Gernulf Olzheimer kommentiert (DCVIII): Wundertechnologie

1 04 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Eine Handvoll Buntbeeren aus dem Schälchen, das Rrt gerne in der Hinterecke der Einsippenhöhle vergaß, bis der Inhalt sichtlich blubberte, und schon wurde dem Jungvolk abends am Feuer wundersam duselig in der Birne. Manch einer prahlte von irren Jagderfolgen, andere brüsteten sich damit, wie sie die attraktivsten Frauen aus dem Nachbarstamm am anderen Steppenende beeindrucken würden, hätten sie erst ein präsentables Ausgehfell. Der Alte aber nahm noch ein paar vergorene Früchte, um seine oft erzählte Vision aus der Hirnrinde zu schaben, wie er nämlich dereinst mit Strahlen vom Großen Faultier die Säbelzahnziege erlegen würde. Die Jugend sah mit Bedauern auf ihn, der beharrlich den Totemlaser beschwor, ohne dass es irgendeinen Weg geben würde, dies Ding zu erfinden. So blieb die Waffe, was ein Großteil der für jedes Problem antizipierten Patentlösungen heute noch ist: Wundertechnologie, jenseits des Denkbaren, fern jeder Machbarkeit.

Gebannt starren die Grützbirnen auf das Gelaber neoliberaler Realitätsallergiker, die einfach nicht akzeptieren wollen, dass Naturgesetze nicht mit der Parteiideologie wegzubeten sind. Wichtig wirkende Wichtel sondern reflexhaft denselben Sums ab, der aus allen Ritzen eines mühsam aus Versatzstücken zusammengeschwiemelten Halbwissens quillt: mit der Schwerkraft werden wir auch noch fertig, bis zur nächsten Wahl können wir Quanten klonen, mit der Steuersenkung finanzieren wir die Reise unter den absoluten Nullpunkt. Bisweilen wundert es nur, dass nicht allen Dummdeppen in Schallweite die Fußnägel einzeln hochklappen, aber dann ist da ja auch noch der allgemeine Bildungsmangel, der es nicht unwahrscheinlich macht, dass alle glauben, was der dumme Onkel da oben unter sich lässt. Wahrscheinlich glauben es Blinde mit chronischer Technikbegeisterung selbst, was sie da schwafeln, anders ist der kollektive Hirnschrott kaum denkbar.

Offenbar dringt nicht immer in die Denkwatte, wie Wissenschaft arbeitet: in kleinen Schritten, von der Beobachtung über die Grundlagenforschung bis zur prototypischen Anwendung, die mit Glück in Serie geht und nicht nur unter Laborbedingungen den beabsichtigten Effekt erzielt. Was die Deppen in den Elfenbeintürmen der Politik jedoch wollen, sind Alchimisten, die es mit ein bisschen Voodoo regnen lassen und Stroh zu Gold spinnen können, damit ihre Gier hinreichend befriedigt wird. Die Zauberer in den jetztzeitlichen Hexenküchen sind die externalisieren Erfüllungsgehilfen der Allmacht, mit der sie sich gerne ausgestattet sehen würden. Schade nur, dass auch mit viel Brimborium die Machtverhältnisse sich nicht ändern.

Abgesehen von der unethischen Verwendung technischer Neuerungen – dieselbe Kernspaltung erzeugt Elektrizität und unbewohnbares Terrain, mit künstlicher Intelligenz sind Blutdruckmessgeräte möglich, die vor einem Herzinfarkt warnen oder den Träger ausspionieren – schafft sich der Kult um die Supermodernität einen Maschinenpark mit fatalen Nebenwirkungen. Haben wir schon durch die industrielle Revolution die Verarmung weiter Gesellschaftsschichten geduldet, die als Proletarier vom Kapitalismus ausgespuckt wurden, wird die Durchsetzung des Verbrennungsmotors in seinen vielen Gestalten uns ein paar Meter Meeresspiegel unter der Gasglocke kosten. Was immer wir noch erfinden werden, verhindert keinen Weltenbrand, es lässt höchstens etwas Spielraum beim Löschen.

Die Herausforderungen der Zukunft werden viel komplexer sein als bisher angenommen, wenn erst einmal Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Katastrophen sich voll entfalten: Erderwärmung, Wassermangel, Bodenerosion, Pandemien, dazu soziale Verwerfung durch demografischen Wandel, Bildungsversagen, Migrationsbewegungen und die militärischen Kurzschlusshandlungen lange auf Rosen gebetteter Diktatoren. Längst hätten wir auf den Lärm der Alarmglocken reagieren müssen mit panischem Geschrei, aber wir warten noch ab, bis die selbstgerechten Koksgnome ihre Egoshow zu Ende abgezogen und uns goldene Landschaften vorgetanzt haben. Dann fangen wir gleich an.

Das Wunder aber, diese religiöse Verheißung der kapitalistischen Kirche des börsennotierten Todeskults, es wird nicht kommen, völlig egal, wie lange wir darauf warten. Und während wir darauf harren, während uns von den Einsichtigen mit der Keule gedroht wird, das leckgeschlagene Schiff mit Bordmitteln leer zu schöpfen, statt auf himmlische Hilfe zu hoffen, passiert: nichts. Wir sind zu sehr beschäftigt, uns utopischen Schmodder auszumalen, der uns retten wird, dass wir mit Scheinlösungen und Placebos zufrieden sind. Wie dem Gaul hängt uns die Möhre vor der Nase, aber sie ist uns nicht gut genug. Und da irgendwann der Apparillo gebaut wird, mit dem man CO2 einfach wegzoscht, bollern wir bald autonom im SUV bei Tempo 300 über die Autobahn und lesen dabei das Gehetz, mit dem man uns das Grillsteak als letzten Ausdruck menschlicher Würde abschnöden will. Das Leben ist doch schon so kurz, da kann man auf manche Errungenschaft nicht so leicht verzichten. Denn sterben müssen wir alle. Dagegen sollte mal einer etwas erfinden.


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