High Five

2 12 2021

„Gleich geht es los!“ Herr Breschke rieb sich die Hände. Zwei Teller mit Gebäck und Nüssen balancierend erklomm er die Treppe zum ersten Stock, schob sich durch die Tür im kleinen Lesezimmer, im dem er ein Tischchen mit zwei Sesseln aufgebaut hatte. „Nehmen Sie doch Platz, es ist bestimmt gleich so weit!“

Nachdem ich es mir auf dem linken Sessel bequem gemacht hatte, setzte auch er sich. Alles war an seinem Platz, das Notebook war mit allem ausgerüstet, was man brauchte – mein Neffe Kester, der auf einen Sprung zwischen zwei physikalischen Expertentreffen bei mir vorbeigeschaut hatte, war so freundlich gewesen, die notwendige Technik ins Haus des pensionierten Finanzbeamten zu schaffen. „Ein großartiger Junge“, bestätigte der Hausherr, „er hat handwerkliches Talent, das sollte er zum Beruf machen.“ Er klickte ein bisschen auf dem Bildschirm herum, ich knabberte ein paar Nüsschen und sah ihm zu. In diesen Zeiten muss man den Advent eben modern feiern.

Und schon öffneten sich die Fenster. Mit einem sonoren „Guten Abend, die Herrschaften!“ ließ sich Staatsanwalt Husenkirchen vernehmen, offenbar im Kaminzimmer sitzend. Doktor Klengel, der alte Hausarzt der Familie, hatte leichte Schwierigkeiten, den dünnen Kopfhörer auf den Ohren zu halten, und sprach anfangs etwas abgehackt. „Was für ein Tag“, stöhnte es. Bruno Bückler, weithin als Fürst Bückler bekannt, Inhaber und Küchenchef des legendären Landgasthofs, saß auf dem Stuhl im hinteren Gastraum, während leise Glas und Teller klirrten. „Dann sind wir ja vollzählig“, stellte ich fest, doch Herr Breschke schüttelte den Kopf. „Ich würde doch die Runde niemals ohne Ihre…“ „Ich kann Sie hören“, zwitscherte es hell, bevor sich das Fenster öffnete. Anne war also auch da.

„Ich muss doch den Flaschenöffner irgendwo haben“, sinnierte der Hausherr. Das Werkzeug lag sicher im Korb, der wie eine gut sortierte Hausbar aussah, und ich wunderte mich schon, suchte aber lieber. „Mein lieber Herr Breschke“, hub da Herr Husenkirchen an, „angesichts dieser schrecklichen Nachrichten bin ich doch erleichtert, Sie so gesund zu sehen.“ Dazu hob er sein Glas, prostete in die Kamera und nahm einen großen Schluck. „Da neben dem Regal“, flüsterte Breschke mir zu. Offenbar hatte er mit allem gerechnet und sich eine Auswahl an Gläsern bereitgestellt, so dass er nun seinem alten Bekannten zutrinken konnte. „Hätte etwas kälter sein können“, flüsterte er. Dem Etikett nach musste Breschkes Tochter die Flasche besorgt haben, jedenfalls handelte es sich um einen original Bordeaux Frères aus Frankenreich, und das sind ja bekanntlich die besten.

Während Doktor Klengel von der Leidenschaft des Fotografierens erzählte, schlürfte er genüsslich einen Grog von Rum nach altem Hausrezept, das sicher von einem Wasserscheuen erfunden wurde. Heißes Wasser war auf die Schnelle nicht zu haben, also goss Breschke ein bisschen Sprudel ins Glas, das er großzügig mit der Spirituose auffüllte. „Zum Wohle“, rief er, „Zucker muss ja nicht!“ Bruno seinerseits tat sich am Wodka gütlich, was leichte Verlegenheit hervorrief. Ich runzelte die Stirn. „Das scheint mir hier ein regelrechtes Besäufnis zu werden“, tadelte ich den Alten. „Sie können doch nicht alles durcheinander zu sich nehmen.“ Er aber winkte entschiednen ab. „Erstens ist nur einmal im Jahr Weihnachten, und zweitens gehört es sich doch nicht, dass man hier einer Herrenrunde…“ „Ich kann Sie hören“, ließ sich Anne vernehmen. Mehr als eine Bierflasche hatte sie nicht auf dem Tisch, aber das war sicher der Tatsache geschuldet, dass sie spät abends noch in der Kanzlei saß.

Irgendwie musste es Breschke versehentlich gelungen sein, alle Fenster zugleich vom Monitor verschwinden zu lassen, jedenfalls teilte er mir die Regeln dieser Festlichkeit mit zaudernder Zunge mit. „Ich kann doch nicht alle einladen und dann etwas anderes trinken“, bekräftigte er. „Stellen Sie sich mal vor, ich würde jetzt mit Tee…“ „Ist ja auch erst der dritte“, krähte es fröhlich. Doktor Klengel poppte auf, Bruno Bückler schüttete sich aus vor Lachen. Vor Schreck setze Horst Breschke den Wein an. „Das musste ja so kommen!“ Staatsanwalt Husenkirchen guckte schon glasig aus dem Fenster. „Dass wir hier alle noch einmal so gemund und sunter hier alle zusammen…“ Es musste ein guter Tropfen gewesen sein.

Das Gebäck erwies sich als gute Ablenkung, schnell wechselte Bruno das Thema aufs Backen, von Anne tatkräftig unterstützt. „Merken Sie sich’s schon mal fürs nächste Jahr“, flüsterte ich, „dann bietet sich eine virtuelle Kaffeetafel an.“ Bruno schimpfte ein wenig auf Hansi, den Bruder und Chef des Service, bevor er sich kräftig nachgoss. Doktor Klengel war drauf und dran, zweideutige Anekdoten aus der Geschichte seiner Praxis zu erzählen. Nur Herr Breschke guckte ängstlich auf den Bildschirm. „Sie wollen doch Ihre Gäste jetzt nicht alleine lassen“, fragte ich, „was macht das für einen Eindruck?“ Er griff zu den Plätzchen. „Sie hätten auch eher etwas nehmen sollen wie…“ Ich schaltete vorsichtshalber alle Gäste stumm, das heißt: ich versuchte es. „Ich kann Dich hören.“ Anne hielt ihre Flasche in die Linse. „Ja, es ist alkoholfrei, und nein, es ist nicht freiwillig.“

Staatsanwalt Husenkirchen äußerte noch einmal seine Freude, wie jung alle zusammengekommen seien, Doktor Klengel bekam Schluckauf. Ich schloss die Konferenz und Herr Breschke atmete sichtlich auf. „Das Gute an der Technik“, kicherte er, „das Gute ist doch, dass man danach nicht mehr nach Hause muss.“


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