Gernulf Olzheimer kommentiert (DXCV): Das Grundrecht auf Egoismus

17 12 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Einen großen Vorteil hatte der Feudalismus in Bezug auf den Leistungsgedanken: Besitz, der im Normalfall durch Erbe erworben wurde, galt als Leistung. Natürlich waren hier und da ein paar Pflichten mit der gesellschaftlichen Stellung verbunden, aber solange ein Lehensmann im Krieg nicht die eigene Rübe hinhalten musste, sich von den Leibeigenen durchfüttern ließ und Recht über sie sprechen durfte, war das Leben einigermaßen erträglich. Besonders letzterer Umstand hatte schon vieles für sich, denn die Verbindung aus Macht und Eigentum weckte auch später im Bürgertum den innigen Wunsch, dem Trieb zu folgen und sich um geltendes Recht einen feuchten Fisch zu kümmern. Der Absolutismus perfektionierte den Gedanken, in nachrevolutionärer Zeit gab der Kapitalismus ein paar entscheidende Impulse, und jüngst haben sich durch die Wiedererweckung des Feudalstaates die Schnöselklasse und ihr Anspruchsdenken zu einer heiligen Allianz aus Arsch und Eimer gefunden, die von den Knalltüten der Unterschicht stolz und ohne Aufforderung nachgetanzt wird. Zu den üblichen Irrtümern über das Wesen einer Gesellschaft kommt nun das Grundrecht auf Egoismus.

Wer wenig im Kopf spazieren führt, hält sich gern an den Krücken der Folklore fest. Die Neigung zum sinnfreien Geplärr verwechselt die Kasperade mit Meinungsfreiheit, die Einrede anderer Personen mit nachweisbarem Bildungsabschluss für Zensur, jede andere Tätigkeit für grundrechtsbewehrt. So wähnt der Laberlurch sich in einer Diktatur, wenn jenes Terrorregime, das regelmäßig ein Parlament wählen lässt und eigene Organe zur Wahrung des Rechtsfriedens unterhält, ihm das Abbrennen von Feuerwerk und Asylbewerberheimen untersagt. Er fordert von diesem Staat die Zensur der angeblich staatlichen Medien, weil er der Ansicht ist, dass sie vom Staat zensiert würden, wobei möglicherweise nur das Ergebnis ihm nicht passt, was er dann für einen Verstoß gegen die Meinungsfreiheit hält. Es gibt Bürger, die für weniger in der geschlossenen Psychiatrie sitzen, aber da besteht Hoffnung.

Was der gemeine Depp sich nun aus seiner wirr zusammengeschwiemelten Wirklichkeit quetscht, ist das Gegenteil von Solidarität und ein sicheres Mittel, den eigenen Ast abzusägen, was in etwa seiner intellektuellen Grundausstattung entspricht. In seiner Kurzsichtigkeit beharrt er auf Recht, die Tauben auf seinem Dach festzunageln: Schnitzel für alle, mit 240 durch die Autobahnbaustelle, für fünf Euro nach Malle und ja keine Impfung, weil da noch mehr Mist drin sein könnte als im Schnitzel. Für ihn existiert keine Räson, eine staatliche schon gleich gar nicht. Die Staatsgewalt ist ihm suspekt, und es fehlte nicht viel, er träte aus dem Laden aus, weil die Regeln ihn zu kompliziert sind. Masken im Supermarkt? Menschenrechte! Opferrolle!

Man muss zur Verteidigung der Mehlmützen zugeben, dass die gierigen Protagonisten aus Politik und Wirtschaft das weitgehend moralfreie Raffen und Treten in jahrzehntelanger Offenheit vorgelebt und perfektioniert haben, bis es als Inbegriff des bürgerlichen Erfolgs galt und schamlos als dessen Zweck und Ziel gepriesen wurde. Was sich nun als Elite feierte, war im Gegensatz zum Mittelprekariat oft schon durch ererbten Status in einer besseren Ausgangsposition als der nachäffende Nappel, doch die Eigensucht wurde beworben als Chance zum Aufstieg, den man ihnen einst versprochen hatte. Dass die Hohlschwätzer emsig das Märchen von der Notwendigkeit des Nachtwächterstaates und der Steuersenkung nachplappern, das ihnen als Elixier der Gutsituierten eingeflößt wird, zeigt auch, wie bereitwillig die Knechte gegen eigene Interessen verstoßen können, weil sie hoffen, irgendwann so reich zu sein, dass sie die Steuern müssten, die die Oberschicht heute schon hinterzieht.

Das Grundverständnis, eine Verfassung sei nur installiert worden, um der Egoisten Dämlichkeit zu legitimieren, ist von außen durch immunisierende Kacklappigkeit nicht mehr zu durchdringen, jeder Versuch einer Gegenrede wird sofort als Straftat gewertet. Ihr geistiger Horizont ist punktförmig im Vakuum, deshalb verlangen sie auch, dass sich der Rest der Welt darum dreht, und also verwechseln sie ihr Schwindelgefühl mit Zustimmung oder, in der Liga rückrufpflichtiger Begriffe uneinholbar an die Spitze gespült, Freiheit. Hier aber schwappt die Dummheit ins Pathologische, wo sich der Blödföhn nur dann wirklich als Mensch fühlt, wo er auf die Existenz aller anderen pfeifen kann. Im Karneval der Zellkulturen hat es der gemeinschädliche Gnom weit gebracht, wenngleich er nicht versteht, dass er ohne fremde Hilfe ein Nichts wäre, eine miserabel aufgestellte Art auf dem abgeschrägten Weg in die Ausrottung, die den Rest der Umwelt allenfalls mit Humor und dennoch peripher tangiert, weil sie zu nichts nützt, höchstens als Biomasse. Mehr ist bei den Egomanen nicht zu holen, und wenn sie das Maul aufreißen, merkt man selten am Geruch, wo vorne und oben ist. Nun ist auch der Tod eine Art Autonomie, die man sich schöndenken kann, und es steht jedem frei, sich selbstverantwortlich aus dem Zirkus hier zu verabschieden, solange man keinen mitnimmt. Wo die bleiben, wer will da schon sein.


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