Drei Prozent

16 02 2022

„So wenig?“ „Ich kann mir das nicht vorstellen.“ „Aber die Umfrage ist repräsentativ.“ „Stimmt, es waren mehrere zehntausend Bürger.“ „Aber drei Prozent, ich meine: drei Prozent?“ „Wir haben eben einen Fehler gemacht.“ „Nicht nur einen.“

„Dass sich Umfragewerte mal verschieben, das ist ja nicht neu, aber das hier kann doch nicht wahr sein.“ „Es steht da aber so: nur noch drei Prozent der Bundesbürgerinnen und Bundesbürger könnten sich vorstellen, bei der nächsten Bundestagswahl ihre Stimme abzugeben.“ „Das ist katastrophal!“ „Statistisch gesehen ändert sich ja zunächst nichts am politischen System.“ „Aber es gibt eben keine Mehrheit mehr!“ „Hat uns das vorher interessiert?“ „Ganz ehrlich, mich interessiert das immer noch nicht.“ „Solange wir diese Wahlen irgendwie auf die Reihe kriegen, sind sie auch gültig.“ „Eben, die Wahlbeteiligung ist da auch nur eine Zahl.“ „An die politische Legitimation denken Sie nicht?“ „An die denkt nach der Wahl sowieso keine Sau.“

„Was heißt das jetzt nach geltenden Gesetzen?“ „Nichts.“ „Wenn die Hälfte von drei Prozent eine Partei wählt, dann hat die die absolute Mehrheit.“ „Das ist doch nicht demokratisch!“ „Warum nicht, haben Sie Angst vor der politischen Meinung des Volkes?“ „Das stärkt nur die Ränder.“ „Wenn wir uns in Richtung Extremismus bewegen, könnten wir von der Entwicklung sogar noch profitieren.“ „Denken Sie nicht einmal daran!“ „Wieso nicht?“ „Das kann man den Wählern doch nie vermitteln!“ „Vor der Wahl oder danach?“ „Das macht auch keinen großen Unterschied, wenn Sie mich fragen.“ „Bei drei Prozent wird Sie eh keiner mehr fragen.“ „Aber der Wahlkampf wird wesentlich leichter.“ „Stimmt, wir müssten nur noch Politik machen, von der eine kleine Zielgruppe profitiert?“ „Also wie jetzt auch schon.“ „Aber jetzt wissen wir, wer diese kleine Zielgruppe ist.“ „Ich vermute, die gehen eh nicht zur Wahl, weil sie schon wissen, was kommt.“ „Oder es ist ihnen egal.“ „Das eine muss das andere nicht zwingend ausschließen.“ „Trotzdem ist das ja im Wahlkampf immer auch ein bisschen schwer zu kommunizieren.“ „Dann müssen wir eben einen Weg finden, den Durchschnittsbürgern zu erklären, dass Steuergeschenke für Superreiche nur dann funktionieren, wenn die ärmere Bevölkerung sich solidarisch zeigt.“ „Das könnte zu Protesten führen.“ „Ja.“ „Und?“ „Nichts, wir sitzen das halt aus wie vorher.“

„Vielleicht müssen wir einfach mal umdenken.“ „Ich würde das sehr begrüßen.“ „Genau, das würde doch auch sehr gut funktionieren, wenn man den Rest der Bevölkerung konsequent als schweigende Mehrheit anspricht.“ „Also machen wir Politik für die, die uns nicht wählen?“ „Bis jetzt machen wir für, die uns wählen, keine Politik.“ „Wo ist da der Unterschied?“ „Sagen Sie es mir.“

„Müssten wir nicht den Menschen ihre Stimme zurückgeben?“ „Wollen Sie Wahlzettel vom letzten Mal ausgraben?“ „Nein, eher so metaphorisch.“ „Aha.“ „Das sieht ja nach einem großartigen Erfolg aus.“ „Wenn nicht mehr Menschen wieder wählen, dann wird sich auch nichts ändern.“ „Die meisten Menschen wählen aber nicht mehr, weil sich bisher dadurch nichts geändert hat.“ „Das sind doch jetzt rhetorische Feinheiten.“ „Man müsste eben wieder viel mehr Politik für die Menschen machen.“ „Oder es ihnen zumindest versprechen.“ „Und dann werden wir wieder gewählt?“ „Man kann ja erst mal sagen, dass wir Politik für das ganze deutsche Volk machen.“ „Haben wir das nicht sowieso so immer gemacht?“ „Möglicherweise haben wir es nur nicht so kommuniziert.“ „Das würde jetzt sicher viel ändern.“ „Auf der anderen Seite könnten sich die Menschen dann sagen, wenn wir sowieso für alle Politik machen, müssen uns ja nicht mehr alle auch gleich wählen.“ „Das klingt logisch.“ „Eben, so denkt doch kein Mensch.“

„Meine Güte, dann müssen wir endlich mal eine neue Zielgruppe definieren, für die wir anständige und ehrliche Politik machen können!“ „Das gefällt mir.“ „Was genau?“ „Also das mit der Zielgruppe.“ „Dass wir anständig und ehrlich sind, glaubt eh kein geistig gesunder Mensch.“ „Stimmt auch wieder.“ „Da haben wir dann die hart arbeitenden Menschen draußen im Land, die…“ „Was heißt ‚hart arbeiten‘?“ „Aktienbesitzer.“ „Jedenfalls keine Handwerker, wenn Sie das meinen.“ „Also ich kenne keine.“ „Aktienbesitzer?“ „Handwerker.“ „Und was ist mit ‚draußen im Land‘?“ „Das ist die Stadtbevölkerung?“ „Jedenfalls alles außerhalb der Parteizentrale.“ „Die Familienväter natürlich nicht zu vergessen.“ „Aber auch allein erziehende Väter, wir müssen den gesellschaftlichen Wandel im Auge behalten.“ „Und Mütter?“ „Lassen Sie uns jetzt nicht den zweiten oder den dritten Schritt vor dem ersten tun.“ „Aber das Soziale?“ „Wir reden hier über die Gesellschaft, das können wir nicht ständig mit Einzelinteressen vermischen.“ „Aber es darf doch auch nicht sein, dass wir mit Wahlen wieder nur legitimieren, was dann hinterher gegen Wähler unternommen wird.“ „Deshalb ja unsere Definition einer neuen Zielgruppe, die wir explizit ansprechen und als unsere Wähler bezeichnen.“ „Und wenn wir die nicht erreichen?“ „Oder, viel schlimmer: wenn die uns gar nicht wählen?“ „Wenn Sie die Klugen als Zielgruppe ansprechen und von Doofen gewählt werden, lehnen Sie die Stimmen dann ab?“ „Auch wieder wahr.“ „Dann sehe ich ein klares Konzept für die kommenden Wahlen: Politik für alte, weiße Männer an der Spitze der Vermögenspyramide.“ „Sehr gut!“ „Hmja.“ „Das kommt an.“ „Ehrlichkeit und Kontinuität, im Ergebnis bleibt alles, wie es ist – ich glaube, die Demokratie hat eine Chance.“