Learning English, Lesson One

29 09 2021

„Nee, no bananas is not da, this is over there. Here we have no Ananas. – Bisschen schwierig ist das ja, wir hatten nur Russisch, aber dass wir unsere alte Kaufhalle noch mal zur Völkerverständigung gegen den westlichen Imperialismus nutzen können, das ist schon urst. Da machen wir gerne mit, das ist ein tolles Projekt zur europäischen Integration.

Kommen Sie alle ran, hier stehen die Körbe, Sie brauchen auch einen, wenn Sie nichts kaufen, und die Wahrscheinlichkeit ist momentan recht hoch, da wir den Laden original britisch eingerichtet haben. Wie Sie sehen, sehen Sie nichts, und das auf unser ganzes Sortiment ausgeweitet. Wir sind zwar groß, aber ich möchte Sie doch bitten, immer nur zu zwei bis drei Personen einzutreten. Nicht wegen Corona, das verläuft sich hier, aber Sie haben dann schon mal die Gelegenheit, sich mit der Bildung eines marktwirtschaftlichen Wartekollektivs vertraut zu machen. Früher war das sozialistisch, und als Briten ist Ihnen die Kunst des Schlangestehens bestimmt auch nicht ganz fremd, oder? Eben, und Ihre erste Lektion lernen Sie schon vor der Tür. Learning English, Lesson One: if you want real Scheißdreck, captalism will do.

Einer der Unterschiede, den unsere Freunde von der Insel auch noch lernen müssen: dass sie nicht mehr unsere Freunde von der Insel sind. Wir sind die EU, sie sind draußen. Noch ein Unterschied: sie mögen Erfahrung haben mit Lebensmittelmarken und Rationierung, das hatten wir auch, aber bei uns gab es keine Wucherpreise für Grundnahrungsmittel und keine marktbedingten Hungerlöhne. Wenn das für die Briten zu kompliziert ist, weil sie jetzt erst kapieren, wie Marktwirtschaft funktioniert, dann haben wir gerne noch eine Lektion: when you want potatos, you can go to the Intershop.

Wir wollen unseren freiheitslebenden britischen Freunden auch zeigen, dass es keinen Zweck hat, stattdessen an die Tankstelle zu fahren. Die hat auch kein Gemüse mehr, ist ja auch klar – erst mal muss die Tankstelle wieder Benzin haben, dann hat die Tankstelle auch wieder Gemüse. So ist das nun mal, wenn in einem Entwicklungsland die Regierung beschließt, mit dem Kapitalismus herumzuspielen, bis Fehlallokationen auftreten. Keine ausländischen Arbeitskräfte bringen kein Benzin an die Tankstelle, keine Laster tanken kein Benzin und werden von keinen ausländischen Arbeitskräften zu den Läden gefahren, wo sie keine Waren mehr abladen. Gut, die ausländischen Arbeitskräfte fahren die schon gar nicht mehr ins Land, das verkauft die Regierung sicher schon als Erfolg, weil in den Lagern an der Grenze gerade keine Kartoffeln verfaulen. Aber im Grunde hat ihre Regierung alles richtig gemacht, wie aus dem Lehrbuch für angehende Diktatoren, die von einer Hungerrevolte weggeputscht werden und plötzlich einen Kopf kürzer sind.

And this is the Fischtheke, today we have no Kabeljau and no Hering. – Ist jetzt aber auch nicht so schlimm, dem Fisch geht’s jetzt besser. Er bleibt gleich im Wasser, auch wenn es britische Zone ist. Vielleicht sollten sich mehr Briten ein Schlauchboot und eine Angel besorgen, dann ist die Versorgung immerhin kurzfristig gesichert. Wenn sie dann alle auf hoher See absaufen, sind wir schuld, so steht es im Drehbuch. Oder die USA müssen aushelfen, sobald es ein Handelsabkommen gibt. Dann kann man auch gleich nordeuropäischen Holzschliff auf die Insel bringen, damit es wieder Toilettenpapier gibt. Dann muss die Regierung natürlich wieder vor Hamsterkäufen warnen, damit nicht gleich alles weg ist, oder man macht einen Zentralverkauf in einem einzigen Laden pro Region, wo Sie schon ein paar Tage vor Ankunft der Ware campieren müssen, um überhaupt etwas abzubekommen. Wie man das macht, das lernen Sie hier. Wenn man dann auch noch Termingeschäfte mit Toilettenpapier an der Londoner Börse machen kann, dann kann sich bald jeder so viel Benzin leisten, dass er im eigenen Auto zur Tankstelle fahren und sich Toilettenpapier kaufen kann. Falls es irgendwo Toilettenpapier gibt. Oder Benzin. Sie ahnen, wie es funktioniert?

Ein bisschen Lagerware haben wir ja noch, also Chips statt Fisch, Mikrowellenzeugs, also alles, was man auf die Schnelle mit Fett und Zucker in eine Plastikverpackung kriegt. Das ist qualitativ auch nicht viel besser als das, wovon sich die Briten in den letzten Jahrhunderten ernährt haben, und da war Großbritannien eine gewaltige Macht. Und da der NHS jetzt pro Woche wieder 350 Millionen Pfund mehr bekommt, kommt man mit den Folgen der Mangelernährung bestimmt auch viel besser zurecht. Glauben Sie mir, ein Volk, das Marsriegel frittiert, wird nie über zu hohe Qualität klagen. Und in der Hinsicht können wir auch von den Briten lernen, weil wir zwar noch Gemüse haben, aber zu erheblich höheren Preisen, die das untere Drittel der Verbraucher sich nicht mehr leisten kann. Bei uns liegt das aber auch am Klimawandel, der das Wetter versaut, und an den Mieten, dass kaum noch Geld für gesunde Ernährung mehr bleibt. Der Deutsche fährt mit dem Zwölfzylinder zum Discounter, weil er sonst kein Geld für den Zwölfzylinder hätte. Das deutsche Gemüse stammt auch immer noch zum großen Teil aus dem Ausland und wird dort von Niedriglöhnern geerntet, so viel anders sind unsere Voraussetzungen also nicht.

And here we want our money back. Thanks. Ja nun, was erwarten die Leute, dass wir Ihnen unsere Sachen schenken, nur weil sie irgendwann mal in der EU waren? Vielleicht darf jetzt jeder Lastwagen fahren, vielleicht kann man jetzt als ausländische Arbeitskraft wochenweise einreisen? Naja, eins ist wenigstens sicher. Veggie-Day kriegen die keinen.“