Gernulf Olzheimer kommentiert (DCVI): Der Korrumpierungseffekt

18 03 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das musste man Uga lassen: er war ein fleißiger Pflücker von Buntbeeren, der schon in aller Frühe die Einsippenhöhle verließ und stets mit dem Korb voller Früchte zurückkehrte, während man seinen arbeitsabstinenten Schwager nur unter Androhung körperlicher Gewalt dazu bekam, seinen eigenen Müll wegzuräumen. Das temporäre Anwachsen der Population, sicher auch durch bessere Versorgung mit Vitaminen und Antioxidantien begünstigt, ließ auch den Bedarf an Pflanzenkost steigen, was aber den Faulpelz nicht dazu bewog, den tatkräftigen Verwandten zu unterstützen. Erst der Älteste sorgte für einen organisatorischen Ausgleich, indem er die Fleischportionen des phlegmatischen Dödels um ein paar Bissen aufstockte – und aus Gründen der Gerechtigkeit Ugas Anteil gleichfalls. Es kam, wie es kommen musste. Während der träge Troglodyt für etwas Eiweiß jeden Tag in die Büsche ging, lag nun Uga auf der faulen Haut, weil er einfach keinen Bock mehr hatte. Er war nicht unsozial geworden, der Korrumpierungseffekt hatte zugeschlagen.

In der Erwerbsarbeit läuft es nicht anders. Wer für die Tätigkeit, die er aus intrinsischer Motivation begann, nun mit ausreichend hohem materiellen Anreiz belohnt wird, wird diese Beschäftigung zwar beibehalten, aber eben als Job und nicht aus Berufung, so dass die Qualität seiner Arbeit nach und nach auf ein akzeptables Mindestmaß sinkt, während sie bei einem anderen Arbeitnehmer, der die gleiche Verrichtung rein des Geldes wegen auf sich nimmt, mit stumpfer Routine abläuft, die nicht einmal das limbische System aus dem Schlaf holt. Wird nun der äußere Anreiz, kurz: das Gehalt, an das sich beide gewöhnt haben, gekappt oder steigt es nicht proportional zur Belastung an, so ist der rein extrinsisch Motivierte im Vorteil, denn nur der ursprünglich aus eigenem Antrieb Tätige spürt den Verlust von Selbstwahrnehmung und -wirksamkeit, die er für ein bisschen Kohle eingetauscht hat. Es handelt sich schlicht um einen Gewöhnungseffekt, da Lohn meist als Kompensation begriffen wird – der Begriff hat es bis ins Fachdenglisch geschafft – und in Komplexstrukturen aus leistungsbezogenen Boni, Incentives und Krimskrams enden, aus denen sich der Bekloppte seinen Gehaltszettel schwiemeln kann, immer in der Hoffnung, dass der Kollege vor Neid auf Firmenkarre und Kantinenfraßzuschuss detoniert. Doch dem ist nicht so.

Ab einer gewissen Höhe setzt die natürliche Trägheit der Denkmasse ein, und sie wird bei dieser wirtschaftspsychologischen Bastelstunde mit dem Holzhammer auch die Unternehmer erwischt haben. Haben sich die flexibilitätsbekifften Erfinder von Cafeteriamodell und Zuschusshölle blenden lassen von pseudokonfuzianischen Kalendersprüchen, dass der, der sich einen Beruf sucht, den er liebt, für den Rest seines Lebens nicht mehr arbeiten müsse, so haben sie eins der so zahllos wie überflüssigen Anreizsysteme erschaffen, die ausschließlich mit Geld funktionieren und deshalb eben gar nicht. Wer sein Hobby zum Beruf macht, der ist danach sein Hobby los. Aber wer verlangt von Knalltüten mit Triller unterm Toupet, dass sie denken. Und wozu.

Die bereits ins Gehalt kalkulierte Belohnung in Form von Boni oder Gratifikationen sind nur mehr ein etwas anders lackierter Lohnteil, sie befriedigt das Bedürfnis nach Autonomie oder Anerkennung ungefähr so wie ein Lehrer, der den Klassenprimus lobt, weil er der Beste ist, und der Klasse erklärt, dass er das von ihm auch erwarte. Leider sind die Kompetenzen unter Führungskräften nur selten so ausgeprägt, dass sie sie auch anderen zugestehen, geschweige denn sie dafür anerkennen würden. Sie erwarten Wachstum von irgendwas, das dann aber kompensiert werden muss, weil sonst ihre einfache Rechnung nicht mehr aufgeht. Und so trampeln sie mit der Waffe der Bewertungsangst in einem von Konkurrenzdruck geprägten Umfeld lustig auf dem Antriebsverhalten ihrer Mitarbeiter herum.

Schließlich muss dieser logische Fehlschluss auch für einen psychologischen Kardinalfehler des Kapitalismus herhalten: die belohnungsgesteuerte Leistung ist für die Organisatoren der Ökonomie die einzig denkbare Grundlage. Nie käme ihnen in den Sinn, ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre die Lösung, eine dauerhaft selbstwirksame intrinsische Motivation zu erhalten, die nicht mehr korrumpierbar ist durch Stimuli, die kontinuierlich erhöht werden müssen, weil das heilige Wachstum es so verlangt. Eine anreizgesteuerte Arbeitswelt wäre letztlich die fortwährende Freisetzung von Kräften, die zudem noch die Selbstermächtigung fördert, eine zusätzliche extrinsische Motivation so auszuhandeln und anzunehmen, dass sie anderen Ansporn nicht mehr zerstört. Der gemeine Mann wäre zufriedener, die Qualität seiner Arbeit nicht geringer als heute, aber er wäre nicht mehr durch ein paar Standardmechanismen zu kontrollieren. Das bereitet freigiebigen, gutherzigen Managern so richtig Kopfweh, auch wenn nur Phantomschmerz dabei auftritt. Im fahlen Glanz einer Dienstreise mit der auch privat genutzten Firmenlimousine müssen sie Lösungen finden, und sie finden Lösungen. Sie erhöhen ihre Boni, damit sie irgendwann Lösungen finden. Korrumpierbar ist schließlich jeder.


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