Gernulf Olzheimer kommentiert (DCI): Spiritualitätsmarketing

11 02 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Eigentlich war die Sache für Uga recht einfach, da die transzendenten Bedürfnisse der Sippe sich auf zwei Bereiche konzentrierten: die einen hofften auf Jagdglück, die anderen nahmen nicht mehr an der Nahrungsaufnahme teil und mussten zeitnah im Wald entsorgt werden. Dass für jede Seite des Stoffkreislaufs eine einzelne Kraft zuständig war, die alsbald einen eigenen Namen erhielt, eigene Riten zur Anbetung, eigene Aufgaben und eigenes Brauchtum, verwirrte nicht nur die Mitglieder der Gemeinschaft. Auch die für Schamanismus und Totenkult zuständigen Fachkräfte sahen sich schnell in fundamentaltheologische Diskurse verwickelt, zumal mit dem beginnenden Ackerbau auch die Geister der Fruchtbarkeit in der mythologischen Rangfolge aufstiegen und sich mit den in anderen Sippen verehrten Ahnen- und Feuerkulten zu einer durchaus logischen Vorstellung verbanden, die über den Augenblick hinaus Identität stiftete. Gerne nahmen Besucher der Trolodyten an der westlichen Felswand dickliche Statuetten mit, die hinfort als Mondgöttin, Große Mutter oder schlicht Schöpferin der Welt in der Zentralsteppe fungierten. Die Frage begann die Menschen zu interessieren, wo sie denn herkämen, und es gab mehr als genug Antworten.

Das heutige Sakralgulasch aus Jesus-Yoga und Mahayana-Kabbala ist das Ergebnis der üblichen Sinnsuche, die mit der eigenen Sterblichkeit startet, sich über bildhafte Mythen zu geistig vorstellbaren Gottwesen hangelt und schließlich aus dem Quark ein systematisches Gebäude schwiemelt, das in der organisierten Welt natürlich verwaltet, geführt und nicht zuletzt kostenpflichtig vertrieben wird, um den inneren Frieden der Schafherde zu sichern. Aus allerlei Erweckungs- und Feinstofftrallala strickt der jeweilige Teilzeitguru eine nach traditioneller Schulphysik absurde Weltvorstellung, die für jedes Problem eine Antwort aus dem Ärmel zieht, den meist in privater Mission zur Weisheit gekommenen Erleuchtungsträgern die Taschen füllt und dafür den Jüngern die einzig wahre Wahrheit verschafft, die es so noch nie gab. Zwar folgen den Meistern nur ein paar Auserwählte, die sich nicht unbedingt wundern, warum das Wesen, das ganz allein das Universum erschaffen hat, die Errettung der Erde unbedingt einem wegen Scheckbetrug und Fahren ohne Führerschein mit fünf Halben in der Rübe vorbestraften Schiffschaukelbremser aufgetragen hat, der bisher nicht über das Weichbild von Bad Gnirbtzschen hinausgekommen war, wenn man von den drei JVA-Sitzgelegenheiten absieht, aber sei’s drum – Buddha soll nicht einmal ein Auto gehabt haben. Und man muss ja auch dran glauben.

Schon die Einführung neuer Religionen ist nicht immer von Erfolg gekrönt, wie Amenophis IV. bei der Umgestaltung der ägyptischen Götterwelt zum Monotheismus Priester wie Laien vors Knie trat und auf wenig Verständnis stieß. Und das, obwohl die Sonnenverehrung von Kelten, Inuit und Inka, Assyrern und Phöniziern als Allroundglaube für die ganze Familie angeboten wurde und sich in Gestalt des Sol Invictus bis heute als Convenience-Produkt des bürgerlichen Christentums kommerziell gut ausschlachten lässt, auch wenn die meisten nicht ahnen, dass er der wahre Weihnachtsmann ist. Die brillante Idee eines gut konsumierbaren Glaubens, der sich problemlos in den Lifestyle der Leute integrieren und je nach Bedürfnis sanft oder radikal ausleben lässt, hängt also nicht allein vom Angebot ab, sondern vor allem von der Nachfrage, und die kann man bekanntlich steuern. Wozu es Marketing ja schließlich gibt.

In der Gegenwart ballert sich jeder Honk seinen individuellen Mix aus Zen und Zarathustra zurecht, kreiert zur Tao-Tantra-Taufe im Thortempel mit Hare-Maria-Rebirthing sein evangelikales Voodoo-Mantra, mit dem er jederzeit auch Heilhüpfen in konzentrischen Kreisen um das Feuer der Venus vollführen kann, ohne gegen gnostische Dogmen zu verstoßen – wie in jeder anständigen Esoterikblase glaubt jeder den eigenen Schmodder, singt bis zum Frühstück Psalmodien und schwenkt danach auf den Edlen Achtfachen Pfad um, verzichtet bis auf Schnaps auf alle Drogen und rezitiert zur Vorsicht sämtliche Sutren nur in Landessprache. Irgendwann hat er das Gefühl, er müsse zur Abwechslung mal wieder in die Kirche; meist kommt das zu Ostern, dessen Bedeutung ihm auch nur noch vage geläufig ist, oder beim zufälligen Blick auf den Lohnzettel, der immer noch eine steuerpflichtige Konfession aufführt. Ansonsten aber ist der moderne Mensch glücklich und zufrieden, wenn er sich von einem größenwahnsinnigen Dummklumpen vorschreiben lassen darf, wie er sich ernähren, die Fortpflanzung gestalten und kleiden soll, immer dessen eingedenk, dass er für die wesentlichen Grenzsituationen wie Geburt oder Tod nicht auf sozialkompatible Formen der geistigen Vereinigung hoffen darf, und dann geht’s schnell zurück zum Pastor. Das Verfahren ist von Alternativmedizinern und richtigen Ärzten aus dem durchschnittlichen Ernstfall bestens bekannt. Jäh fragt sich dann der Bekloppte, wohin denn er nun gehe, und siehe, es gibt auch da keine ansatzweise befriedigende Antwort. Man muss halt daran glauben. Wem kaufen wir das nur ab.


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