Krisenstäbchen

8 09 2021

„Hat sie eigentlich irgendwann mal eine Strickjacke getragen? so kohlmäßig? Sonst haben wir nur diese Schlandkette, aber die war nie so wichtig. Politisch gesehen. Hosenanzüge, kann man ja machen, aber welchen soll man da nehmen?

Das ist mal wieder eine Schnapsidee, die sich die Partei ausgedacht hat. Merkel-Museum. Das ist der blödeste Einfall, seitdem der Kanzlerkandidat irgendwas gesagt hat, und der sagt ja dauernd was. Wie soll man aus Merkel ein Museum machen? und was zeigt man da? Und warum? Die Partei hat sich gedacht, wir zeigen das politische Erbe, aber nur positive Sachen. Gut, wären wir dann fertig?

Im Eingangsbereich erst mal die Abteilung über die Umweltkanzlerin, obwohl: die war sie gar nicht. Da müsste man in einem eigenen Stockwerk alle Absichtserklärungen sammeln, sämtliche Versuche, die deutsche Wirtschaft vor den Auswirkungen der Erderwärmung zu schützen – die deutschen Bürger hätte sie schützen können, aber das war genau das Problem, dass sie ihre Politik nicht für deutsche Bürger gemacht hat. Sondern für die Wirtschaft, unter anderem auch für die deutsche. Was dann Solaranlagen betrifft, da kann sich die chinesische Wirtschaft nicht beschweren. Die Auswirkungen auf Deutschland, dazu bräuchte man so eine Art Erlebnispädagogik. Einen Raum, der unter Wasser steht und an einer Ecke wegbricht. Also sie hat was fürs Klima getan, nur eben nicht für die Menschen. Dem Klima ist das egal, das war ihr immer schon klar. Sie ist ja Physikerin.

Immerhin hat sie nach dem Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Kernenergie den Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg hingekriegt. Das war als Wahlkampfmanöver gedacht und hat trotzdem ganz gut funktioniert. Da könnte man ein Modell von Fukushima bauen, als Bezug zu ihrer Politik. Wobei sie ja eher die langsame Brüterin ist, aber wenn es aus dem Ruder läuft: sofort alles stoppen. Das war in Afghanistan nicht anders, da hat sie auch ein paar Jahre gebraucht, bis sie gemerkt hat, dass die Wissenschaftler, die sie vor einer Katastrophe warnen, Wissenschaftler sind, die sie vor einer Katastrophe warnen. Sie bremst schon, aber eben erst dann, wenn die Wand vor ihr beschleunigt.

Ihre Parteisoldaten haben sechzehn Jahre lang gesagt, dass sie bei ihrer Politik immer auch alle deutschen Bürger mitnimmt. Das stimmt. Fragen Sie die Wand.

Es gibt auch einen Flügel in der Partei, die die positiven Aspekte gar nicht sehen wollen. Denen ist so ein Museum eigentlich nur als Gruselkabinett willkommen, damit sie hinterher sagen können, dass sie alles besser gemacht hätten, nur eben nicht jetzt, wo sie es nicht mehr besser machen, weil ihnen keiner mehr zutraut, dass sie es besser würden machen können. Die wollen unbedingt eine kontrafaktische Abteilung, da wird zum Beispiel das Märchen von der Grenzöffnung noch mal ganz groß aufgeblasen mit allen Artikeln aus der Presse, in denen das so dargestellt wurde. Am besten gleich rautenförmig, wegen der Symbolik.

Oder hier, Europa – da wollen die Flügelleute am liebsten eine vergoldete Kanzlerin auf dem Podest, weil sie erst mit ihrer Sparpolitik so richtig dafür gesorgt hat, dass die ganze Eurozone auf dem Zahnfleisch ging. Eine Bankenkrise hätte Europa ja noch alleine hingekriegt, aber sie hat eine richtige Staatsschuldenkrise gezaubert, mit externalisierten Kosten für die anderen, denen man dann vorwerfen kann, dass sie nicht genug Feuerwehr haben, wenn wir ihnen regelmäßig wieder die Bude abfackeln. Das ist Balsam für die deutsche Nationalseele, die am liebsten alles alleine macht, weil sie überzeugt ist, dass die anderen es nicht so gut hinkriegen.

Die Destabilisierung des politischen Systems in Deutschland zur marktkonformen Demokratie darf man hier auch nicht vergessen. Asymmetrische Demobilisierung ist das eine, aber wenn die Leute überhaupt wählen, wählen sie je nach Bundesland bis zu einem Viertel Faschisten. Eigentlich könnte man denen einen ganzen Raum überlassen. Braun anstreichen reicht, den Rest machen sie selbst. Viel Gegenwehr war da nicht, für Hanau oder Halle oder den NSU brauchen keinen Extraraum. Wir könnten einen versprechen und ihn vergessen, das wäre im Duktus der Kanzlerin. Vielleicht gräbt mal einer aus, ob es Bilder vom Krisenstab gibt. War wohl eher ein Krisenstäbchen. Das können wir irgendwo im Kuriositätenkabinett aufhängen. Bei der sozialen Schere und neben der Ehe für alle. Oder auf den großen Scheiterhaufen. Also das, was von ihr noch übrig ist. Das reicht dann für den Ausgangsbereich.

Haben Sie noch eigene Ideen? Gut, war jetzt nur so eine rhetorische Frage, aber da sind wir auch auf der richtigen Seite, weil der Flügel das sowieso zu verhindern weiß. Die alternde Gesellschaft wird man ihr in die Schuhe schieben, vor allem, weil sie nicht mehr die Partei wählt, das Scheitern der Partei als Partei, die Pandemie, dass sie Merz nicht an die Macht gebracht hat, dass sie Merz nicht vernichtet hat, dass sie ewig da war, dass sie nicht weg ist, dass sie weg ist, dass sie nicht wiederkommt. Das kann man irgendwann mal als Sonderausstellung aufziehen. Das große Versprechen an die Sparer in der Krise, Digitalisierung, Arbeitslose, Pflege, die dummen Arschlöcher im Kabinett, die von dummen Arschlöchern ersetzt wurden. Eine Kriecherin, die die Darmschleimhaut der einzelnen Autokonzerne am Geschmack erkannt hat. Sie allein wusste, wir wollen an die Wand, die Wand wusste es, wir wussten es. Und nur sie wusste: wir schaffen das.“