Gernulf Olzheimer kommentiert (DCII): Fredkins Paradoxon

18 02 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die kulinarischen Möglichkeiten des Pleistozän waren überschaubar. Buntbeeren mit Mammut, Mammut an Buntbeeren, Buntbeeren-Mammut oder ähnliche Speisen waren vorherrschend, falls nicht mindestens eine Komponente ausfiel. Der Ersatz durch Säbelzahnziege oder Wollmaulwurf machte kaum einen Unterschied. Und doch waren manche Hominiden keine verfressenen Rohlinge, die das Mahl achtlos verschlangen. Nggr beispielsweise saß oft sinnend vor dem Schüsselchen und frug sich, ob er erst das gebratene Stückchen Fleisch oder die gestoßenen Beeren verzehren sollte. Hätte eine der Frauen in der Sippenhöhle zur Frühjahrsdiät wieder angeröstete Grassamen oder Froschlaichkompott aufgetischt, die Wahl wäre eindeutiger gewesen, aber jetzt, wo es kaum einen Unterschied machte, erschwerte es die Wahl beträchtlich. Willkommen in der Welt des paradoxen Handels.

Unvoreingenommen betrachtet sollte man wohl meinen, eine Wahl zwischen zwei annähernd gleichen Möglichkeiten – Apfel oder Birne, das rote oder das blaue Hemd, warme Milch oder lauwarme – stelle eine Augenblicksentscheidung dar, da sie den restlichen Verlauf der Dinge nur unwesentlich verändert, den Entschlussfreudigen in seiner ganzen Kraft geradezu herausfordere und sich sogar zum Impulsgeber für die restliche Existenz umdeuten lässt. Immerhin haben Marketingnervensägen mehr als einmal herausgefunden, dass eine übergroße Auswahl an Produkten den Verbraucher zielsicher zur Verzweiflung treiben, so dass er am Ende ohne einen Kauf wieder den Laden verlässt und sich statt an einer der dreihundert Konfitüren mit Margarine zufrieden gibt. Hätte der Händler das Sortiment auf ein vernünftiges Maß beschränkt, je sieben Sorten in drei Preislagen, der Käufer hätte nach kurzer Abwägung und nicht ohne impulsive Komponente zu Him- oder Erdbeere gegriffen.

Man mag meinen, die augenblicklich getroffene Entscheidung, wenn zwei Sorten Konfitüre auf dem Tisch stehen für nur eine Scheibe Brot, ließe sich befriedigend mit Münzwurf, Abzählreim oder Pendeln erledigen, doch wir haben nicht mit der Tücke des menschlichen Geistes gerechnet. Je weniger Alternativen existieren und je ähnlicher sie sich sind, desto mehr treiben sie den Bekloppten in die ausweglose Enge. Die falsche Frucht kann den nächsten Weltkrieg auslösen, katastrophales Karma erzeugen oder die Entropie unrettbar zerstören. Wie soll man in solchen Augenblicken ruhig bleiben?

Unterscheiden sich die Möglichkeiten allerdings signifikant – Kombi oder Sportwagen, Tee oder Schnaps, drei Wochen Karibik oder drei Tage Knast – tritt der durchschnittliche Honk in den Prozess der argumentativen Abwägung ein. Möglicherweise sind drei Tage ohne Ehegespons so attraktiv, dass er die Karibik sausen lässt, dafür kommt ihm werktags Schnaps gerade recht, um den Rest aller Fragen zu verdrängen. Ob nun Vernunft oder Unvernunft die Oberhand hat, Kopf und Bauch eine beängstigend dumme Lösung zusammenschwiemeln oder das rationale Handeln vorgetäuscht wird, damit man später etwas zu bereuen hat, irgendwann werden die Würfel gefallen sein, und dies in annehmbarer Zeit. Erst bei zwei Sorten Schnaps, einem roten Kombi oder demselben Modell in blau beginnt das Problem der Entscheidung, die ohne einen höheren Informationswert zwischen A und B herumirrt, statt endlich zu handeln.

Ganz unbemerkt gerät auch die Zeit zum Parameter der Optimierung: je länger das Zögern, desto stärker das Missverhältnis der Unwichtigkeit. Gleichzeitig wird das Verhalten selbstbezüglich, da die Kosten des Zögerns selbst den Informationswert negativ beeinflussen. Mit dem Aufstand, mit dem manchen Menschen sich zwischen Erdbeere und Pflaumenmus entscheiden, stoßen Manager ganze Unternehmen ab und gründen neue Konzerne.

So wenig, wie der Überfluss an Auswahl die Freiheit begünstigt, seien es hundert TV-Sender oder zwanzig Supermarktketten, die ihre Me-Too-Produkte unter linguistisch schwächlichen Namen zum Einheitspreis in die Regale schaufeln, wie es uns der Kapitalismus unablässig als Notwendigkeit in die Ohren heult, so wenig erleichtert die minimal gehaltene Möglichkeit unter Ausschluss der Risiken den Weg zum Seelenheil. Nicht einmal die Spieltheorie rettet uns, wenn nicht in jedem siebten Glas der Zonk wartet und für jede Sorte noch eine Konfitüre gratis verspricht. Der Mensch ist frei, und das im Rahmen seiner Möglichkeiten. Es ist gut, wenn wir dies nur im Einzelhandel merken.

Wahrscheinlich wäre ein partiell eingeführter Sozialismus nicht unbedingt die schlechteste Sache für die Handlungstheorie. In einem idealen Staat, der zumindest die Grundbedürfnisse der Menschen befriedigt und ausreichend Brotaufstrich für alle zur Verfügung stellt, ohne dass ein Wirtschaftsplan Früchte und Gläser durch Fehlallokation aneinander vorbeiproduzieren lässt, könnte mit einer Sorte die ausreichende Sättigung der werktätigen Personen sichern, wenn auch das Frühstück so erheblich eintöniger wäre. Aber der Einkauf ginge schneller. Und wir hätten wieder mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge.