Reality

10 02 2022

Das Licht verlosch, nur über der Sprecherin, die noch einmal mit bedrohlicher Energie ihre Blätter auf die Tischplatte stieß, schienen die Lampen mit nicht nachlassender Stärke. Im weiten Bogen fuhr die Kamera einmal an der Studiodecke entlang und blieb dann unmittelbar vor ihr stehen. „Meine sehr verehrten Damen und Herren“, begann sie mit glasharter Stimme, „ich begrüße Sie zu den Nachrichten. Auch gestern Abend haben wieder Tausende von dämlichen Arschlöcher gegen soziales Verhalten in der Pandemie demonstriert.“

Ich zuckte innerlich zusammen; Siebels musste es bemerkt haben, jedenfalls verzog sich seine Miene zu einem sardonischen Grinsen. Während die Nachrichtensprecherin mit schroffem Akzent die Niedertracht einiger Knalldeppen beschrieb, die im Einspielfilm enthemmt kreischend durch eine regnerische Innenstadt stolperten, blickte ich zu der Regisseurin, die über den Rand ihrer Brille hinweg das Bild fixierte. „Großartig“, murmelte Siebels. „Das ist zwar erst ein Pilot, aber wenn wir das alles redaktionell in diesem Stil hinkriegen, haben wir es geschafft.“ Der TV-Produzent nippte an seinem lauwarmen Automatenkaffee. Immerhin einer, der zufrieden war.

„Der neue CDU-Vorsitzende hat zwar keine Ahnung, davon aber jede Menge.“ Fast hätte sich der legendäre Fernsehmacher verschluckt. „Auf einer ansonsten sinnfreien Veranstaltung betonte Merz, dass die Energiewende nur mit Kernkraft zu bewältigen sei – was allerdings die Betreiber von Kernkraftwerken anders sehen.“ Auf einmal wuchs meine Verunsicherung. Was, wenn er mich nur in diesen Sender geschleppt hatte, damit ich ihm die Nachrichtentexte für diese Sendung schreibe? „Ich würde das nicht ausschließen“, lächelte er, nahm einen weiteren Schluck Kaffee und fuhr fort. „Das ist ja eine echte Marktlücke, jedenfalls habe ich das bisher noch nicht in den öffentlich-rechtlichen Programmen entdeckt.“ „Nun ja“, gab ich zurück, halb geschmeichelt, halb irritiert. „Nachrichten im Satireformat, das klingt jetzt nicht so neu.“ Aber er schüttelte den Kopf. „Das ist ein Missverständnis“, erläuterte er. „Es handelt sich nicht um Satire, wir wollen eher ein Reality-Format.“

Der Probelauf war beendet, die Regisseurin sah zufrieden aus. Ich schlenderte hinter den großen Tisch und nahm die Meldungen in Augenschein: keine ungewöhnlichen Themen, nichts, was man nicht in einer Nachrichtensendung erwartet hätte. „Wo ist jetzt Reality?“ Siebels balancierte seinen leeren Pappbecher spielerisch zwischen Daumen und Zeigefinger, bevor er ihn mit gekonntem Schwung in den Papierkorb an der Rückwand schnippte. „Die ganzen Nachrichten sind endlich in der Realität angekommen, und sie zeigen sie auch.“ Langsam begriff ich. „Ist denn dann das andere zwangsläufig Lügenpresse, oder wie auch immer es genannt wird?“ Siebels schüttelte den Kopf. „Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun, man kann schließlich auch etwas falsch wiedergeben, wenn man die falsche Wirklichkeit wahrnimmt – zum Beispiel eine subjektive.“

Die Regisseurin probte jetzt die Kamerafahrt, deren Bilder sie auf einem Monitor begutachtete. Nach einem halben Dutzend Durchgängen war sie vom Ergebnis immer noch nicht recht zufrieden, es wirkte zielgerichtet, aber viel zu hektisch. Kein sehr guter Einstieg in die Sendung. Sie versuchten es nochmals, die Sprecherin eröffnete die Nachrichten mit einer anderen Meldung. „Chaos im Kleinstaat – offensichtlich ist Ministerpräsident Söder mit dem Grundgesetz intellektuell überfordert.“ „Echte Nachrichten“, lobte Siebels. „Diesen restlichen Einheitsbrei hat man ja schon vergessen, wenn die Sendung vorbei ist.“ Tatsächlich wirkte die gesamte Produktion erstaunlich seriös, was wohl der typisch deutschen Abwesenheit von Humor geschuldet war. Aber das hätte sicher das Konzept in eine falsche Richtung gedrängt, weil Nachrichten an sich schon zu oft wie Satire wirken und Satire dafür die Rolle der Nachrichten übernehmen muss. „Ich sehe das als großen Fortschritt“, erklärte der Produzent. „Das eine ist, dass man das Publikum da abholen muss, wo es ist, das andere ist Aufgabe des Journalismus per se: die Dinge nicht nur nennen, sondern auch einordnen.“ Ich begriff; eines aber erschloss sich mir immer noch nicht. „Wie sollen es denn echte Nachrichten sein, wenn auch hier eine subjektive Meinung vertreten wird?“ Ich hatte noch nicht ganz fertig gesprochen, da fiel mir die Antwort auch schon ein. „Indem man bei den Fakten bleibt und die Inhalte nicht durch seine subjektive Meinung uminterpretiert.“ Siebels nickte. „In der Tat.“ Mit etwas Glück hatte ich mir jetzt einen mittelfristigen Job als Nachrichtenredakteur eingehandelt. Meine Zweifel daran schwanden, denn hier würde es noch viel lohnenswerte Pionierarbeit geben: aus einer gut recherchierten Faktenbasis klar verständliche Texte in einer einprägsamen Sprache verfassen, die die Wirklichkeit nicht nur versehentlich streift, weil man dem Publikum die Wahrheit nicht zumuten kann oder will. Die Regisseurin nickte, der zweite Durchlauf war zu Ende. „Schade“, murmelte Siebels. „Wirklich schade, man hätte daraus ein sehr innovatives Format machen können.“ Ich war erstaunt. „Warum geben Sie jetzt schon auf?“ Er steckte die Hände tief in die Hosentaschen. „Eine Sendung, die der Wirklichkeit verpflichtet ist und sich an die Wahrheit hält – und das im Fernsehen?“