Gernulf Olzheimer kommentiert (DXCIII): Durchwurstler

3 12 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es zog. Rrt wusste, dass seine rheumatischen Beschwerden von der stetig in die Eigentumshöhle hereinströmenden Kaltluft nicht besser würden, kam damit aber zurecht. Auch tröpfelndes Wasser an den Wänden bereitete ihm Probleme, die er allerdings geübt ignorierte, sehr zum Leidwesen der restlichen Sippe, die sich wohl wieder auf einen ungemütlichen Winter mit allerlei Krankheiten und Stress mit dem Alten würde freuen können – der Chef vermied die direkte Konfrontation, vertröstete die anderen auf später, bagatellisierte die Wirkung auf den Zusammenhang der Gemeinschaft und tat auch sonst alles, um nichts tun zu müssen. Wie ihn gab es Anführer, Untergebene, Duckmäuser oder einfach nur schläfrig veranlagte Zufallsgeburten, denen die Hominiden ihr Schicksal zu verdanken hatten. Und es gibt sie bis heute, die Durchwurstler.

Wo immer Verantwortung übernommen werden muss, in Politik, Hauswirtschaft und Bildung, trennt sich oft Spreu vom Weizen: manche lavieren sich durch die Anforderungen des ganzen Daseins wie in einem Hindernisparcours, in dem Hürden hämisch aufpoppen – natürlich gibt es zaghafte Charaktere, verschüchterte und bange Menschen, die aber hier nicht zählen, da sie sich nicht bis in die vorderen Reihen vorgedrängelt haben. Wer stets die Klappe aufreißt, dann aber den Rücken krümmt, ist nicht unschuldig. Nicht die nackte Angst treibt in diesen Charakterzug, sondern Verbiegung.

Anders als die bisweilen geniale Improvisation ist das zerstreute Herumschwenken im Gegenwind nur Gestocher im Nebel ohne jegliche Kenntnis der Umstände, während sich andere auf die Weisung verlassen. Das nimmt die Mauer erst zur Kenntnis, nachdem man gegen sie gelaufen ist. Hier trifft gravierende Entscheidungsschwäche meist auf praktizierte Planlosigkeit, die eklatanter Wirkung auf die Umwelt zum Trotz die Zügel schleifen lässt. Ohne Sinn und Verstand, woher auch, lässt sich der Willensschwache mit jedem Quertrieb durch die Dinge schieben und tut dabei doch so, als hätte er alles im Griff. Es dürfte kein Zufall sein, dass nicht Bildung und Hauswirtschaft diese verschwiemelte Sorte von Hohlpflöcken hervorbringt, sondern die auf Führung getrimmten Grützbirnen, die man in Management, Verwaltung und Politik entsorgt, weil es für einen anständigen Straßenkehrer nicht reicht.

Anders als im Militär brauchen Leichtfiguren des öffentlichen Sektors keine Rechtfertigung, um sich auf dem etatmäßigen Sessel der Verfehlung aus kognitiver Unterbelichtung hinzugeben – es gibt keinen Strafrahmen für die Knalldeppen, die hier größere Schäden als durch Nichtstun anrichten. Systemtheoretisch abgesichert stellen die großen Konzerne staatsäquivalente Konglomerate dar, deren Prinzipale man nicht einfach an die Wand stellt, wenn sie den ganzen Laden mit Anlauf und Ansagen in die Grütze reiten; sie werden mit Blumen und Konfekt vor die Tür geleitet, wo sie die nächste Aufgabe erwartet, die da heißt, die nächste Klitsche aus der Wirtschaft zu eliminieren. Dies funktioniert erstaunlich gut bei Gauklern, die sich Bahn und Flughafen und Kaufhäuser unter die Nägel reißen, kostet Arbeitsplätze und Vertrauen in die Volkswirtschaft, sorgt aber nachhaltig für Hohn bei Anlegern mit systemtheoretischen Kenntnissen, also so gut wie nirgends.

Die konzeptfrei kleinschrittige Ausweichtaktik wird hier und da tatsächlich als unkonventionelle Taktik gepriesen, jedoch nur unter Blindschleichen mit chronischem Gedächtnisverlust. Brauchbar ist letztlich nur die Methode, die sich auf einen beschreibbaren Ausgang zurückführen lässt. Wie zu Sankt Schlendrian haben die Deutschen eine gut nachweisbare Affinität zum Gewurstel, das sie immer an der Wand lang aus der Schusslinie führt – ohne Helm, ohne Gurt hoffen, dass es nicht so schlimm kommen wird, das ist die rheinische Frohnatur, der Überleben wichtiger ist als Erfolg, und sie wird jede Verrichtung als großen Fortschritt feiern, wenn sie danach nicht aus dem Genpool verschwunden ist. Vielfach scheint es eine Frage der Generation, da die merkbar faltigen Schnösel so viel Flausen ausgelebt haben, dass sie ihnen nicht mehr einfallen, und schon sprechen sich die Boomer kollektiv frei von der Schuldigkeit, ihren Mist selbst wegzuräumen. Rebellieren anfallsweise die Jüngeren, weil das Geschwätz der Versager aus Sitte zum Masterplan hochgejubelt wird, so merkt der unbefangene Zuschauer die blanke Angst in den Augen der scheiternden Schreihälse, die nur recht haben können, weil sonst ihre Koordinaten versuppen.

Die Komplexität der Welt mag zunehmen, die Wichtigheimer bekommen wenig davon mit und paddeln zweckreduziert zwischen Substanz und Phrase, ab und an taugliches Gehampel markierend, damit man nicht zwischen ihnen und ihrer Funktion unterscheidet. Gut, dass alle es allen vorwerfen, und alle haben damit den Nagel auf den Kopf getroffen. Wir werden beschissen regiert, miserabel verwaltet und schäbig gemanagt. Irgendwie werden wir uns durchschlagen.


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