Gernulf Olzheimer kommentiert (DXCI): Verantwortungsdiffusion

19 11 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Im achten Jahrhundert war’s, die englische Landschaft besaß noch ihren anfänglichen Charme – man durfte schon damals nicht viel erwarten – und die Gastronomie war nur wenig schlechter als der Rest der Umgebung. Pippin der Mittlere hatte seinen beiden Außendienstmitarbeitern Suitbert und Willibrord die Adresse eines passablen Gasthofs in Camulodunum mit auf den Weg gegeben, wo diese nun auf in schwimmendem Fett gebratene Rüben warteten, wie es dort Sitte ist. Irgendein Scherge hatte die Bestellung aufgenommen, Bier mäßiger Qualität wurde vom Mundschenk gereicht, doch das Mahl ließ und ließ auf sich warten. Irgendwann wurde es einer der Missionsfachkräfte zu bunt, er sprach den Burschen an, der sich so prompt wie knapp aus der Affäre zog: dies, sagte der Aufwärter, sei nicht sein Tisch. Die beiden verpassten ihm unter Zuhilfenahme des Schlagrings eine fröhliche Auferstehung, wie in besseren Editionen der Gesta Romanorum noch heute zu lesen ist, als Beispiel für die frühe, schon seinerzeit unsinnige Anwendung der Verantwortungsdiffusion und wohin sie führt.

Auch ohne verwaltete Welt ist das Phänomen schnell erklärt: um eine vernünftige Handlung auf Grundlage unstrittiger Gesetze auszuführen, bedarf es einiger Personen, die dieses entschlossen und im Rahmen ihrer Befugnis tun, Ermessensspielräume eingerechnet, Sachzwänge ebenso, aber eben nicht im Vordergrund. Was aber die Zuständigkeit einer verbeamteten Kaste angeht, die sich jede Haftung mit der Übernahme des Postens verbittet, so haben wir uns längst in einen schallschluckenden Korridor begeben, in dem auch schriftliche Anweisungen das Halbdunkel der Befehlskette nicht mehr verlassen. Es liegt eine Notwendigkeit vor, die ad hoc aus der uns bekannten Welt geschafft werden muss, Flut oder Vulkanausbruch, und es bedarf offensichtlich eines Erdbebens, bis einer der Entscheidungsträger aufwacht, um seinen verschissenen Job zu machen.

Geradezu spieltheoretisch lässt sich auch die Aufgabenverteilung in der Organisation kleiner Gruppen erklären, in der vier bis sieben Grützköpfe gemächlich zuschauen, wie das Wasser bis kurz unter die Zimmerdecke steigt, bis sich einer findet, der den Stöpsel zieht – nicht der, der gut taucht, aber er hat nicht die größte Lust, mit den anderen abzusaufen. Die anderen paddeln derweil umher, stets einen klugen Kommentar auf den Lippen, dass sie es schneller und besser gekonnt hätten, eher sowieso, wenn man sie nur nicht durch kollektive Passivität an ihrer kollektiven Passivität gehindert hätte. Nicht umsonst ist das Wort Team längst in Verruf, nur Akronym zu sein für: Toll, ein anderer macht’s. Mit dieser gezielt kontrasozialen Haltung ließen sich ganze Staaten, ja Menschheiten in die Grütze reiten, wenn irgendwo zufällig eine Pandemie um die Ecke linst oder das Klima sich entschlossen hat, ohne diese degenerierten Primaten weiterzumachen.

Natürlich geht im großen Maßstab gewählter Kippfiguren der auf milchmädcheneske Strukturen zurechtgeschwiemelte Plan noch viel besser auf; bevor Passierschein A38 abgestempelt wird, muss der Widerstand der gesamten Materie überwunden werden, der sich gegen die eigenen Vorschriften sträubt. Sonst können auch die Mächtigsten gar nichts tun. Läuft es richtig gut, verstecken sie sich dafür hinter ihrer Verantwortung, die sie gar nicht erst übernehmen, und es geschieht genau nichts. Das muss dann politisch erklärt oder entschuldigt werden, notfalls haben die anderen es verhindert, aber hier sind wir auf Nebenkriegschauplätzen. Die gefühlte Schuld wird durch die große Zahl an Teilnehmenden dividiert immer geringer und damit unfühlbar. Da wir ohnehin nicht mehr in der Lage sind, eigenes Fehlverhalten einzugestehen, erst recht nicht in Machtpositionen, driften Verleugnen und Verdrängen in eine realitätsallergische Form von Selbstrechtfertigung, die mittlerweile als fester Bestandteil der Politikerpsyche vorausgesetzt wird.

Irgendwann nehmen wir diesen Unfall, den das gesellschaftliche Leben darstellt, nur noch wahr wie einen zufälligen Zusammenstoß, um den man sich auf der Straße schart, ein paar Leute gaffen, manche haben aus Prinzip die Hände in den Hosentaschen, und alle wissen: das wird böse enden. Jeder würde etwas tun, sobald ein anderer vor ihm anfängt. Es ist der einzige Moment, in dem die sonst abhanden gekommene Impulskontrolle einwandfrei klappt, weil sich die Zuschauer beim Zuschauen zuschauen und gar nicht genug bekommen von ihrer Ignoranz. Natürlich lehnen wir diese Einfaltspinselei ab, sind aber von der eigenen Unschuld überzeugt, da auch die anderen sich nicht bewegen. Das ganze System gleicht einem Verantwortungsmikado, das weder Fehler noch Schwächen, nicht einmal ein normales Verantwortungsbewusstsein duldet, schon gar nicht, wenn die Rollen der Verantwortungsträger längst mit intellektabstinenten Quotenwürstchen besetzt sind, die man ab Werk unzurechnungsfähig gekauft hat und von denen man eine Reflexion ihres Tuns nie erwartet hat. Die Welt wird komplexer, die wir uns selbst geschaffen haben, und es genügt, wenn jemand daran schuld ist. Er muss ja nichts damit zu tun haben. Hauptsache, alles bleibt, wie es ist.


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