Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXXI): Das Phänomen der Beibehaltung

10 09 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Krach im Paradies: Rrts Lieblingsfeuerstein war einfach nicht mehr aufzufinden. Die gesamte Höhle hatte der Schwager des Sippenältesten durchwühlt, Winter- und Sommerfell umgewendet, Körbchen mit Buntbeeren und Nüssen geschüttelt – nichts. Auf dem kleinen Felsvorsprung, da Ugas Speer und ein paar Lagen Bast ruhten, Zweige für Pfeil und Bogen sowie die Kieferknochensäge von Nggr, da fand sich das Werkzeug unter anderen Keilen und Messern. Keiner wusste, wie das Utensil dort hatte auftauchen können, bewahrte doch Rrt seinen Lieblingsfeuerstein stets an anderer Stelle auf, auch wenn diese ihm hin und wieder entfiel, in letzter Zeit meist täglich. Leichter wäre es gewesen, er hätte sich zur pragmatischen Lösung entschieden und den Schneidestein stets an der Stelle deponiert, an der er für alle zu finden sein würde, zum Beispiel auf jenem kleinen Felsvorsprung. Aber das war mit ihm nicht zu machen. Viel hatte Rrt nicht im Kopf, aber das war gründlich verschaltet, wie das Phänomen der Beibehaltung zeigte.

Auch heute noch zeigt sich die Wirksamkeit des Gewohnten als Erleichterung für Praxis. Wo einmal der Stift auf dem gut gefüllten Schreibtisch abgelegt wurde, bleibt er fortan auch liegen – außer, von den südlichen Hängen des Eingangskorbs segeln zehn bis neunundneunzig Blatt herunter und begraben das Schreibgerät unter sich, worauf eine Mission archäologischer Art stattfinden muss, um Materie und Strahlung voneinander zu trennen. Wer immer am Donnerstag den Gang zum Gemüseladen antritt, wird seine Gründe haben, dies auch über Jahrzehnte beizubehalten, gerät aber angesichts gesetzlicher Feiertage leicht in Schwierigkeiten, wenn sich die Realität als zu unflexibel erweist im Vergleich mit der eigenen Organisation. Ganze Lebensentwürfe, wie sie ein geistig nicht gesegneter Kotzkopf hatte, der von gelangweilten Schnöseln nach ganz oben durchgereicht wurde, um irgendwann das Land im Bodensatz seiner Dämlichkeit zu verschwiemeln, werden einmal in die Gegend geklotzt, stehen da, bedeuten nichts, und man lässt sie doch da, wo sie sind.

Nicht jedes Gewohnheit bietet die Friedlichkeit des Rituals, das ein Dasein mit zeitentrücktem Sinn strukturiert; bisweilen ist es praktisch, den Stift zur Rechten hinzulegen, wenn es die Suche effektiver macht, gleichsam als gedankenloses Reagieren auf die Notwendigkeiten des Daseins, die nicht so viel Rechenleistung erfordert wie aktive Beschäftigung mit den Objekten der Umwelt, was bei manchen an festgerosteten Synapsen scheitert, bei manchen an der preiswerten Grundausstattung unter der Kalotte. Andererseits birgt der Trott in einer komplexen Umgebung auch Konfliktpotenziale, gerade in der Zweierbeziehung, in der eine Seite die Nagelfeile in der Schublade mit den Schwimmflügeln, dem Reisewecker und den Impfpässen versteckt und die andere Seite sie einfach nicht findet. Diese sozialen Defizite haben vermutlich dazu geführt, dass das Bernsteinzimmer, die Weltformel und der Stadtplan von Atlantis frühzeitig verloren gingen, nicht, weil sie nicht mehr gebraucht wurden, sondern weil sich derjenige, der noch genau wusste, wo sie immer gelegen hatten, aus dem Staub gemacht hat.

Sind die evolutionären Wurzeln der Gewohnheit auch unumstritten – immerhin können wir die nicht ganz so wichtigen Willensentscheidungen nebenher ausführen und müssen nicht ständig einen Akt der Verwaltung oder Verzweiflung ausführen – sie finden nur noch selten in lebensbedrohlicher Lage statt, wenn wir zielsicher den Feuerstein aus dem Gürtel ziehen müssen, um einen Pfeil zu schnitzen, bevor die Säbelzahnziege schlechte Laune kriegt. Sicherheit ist in der postmodernen Gesellschaft gründlich institutionalisiert, regelhafte Rationalität bringt uns dahin, Probleme mit Algorithmen zu lösen statt mit zielgerichtetem Nachdenken. Wir reagieren auf einen gewissen Reiz gar nicht mehr, lassen die Verhaltensunterdrückung arbeiten und werden automatisch, was wir bei entsprechender Routine als Fertigkeit verstehen. So wird der hinters Ohr geklemmte Stift alsbald zum Merkmal der pragmatischen Qualität, was kein Kunststück ist; das Ohr bleibt mit höherer Wahrscheinlichkeit an seinem Ort und wird nicht mit Schwimmflügeln in der Schublade verstaut.

Das Beibehalten einer noch so unsinnigen Handlung entlastet also die praktische Vernunft, steht aber gleichzeitig der Ausbildung ganzheitlich-kreativer Denkansätze im Weg, die die Verstarrung des Gewohnheitsmäßigen aufbrechen. Immerhin belohnt unser Gehirn uns für den Griff nach dem Griffel, nicht großflächig, aber mit einer gewissen Zuverlässigkeit, die bald Macht erlangt und alle Spuren des Gedächtnisses an Abweichungen vom Normalfall ausradiert. Bestimmt hat der erste unter Stress stehende Mensch am Rande des Paradieses den Zigarettenautomaten entdeckt, seinem Leben mit dem neuen Ritual eine neue Wendung gegeben und sein limbisches System austricksen wollen, während er von seinem limbischen System sauber ausgetrickst wurde. Am Ende, wir ahnen es, ist alles Biochemie. Irgendwer hatte es mal besser auf den Punkt gebracht. Irgendwer hat das verschlampt.