Gernulf Olzheimer kommentiert (DXCVII): Wertschätzungszwang

14 01 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ein Gespenst tapert herum durch die öffentliche Welt. Es stolpert ständig jedem um den Hals und herzt dahergelaufene Deppen, schlägt Knalltüten vor Freude auf die Schulter und bejubelt jeden Feuchtbeutel, der mit seiner Atmung intellektuell voll ausgelastet erscheint. Dieser Geist ist voller Respekt, ach was: geradezu liebestrunken geht er in die Knie bei allen hirnverdübelten Schnackbratzen, denen eine Runde Vollkontakt mit der Faust große Dienste erweisen würde. Es ist die dämlichste Idee der Menschheit, ausnahmslos alle Hominiden für ihre sozial kaum verträglichen Sondermeinungen zu achten, ihnen für jede hirnrissige Absonderung in aufrichtiger Ehrerbietung zu nahmen und sie auch sonst zu behandeln, als hätten diese Mehlmützen noch ansatzweise alle Rillen auf der Erbse. Dieser dämliche Wertschätzungszwang, der uns vor allem im professionellen Umgang miteinander täglich bis knapp hinter die Grenze des Erbrechens treibt, er ist schlicht und ergreifend überflüssig. Und schädlich.

Selbstredend akzeptieren wir die Neigungen des Anderen zu flamboyantem Schuhwerk, Weingenuss bei Körpertemperatur und religiösem Aberglauben, solange er uns nicht nötigt, desgleichen zu tun. Wo aber nicht der Hang zur Individualität entscheidend ist, sondern die Dummheit ihr debiles Grinsen aus dem Gesichtsübungsfeld quetscht, da wird jegliche Duldsamkeit hinfällig. Torheit lähmt die Interaktion und lässt jeden halbwegs zur Vernunft fähigen Luftverbraucher in brüllendem Schmerz zurück, dass diese versaubeutelten Fehlversuche sich mit uns auf einer Erdkrümmung aufhalten dürfen. Wir aber haben laut Anstandsvereinbarung zu allem gute Miene zu machen? Nix da.

Um des lieben Friedens willen hocken wir auf der Geburtstagsfeier treu gegenüber dem ständig angetrunkenen Urgroßonkel mit dem angespannten Verhältnis zu Wasser und Seife, hören uns seine wirren Geschichten zu Kolonialismus, Krieg und Rassentheorie an und lassen ihm alles durchgehen, auch wenn er ankündigt, mit der abgesägten Flinte auf die Nachbarskinder zu zielen, weil polnische Nachnamen ein untrügliches Zeichen für genetisch veranlagten Kommunismus seien. Wir schieben ihm Schnaps über den Tisch, ignorieren sein Geopfer und ärgern uns die Magenschleimhaut wund, weil er auch bei der nächsten Beerdigung wieder verbale Faulgase absondern und die Gesellschaft in den blanken Ekel treiben wird. Wir aber sind selbst an der Misere schuld, weil sich das dümmliche Gefasel leicht von der Klippe kippen ließe, nicht ganz ohne Gewalt, aber nachhaltig und in angenehmer Stille verebbend. Man muss es nur wollen.

Gleichfalls wird jedes Team, ob es nun kegelt oder Panzerwagen aus Kartoffelbrei schwiemelt, zu Harmonie und Eintracht verurteilt, damit keine Zeit verlustig geht durch überflüssige Konfliktlösungen oder einen klärenden Axthieb. Wir alle haben uns furchtbar lieb und gehen damit den anderen auf den Zwirn, koste es, was es wolle. Selbstverständlich ist es gut, vertrauensvoll miteinander umzugehen und nicht nur den Materialwert einer Personalressource zu betrachten, aber die ständige Rücksichtnahme auf sozial nicht anpassungsfähige Bumsrüben ist in jeder Konstellation ein schwerer Ausnahmefehler, der alsbald zum Knirschen des Systems führt.

Die Ähnlichkeit mit dem Toleranzparadoxon ist kein Zufall. Auch hier sind die sozial kompetenten Klugen solange dumm zu den sozial inkompetenten Dummen, bis die Dummen den Rest des Systems in die kollektive Beklopptheit geführt haben, weil man ihre indolente Brägenversuppung immer und immer wieder für lässliche Verfehlung, nicht aber für eine virulente Gefahr hielt, an der sich die Population mit Hohlbratzigkeit infiziert, die ohne Prügel nicht mehr weggeht, mit Prügel höchstens zur Hälfte. Wir gehen mit dem intellektuellen Schmodder um, als handele es sich um geistige Einzelgänger, die man mit dem einen oder anderen freundlichen Hinweis leicht wieder auf den Pfad der Tugend brächte, würden die manischen Stumpfstullen einem bloß einmal richtig zuhören. Die Nichtdenker, die ihre eigene Ignoranz für mindestens so viel wert halten wie das Wissen der anderen, sie fordern für sich den gleichen Respekt ein, den sie dabei anderen nicht zugestehen, weshalb sie den sozialen Kontrakt dann schlicht aufkündigen, um ebendies den Gegnern vorzuwerfen, wie man es aus Opferrollenmentalität nun einmal zu tun pflegt.

Hören wir endlich damit auf, den Nervensägen ständig mit Dankbarkeit zu begegnen, weil sie uns einfach noch nicht zusammengeschlagen haben. Sie verwechseln Freiheit grundsätzlich mit der Freiheit gegen andere, nicht zuletzt deshalb, weil alles am Ende mit Konsenssauce zugekleistert wird, wenn nur alle damit einverstanden sind, dass sich alle – die anderen nämlich – zusammenreißen, damit der Kahn nicht kippt. Sonst sind wir bald bei der Zucht von Helden ohne Geschäftsbereich, wie sie von ganzheitlich verstrahlten Eltern durch permanenten Jubel bei der geringsten Äußerung des Enddarms zu Soziopathen erzeugt werden. Wo das endet, wird bei mancherlei liberalen Lacksäufern klar, die uns Rücksichtslosigkeit als einklagbares Privileg verkaufen wollen. Respekt, wer das weghaut.


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