. Was wie ein hohler Belohnungsaufschub aussieht, nämlich auf die Vergeltung am Ende eines sinnlos langen Lebens zu hoffen, stabilisiert nur die absurd anmutenden Tugendregeln, an die sich kleine Leute zu halten haben, damit ein Gesellschaftsvertrag des transzendenten Gerechtigkeitsempfindens weiter existiert. Kleine Sünden, sagt der Volksmund, werden sofort bestraft, große scheinen dagegen nicht sündhaft zu sein, denn wie sonst sollte man damit durchkommen, ohne seine gerechte Strafe zu erhalten? Es ist schwierig. Wahrscheinlich haben wir es nicht verstanden. Wahrscheinlich haben wir es nicht besser verdient.


Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.




%d Bloggern gefällt das: