Gernulf Olzheimer kommentiert (DC): Lösungsaversion

4 02 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Hornhyäne hatte so gut wie gewonnen. Rrt wusste genau, dass es sein Fehler war, mangelhaft abgenagte Knochen direkt vor den Eingang der Einsippenhöhle zu werfen, da dies den Aasfresser anlockte. Uneinsichtig, wie er nun einmal war, bog er sich die Fakten zurecht und erfand allerlei wirre Geschichten, in denen der laute Gesang der Kinder für das Erscheinen des Landräubers verantwortlich war, das Feuer am Höhleneingang und der Regen, den die Fauna floh. Regelmäßig kam nun das eine oder andere Tier, um Fleischreste wegzuknabbern, und Rrt musste griesgrämig zusehen, wie sich die Jugend an der wehrhaften Kreatur die eine oder andere schwere Verletzung zuzog. Der Plan, eine weit entfernte Müllgrube auszuheben, wie es der Entsorgungsbeauftragte, der Dreiviertelbruder der Drittfrau, vorgeschlagen hatte, sagte ihm nicht zu, auch die Nachtwache vor dem Höhleneingang stieß auf Desinteresse. Nur der Einfall, die Hyäne mit allerlei Lärminstrumenten nachhaltig zu vergraulen, machte ihm so viel Freude, dass er es direkt selbst in die Hand nahm. Die Sache ging gründlich schief, allein dies minderte nicht seinen Einsatz. Rrt hatte nichts gegen das Problem, wenn er nur die Lösung nicht als unangenehm empfinden musste: die klassische Lösungsaversion.

Das Phänomen ist nicht eben selten, und es tritt in vielerlei Gestalt auf. Nachhaltig sichtbar wird es vor allem da, wo bereits das Anerkennen eines Problems ein Problem darstellt: fast alle sehen das Rauchen als gesundheitsschädlich an, fast alle haben sich mit dem Ausstoß klimaschädlicher Gase so weit beschäftigt, dass sie die anthropogene Erderwärmung als Fakt akzeptieren – nicht alle. Aber auch in der Mehrheit sind hartnäckige Fälle, die jede Mitarbeit verweigern, nicht von der Fluppe lassen können und stattdessen auf Medikamente setzen, die das Krebsrisiko scheinbar verringern. Nicht wenige stricken sich aus Bordmitteln wirre Eigentheorien zurecht, nach denen der Entzug die Gefahr schwerster Erkrankungen fördert, durch den dauerhaften Einbau von Nikotin in den Hirnstoffwechsel zu frühem Siechtum führt und auch sonst den Organismus in den sicheren Tod geleitet. Es klingt sinnvoll wie eine Feuerwehr, die gar nicht erst den Brand löscht, weil sie keine Lust hat, einen Wasserschaden zu riskieren.

Die Gemengelage sieht bei gemeingefährlichen Dingen wie der Erderwärmung noch einmal eine Ecke ekliger aus, da die Bewältigung der Sache um einiges mehr Mühe braucht. Sprechen die Experten von meterhohem Meeresspiegelanstieg, gibt es mit Sicherheit sofort Einflüsterer, die eine gigantische Mauer im Ozean als Patentlösung anpreisen – nicht machbar, aber auf dem Weg dahin kann man sich halt jede Menge Kohle in die Taschen stopfen mit hastig zusammengeschwiemelten Konzepten, die in Wichtige-Männer-Clubs wohlwollend abgenickt werden, während der Verzicht auf Straßenpanzer für den Wochenendeinkauf oder das Ende der sinnlosen Kreuzfahrten auf schwimmenden Stadtteilen als Angriff auf die Menschenwürde beschossen wird. Die Renaturierung alter Moore zum Speichern von CO2 gilt als linksextremer Wahn, die Verpressung von Gas im Sandboden, hundert Mal so teuer, nicht halb so effektiv und nach ein paar Jahren im Eimer, als großer technischer Fortschritt.

Was sich hinter der Abneigung verbirgt, ist nicht selten reine Ideologie, die Windräder als Ausgeburt der Hölle wertet, Veganismus als antichristlichen Versuch, die hart arbeitenden Menschen draußen im Land um ihr verfassungsmäßig garantiertes Schnitzel zu betrügen, kurz: ein fadenscheiniges Privileg, das verlustig zu gehen droht, wenn man sich erst einmal mit Teufelszeug wie Vernunft und Argumenten infiziert. Ähnlich funktioniert die Weichbirne der gemeinen Stumpfstulle, die aus anekdotischer Evidenz milliardenfach Menschen kennt, die bereits beim Anblick einer Spritze tot mit herzinfarktbedingter Embolie umgefallen sind, und deshalb vorsichtshalber gleich die ganze Pandemie leugnet. Das rundum verdübelte Hirn muss sich ja nicht mehr mit Lösungen herumschlagen, wenn es die Schwierigkeit nicht gibt. Die Feuerwehr steht nun gleich gelangweilt vor dem Inferno und sieht kein Feuer, da sie sich an den schweren Schläuchen am Ende einen Bruch heben könnte.

So fahren wir weiterhin auf Sicht, weil die Augen immer schlechter werden und die Rückgabe des Lizenzlappens den Verlust wichtiger Freiheiten bedeuten würde. Gerade um die geht es nämlich sogenannten Bürgerlichen, die selbstredend auch hier ein Opfernarrativ vorgreinen müssen, um auf die beiden essentiellen Bestandteile ihres Lebens zu verweisen: Privilegien und Ideologie, beides in eine undefinierbare Masse verquast, unantastbar in Aussehen, Tradition und Geruch. Immerhin haben sie die Freude, dass wir sie nolens volens dabei unterstützen, denn was sonst sollen sie denken, wenn wir gegen unseren Willen die Entwicklung der Gesellschaft drangeben als Geiseln asozialer Dummheit. Natürlich gäbe es eine Lösung für dies Problem. Ob sich das mit den Menschenrechten vertrüge, liegt immer im Auge des Betrachters.


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