Showtime

6 04 2022

Ich war früh dran, außer ein paar Bühnenarbeitern sah man noch nichts. Bestimmt würden sie im Laufe des Morgens erst die poppigen Kulissen der letzten Unterhaltungssendung abbauen, jedenfalls erwartete ich das. Doch nichts dergleichen geschah. Sollte ich mich im Studio geirrt haben?

„Immer noch dieselbe Brühe“, knurrte es schräg hinter mir; da war mir klar, dass Siebels mir keinen falschen Standort angegeben hatte. Der große alte Mann der TV-Produktion, oft als graue Eminenz der Mattscheibe bezeichnet, schlenzte den Becher aus dem Handgelenk in den Mülleimer an der Wand. Ohne Automatenkaffee war er nicht zu ertragen, mit aber auch nicht. „Wir sind hier richtig für dies neue Nachrichtenformat?“ Er nickte müde. „Kein Plan, wie man die Subboomer aus dem Chill catcht, aber wir sind on the fly.“ Vielleicht hatte ich mich auch nur verhört, aber die ganze Sache bereitete mir noch immer enorme Schwierigkeiten.

„Ich bin ein bisschen spät“, keuchte der Mann im goldenen Trainingsanzug. „Können wir das Skript bitte noch einmal kurz durchgehen?“ Er hätte Siebels auch um eine Einführung in die Philosophie in tausend Häppchen bitten können, seine Miene sagte: such Dir einen Job, bei dem Du Reißnägel nach Geschmack sortieren kannst. Die Assistentin hieb ihm das Papier in den Bauch. Der Produzent sah mich entschuldigend an. „Wenn man aktuelle Nachrichten auf den Tisch bekommt, kann man auch nicht um eine Stunde Bedenkzeit bitten.“

Stampfende Rhythmen brachen los. Eine Art Feuerwerk im Sparmodus – jeder musste ja seine Stromrechnung im Auge behalten – begleitete die Fanfare aus ein paar Dutzend Synthesizertröten, die den Auftritt von Paolo Tamburini begleiteten, der in Glitzermontur die Treppe hinabstieg. „Aus“, röhrte die Aufnahmeleiterin durch den Lautsprecher. „Ich habe schon viel Mist gesehen, aber das brauche ich wirklich nicht!“ Die Beschallung war bereits weg, die Lichter flackerten noch ein paar Sekunden nach, und schon ging alles wieder von vorne los. „Es ist anscheinend zu einfach“, murmelte Siebels. „Sie sind fürs Affektfernsehen nicht mehr geeignet.“ Doch der blinkende Anchorman tänzelte hüftstark und grinsend auf die Bühne und begrüßte sein imaginäres Publikum. „Meine Damen und Herren“, johlte er, „heute für Sie: Bombenangriffe!“

Hatte ich mich etwa verhört? Siebels warf einen kurzen Blick in den Plan. „Alles gut.“ Vielleicht war ich nicht ganz wach. „Wir sind so weit im Soll, er müsste jetzt nur noch die Übergabe an die da schaffen, die da eben gerade nicht steht.“ Offenbar hatte es auch die Aufnahmeleiterin bemerkt, die nur zögerlich aus ihrem Lehnstuhl aufstehen wollte. „Ich wollte das wirklich nicht sehen.“ Siebels zog unmerklich eine Braue in die Höhe. Ihre Karriere hatte sich für einen anderen Weg entschieden.

Günther Krzyznankowialek, wie der Goldjunge bürgerlich hieß, war die Sache unangenehm. „Sie ist manchmal etwas streng“, lächelte er verzweifelt, „sie versteht ja nicht, worum es hier geht.“ Siebels warf einen Blick auf sein Treatment. „Hauptsache, die Zuschauer verstehen es.“ Tamburini hüpfte die Treppe wieder hinauf, das Studio verdunkelte sich, die blecherne Musik setzte ein. „Heute für Sie: das Klima ist im Arsch!“ Irgendjemand musste etwas ins Leitungswasser gekippt haben, jedenfalls ging das nicht mehr mit rechten Dingen zu. „Regen Sie sich ruhig auf“, sagte Siebels seelenruhig. „Genau das ist ja der gewünschte Effekt.“

Insgesamt sieben Anmoderationen ließ er den armen Mann proben, der schwitzend und verstört auf der Treppe hockte und eine Zigarette rauchte. Die Aufnahmeleiterin hatte schon gar nichts mehr dazu gesagt. Der Kaffeeautomat streikte. „Wir könnten natürlich auch eine gewisse Komik in die Auftritte bringen“, überlegte der Produzent. „Aber das bringt die Stimmung auch schnell zum kippen, wir bewahren uns das als allerletzte Möglichkeit.“ Krzyznankowialek nickte geistesabwesend. Als Krawalldarsteller war er in allerhand Sendungen aufgetreten, aber das war auch für ihn neu. „Ich habe immer das Gefühl, dass das absolut unpassend ist.“ Siebels nickte. „Damit kommen wir der Sache schon mal näher.“ Hatte ich das richtig verstanden? „Natürlich nicht das reine Overacting“, dozierte er, „damit schaffen wir allenfalls kurzfristig ein wenig Aufmerksamkeit, aber hier geht es prinzipiell um Verfremdung.“ Ich begriff. „Die Zuschauer sollen wieder einen Maßstab dafür bekommen, was an den Nachrichten wichtig ist.“ Siebels wiegte den Kopf. „Ja und nein – nicht rein objektiv, wir wollen das Publikum ja auch emotional sensibilisieren.“

Tamburini war die Treppe emporgestiegen. Es wurde dunkel. Musik. Scheinwerfer. Auftritt. „Wieder gibt es neue Opfer unter der ukrainischen Zivilbevölkerung“, rief der Schauspieler, „und die Deutschen sind in großer Sorge: wird es dieses Jahr zu Ostern ausreichend Plastikmüll zum Einwickeln von Schokoladeneiern geben?“ Die Assistentin sah auf die Aufnahmeleiterin; sie nickte gottergeben und hob den Daumen. Konservenlachen erscholl. Die Nachrichtensprecherin trat in den Lichtkegel neben der Treppe. Siebels war zufrieden. „Wir haben sicherlich nicht alle Antworten, wir stellen aber die richtigen Fragen.“ Tamburini tänzelte um die Sprecherin herum, die keine Miene verzog. Ob sich das Format durchsetzen würde? Vielleicht. Es würde sich nur irgendwann auch abnutzen wie alle anderen Formate, mit denen man das Interesse der gelangweilten Trottel auf dem Sofa gewinnt und wieder verliert. Aber so weit waren wir sicher noch nicht. Noch hatten wir diesen zappelnden Mann in seinem goldenen Trainingsanzug.